Stand: 11.06.2020 12:24 Uhr

Agnes Krup: "Sommergäste"

von Peter Helling

"Sommergäste" von Agnes Krup

Vorgestellt von Peter Helling

Nach ihrem ersten Roman "Mit der Flut" von 2017 erscheint jetzt Agnes Krups zweiter: "Sommergäste". Inspiriert wurde die in Hamburg-Finkenwerder geborene Autorin durch eine Insel in der kanadischen Provinz New Brunswick. Nicht nur von der Landschaft, sondern auch durch einen Ornithologen und eine Schriftstellerin, die vor rund einhundert Jahren auf der Insel gelebt und gearbeitet haben. 

Crawford Maker hat einen Albatros im dichten Nebel vor Rockcliff Isle an der kanadischen Atlantikküste geschossen. Das wird ihm kein Glück bringen. Er ist ein Raubein mit Clint Eastwood-Charme, wortkarg, knurrig und ein leidenschaftlicher Sammler von Vögeln. Er stopft sie aus, besser: "stellt sie auf", so heißt es korrekt, oder schickt sie an große ornithologische Sammlungen.

Er war groß und schmal, hatte ein langes, ebenmäßiges Gesicht mit grauen, lebendigen Augen. Sein Haar war voll und dunkel, und abgesehen von einem kleinen Bärtchen auf seiner Oberlippe war er glatt rasiert, was die Fischer auf Rockcliff Isle auch nicht oft waren, schon gar nicht, wenn sie morgens vom Wasser kamen.   Leseprobe

Ein Sommer-Cottage an der kanadischen Atlantikküste

Immer Sommer 1925 besuchen die Schriftstellerin Charlotte Overbeck und ihre Geliebte Ellen Sinclair die Insel, auf der sie ihr Sommer-Cottage herrichten wollen. Es ist für Charlotte ein Ort zum schreiben. Ellen, die Jüngere, Schöne kümmert sich liebevoll und dekoriert die Wände des Dachbodens mit Rosenmustern.

Agnes Krup, die Autorin des Romans, macht leider dasselbe: Sie dekoriert. In Rückblenden erzählt sie, wie sich Charlotte und Ellen 1912 kennen- und lieben gelernt haben. Ellen ist das Zentrum der Geschichte, sie ist eine begabte Bildhauerin, die ihre Kunst für die schriftstellerische Karriere Charlottes aufgegeben hat. Jetzt findet sie in Crawford Maker einen Seelenverwandten.

Mühsam will Agnes Krup die Übermöblierung ihres Romans sinnlich aufladen, fotografisch genau schildert sie das Abbalgen toter Vogelkörper, aber auch Dorfbewohner, Nachbarn, ein buntes Figurengewimmel. Bald wird klar: Crawford Makers Arbeit inspiriert Ellen, selbst wieder kreativ zu werden. Sie will ihm helfen, den Albatros wiederzuerwecken. Als Präparat.

"Ich möchte ihm das Fliegen wiedergeben. Ich habe ihn gemessen und gezeichnet, wieder und wieder, aber ich weiß nicht, ob ich es kann. Diese weiten Schwingen …" "Darf ich die Zeichnungen sehen?", sagte Ellen. Sie spürte, dass ihn ihre Frage überraschte. "Ich bin - ich war - Künstlerin. Bildhauerin …" Leseprobe

Eine Fototapete, die nie lebendig wird

Schwerfällig setzt sich die Haupthandlung in Gang. Nachdem Maker den wertvollen Albatros ohne Ellens Wissen an ein Naturkundemuseum in Chicago geschickt hat, wird ihm zum Dank eine Forschungsreise in den Kongo angeboten. Maker überredet Ellen mitzureisen, sie soll die erlegten Vögel abzeichnen. Außerdem ist er, man weiß es längst, schwer verliebt. Auch Charlotte kommt mit, die aber bald ahnt, dass sie nur fünftes Rad am Wagen ist. Das Afrika-Bild Agnes Krups ist eine Fototapete, die nie wirklich lebendig wird.

Der Blick, der sich Ellen vom Kraterrand in die fast kreisrunde, von hellgrünem Gras bestandene Hochebene bot, ließ das alles vergessen. Herden von Gnus und Zebras grasten unter ihnen, Antilopen und Gazellen, soweit das Auge reichte. Leseprobe

Historische Akribie und leblose Figuren

Ellen wird in Afrika von Crawford Maker schwanger, verliert aber ihr Kind und bleibt bei Charlotte. Die Figuren wirken so leb- und gesichtslos wie die Vogelpräparate in Makers aufgeräumter Werkstatt. Hier vergehen nur die Jahre im Flug. Der Roman verliert sich in Details, ist ohne Fluss oder Tiefe. Stattdessen: Sightseeing und historische Akribie.

"Es hat sich so vieles verändert. Zu vieles, nicht wahr? Und für mich ist es auch nichts mehr, das weite Reisen." Sie hielten einander an beiden Händen. "Auch der längste Sommer kommt einmal zu einem Ende, Liebes." Leseprobe

Wenn am Ende die gealterte Ellen die Briefe ihrer verstorbenen Freundin ins Kaminfeuer wirft, schleicht sich das Gefühl ein: Man hätte sie sich schon viel früher gewünscht, die Entrümpelung eines Buches mit allzu viel Ballast. Der Albatros bleibt am Boden.

Sommergäste

von Agnes Krup
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-05914-5
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.06.2020 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Agnes-Krup-Sommergaeste,sommergaeste124.html

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