Femizide in Deutschland: Fast jeden Tag wird eine Frau getötet
Gewalt gegen Frauen nimmt in Deutschland weiter zu. Fast jeden Tag stirbt in Deutschland eine Frau durch die Hand ihres Partner oder Ex-Partners. Das zeigt das Lagebild "Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten 2023" des Bundeskriminalamts (BKA).
2023 registrierte das BKA 360 vollendete Tötungsdelikte von Partner oder Ex-Partnern - bei 938 Tötungsversuchen. Und dabei bleibt Gewalt von Männern gegen Frauen oft verborgen. Viele Frauen haben Angst, zur Polizei zu gehen - weil sie fürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird. Der Anteil an weiblichen Opfern, die im Zusammenhang mit partnerschaftlichen Beziehungen Opfer von Tötungsdelikten wurden, liegt bei 80,6 Prozent.
Definition eines Femizids
Der Begriff Femizid kommt aus dem Englischen ("Femicide") und wurde 1976 von der Soziologin Diane Russell geprägt. Im Kontext der internationalen Diskussion bezeichnet er die vorsätzliche Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind. Femizide sind vor dem Hintergrund geschlechtsspezifischer Macht und Hierarchieverhältnisse zu sehen und werden besonders häufig durch männliche Partner oder Ex-Partner verübt. Weiter gefasste Definitionen beziehen alle Ermordungen von Frauen oder Mädchen mit ein, oder umfassen auch Tötungen von Frauen und Mädchen durch Familienmitglieder und im Kontext sexualisierter Gewalt.
Besitzdenken ist ein wichtiger Faktor
Die Frauen werden getötet, weil sie Frauen sind. Der Mann wähnt sich in dem Glauben, dass die Frau ihm gehört, er die totale Macht über sie hat. "Ich glaube, ein wichtiger Faktor ist immer dieses Besitzdenken: Ich darf bestimmen, was meine Partnerin macht", erläutert Christina Clemm, Fachanwältin für Familien- und Strafrecht in Berlin. Außerdem erklärt sie: "Die Täter, von denen wissen wir, dass sie aus allen Herkünften aus allen Schichten kommen. Es gibt eben nicht den Täter-Typus, sondern es kann jeder Täter werden."
Hier finden Opfer häuslicher Gewalt Hilfe
Gewalt gegen Frauen - bundesweites Hilfetelefon
(0800) 01 16 016 (24 Stunden am Tag besetzt)
Opferambulanzen zur gerichtsverwertbaren Dokumentation nach Gewalttaten:
- Bereich Rostock: (0381) 49 49 901, Rufbereitschaft (0172) 95 06 148, St.Georg-Str. 108, 18055 Rostock
- Bereich Stralsund/Anklam/Neubrandenburg: (03834) 86 57 43, Rufbereitschaft (0172) 31 82 602, Kuhstraße 30, 17489 Greifswald
- Bereich Schwerin: (0385) 73 26 80, Rufbereitschaft (0172) 95 06 148, Obotritenring 247, 19053 Schwerin
Femizid-Versuche: Ende einer Gewaltspirale
Der Mord ist in den meisten Fällen das Ende einer langen Gewaltbeziehung. Viele Frauen, die in so einer Partnerschaft leben, schweigen darüber, versuchen die Wunden, die Schmerzen, das Leid zu verbergen. Zu groß ist die Angst, die Scham - und die Hoffnung, dass es wieder besser wird. "Das ist häufig so eine Gewaltspirale. Es fängt mit einem Schlag an. Häufig ist es so, dass sich die Täter dann auch entschuldigen, sagen, es kommt nie wieder vor und ich werde mich ändern. Und dann kommt es aber das zweite Mal vor und das dritte und vierte Mal. Irgendwann hören Täter auch auf, sich zu entschuldigen. Und es geht immer weiter", sagt Christina Clemm.
Zu wenig Prävention und Konfliktberatung
Oft kommt es zum Mord, wenn die Frau versucht, sich aus der toxischen Beziehung zu befreien, erklärt Monika Schröttle: "In dem Augenblick, wo die Frau sich aus der Kontrolle löst und es sicher ist, dass dem Mann die Felle wegschwimmen, dann wird die Entscheidung gefällt zu töten. Es sind extrem selten Spontanhandlungen und extrem häufig geplante Taten." Schröttle koordiniert das "European Observatory on Femicide" und leitet den Bereich Gender, Gewalt und Menschenrechte an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie fordert mehr Prävention, mehr Konfliktberatung, mehr Täterarbeit, mehr Anti-Gewalt-Trainings: "Bei uns zögert niemand, zum Beispiel terroristische Akte zu verhindern, was wichtig ist. Die kommen aber viel seltener vor als Gewalt gegen Frauen."
Vor allem aber müssen die Hilfsangebote, die es gibt, besser koordiniert werden. Frauen, die gefährdet sind und oft auch schon von staatlichen Stellen betreut werden, müssen umfassender unterstützt werden. Anwältin Christina Clemm konstatiert: "Was passieren müsste, ist, dass Hochrisikofälle sehr viel besser, sehr viel schneller analysiert werden. Und dass wir nicht ein Auseinanderklaffen haben von den verschiedenen Behörden, dem Jugendamt, dem Familiengericht, dem Strafgericht. Sondern dass in einem solchen Fall, wenn der auftaucht, gesagt wird: Wir haben hier eine Situation, und die nehmen wir ernst, weil sie nämlich gefährlich ist."
Soforthilfe bekommen Frauen über das bundesweite Hilfstelefon "Gewalt gegen Frauen" unter der kostenfreien Nummer 08000 116 016. Auf der Seite des Hilfstelefon (https://www.hilfetelefon.de/) gibt es ein umfassendes Onlineangebot für Frauen. Die Seite kann man auch anonym besuchen.