Andor Izsák © picture alliance / dpa / NDR Foto: Stella Lauenroth

Andor Izsák über den 200. Geburtstag von Louis Lewandowski

Stand: 01.04.2021 15:25 Uhr

Vor 200 Jahren, am 3. April 1821, wurde der deutsch-jüdische Komponist Louis Lewandowski geboren. Der ungarische Organist, Musikwissenschaftler und Dirigent Andor Izsák beschäftigt sich seit Langem mit der Musik Lewandowskis.

Andor Izsák © picture alliance / dpa / NDR Foto: Stella Lauenroth
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Am Schabbat ist das Leben still und ruhig, so will es die jüdische Tradition. Also musste lange Zeit auch der Gottesdienst in der Synagoge ohne Instrumente auskommen. Erst mit der jüdischen Reformbewegung Anfang des 19. Jahrhunderts kam die Orgel in den synagogalen Gottesdienst. Für den Kantor und Komponisten Louis Lewandowski ging damals ein lang gehegter Wunsch, ein Traum in Erfüllung.

Herr Izsák, Sie haben zu Lewandowskis 100. Todestag im Jahr 1994 seine 18 liturgischen Psalmen neu herausgegeben und im vergangenen Jahr mit dem Ungarischen Rundfunkchor auf CD eingespielt. Sie nennen das eine, so sagen Sie, verspätete Verbeugung unserer Generation. Warum verspätet?

Andor Izsák: Ich durfte als Kind nach der Shoah das neue Leben und die Musikkultur in den Synagogen erleben und musste mit meiner musikalischen Begabung, mit meinem absoluten Gehör wahrnehmen, dass die Musikkultur in der Synagoge zerstört worden war. Darunter habe ich gelitten. Es hat sehr lange gedauert, bis ich 1962 in der Berliner Synagoge in der Rykestraße den Lewandowski-Chor gründete. Ich hatte gehofft, das werde den Durchbruch bringen, er war es aber nicht.

Louis Lewandowski hat buchstäblich auch gelitten. Erst 1865, da war er Mitte 40, konnte er sich musikalisch so entfalten, wie es ihm gefiel. Er wurde in Berlin zum königlichen Musikdirektor ernannt und Dirigent in der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße, die eine große Orgel hatte. Was war dort jetzt plötzlich möglich?

Izsák: Für Lewandowski öffnete sich die Vielfalt der Möglichkeiten zur Entfaltung seines kompositorisches Könnens und seiner Begabung als Interpret. Ich kann das sehr gut nachfühlen. Als ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Opern dirigierte, mit dem Orchester, mit den Solisten und die Bühne - entschuldigen Sie das Wort - aber in der Großen Synagoge war ein Gottesdienst mit der voller Dramaturgie möglich, die auch in einem Opernhaus hätte geschehen können. Also, das muss ein wunderbares Gefühl für ihn gewesen sein.

Noch vor Berlin wurde ja in Seesen am nordwestlichen Harz-Rand die weltweit erste Reformsynagoge errichtet, die auch eine Orgel hatte. Lewandowski lebte damals noch gar nicht, das war ein großer Tabubuch. Was steckt hinter diesem sogenannten Orgelstreit?

Izsák: Da prallen zwei Welten aufeinander: religiöse Menschen, die die Tradition erhalten wollen, und die modernen Menschen, die die Liturgie, die neue Wege suchen. 1810 verwendete Israel Jacobson in Seesen die erste Orgel in einem jüdischen Gottedienst und rief damit das liberale Judentum ins Leben. Die erste Orgel war laut Talmud noch auf dem Tempel zu hören. Durch die Zerstörung des Tempels wurde uns Juden in der Diaspora verboten, die Wahrzeichen des jüdischen Gottesdienstes nachzuahmen. Deshalb fehlen alle Motive der instrumentalen Musik aus der Synagoge.

Andor Izsák und die Musik von Louis Lewandowski

Der in 1944 Budapest geborene Andor Izsák ist Organist, Musikwissenschaftler und Dirigent und war lange Zeit Professor für synagogale Musik an der Hochschule in Hannover. Im Alter von 13 Jahren hörte er zum ersten Mal die Psalmen des Kantors und Komponisten Louis Lewandowski (1821-1894), seither hat ihn dessen Musik nicht mehr losgelassen. Zum 100. Todestag des Komponisten hat er 1994 die 18 Liturgischen Psalmen von Lewandowski neu herausgegeben - und im vergangenen Jahr mit dem Ungarischen Rundfunkchor auch auf CD eingespielt.

Sie haben es gerade schon angedeutet: Louis Lewandowski hat den jüdischen Gottesdienst mit seiner synagogalen Musik gravierend verändert. Sie beschreiben ihn als legendären Neugestalter der jüdischen liturgischen Musik. Wenn man jetzt die Rezeption näher anschaut, fällt auf, dass Lewandowski gerade in christlich geprägten Kontexten sehr viel bekannter ist als in jüdischen. Woran liegt das?

Izsák: Die Notation, die uns Juden verboten war, kam in der jüdischer Musik viel zu spät. Die Problematik mit dem Schreiben - den Text von rechts nach links und die Noten von links nach rechts - wurden mit der Einführung der lateinische Buchstaben gelöst. Leider kam in der Tradition der jüdischen Gotteshäuser nach der Shoah gerade dieses Element nicht mehr zurück. Und deshalb ist es so, dass heute die Psalmen von Lewandowski eher in den Kirchen gesungen werden, als in den Synagogen.

Sie haben einmal in einem Interview gesagt: "Ich bin dafür da, die Musik der Synagoge als eine Flagge hochzuhalten." Welche Rolle spielt dabei für Sie heute Louis Lewandowski?

Izsák: Es wäre unrealistisch, darauf zu hoffen, dass die Musik von Lewandowski wieder in den synagogalen Gottesdienst zurückkehrt. Es wäre schön, aber geht eben nicht. Er ist vielmehr ein Symbol für mich für etwas, was in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft eine großartige Chance bietet: Für die Begegnung, für die Verständigung zwischen Juden und Nichtjuden, auf der höchsten kulturellen Form der Religiosität. Heute suchen engagierte Menschen verzweifelt einen begehbaren Weg in der Politik, in der Wirtschaft oder eben im Sport gegen Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus.

Wenn wir die Psalmen von Louis Lewandowski gemeinsam singen, dann entsteht eine Gemeinschaft, die uns hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lässt. Gerade die Veranstaltungen mit den ganz großen Chören, in den hannoverschen Konzertsälen, aber natürlich auch in der Marktkirche: Viele nichtjüdische Sängerinnen und Sänger - ich möchte wirklich nicht übertreiben, aber es waren mehrere Hundert -  die gemeinsam den Klang der synagogalen Konzerte zurückgegeben haben. Ich weise immer darauf hin, dass die zerstörten Synagogen nicht noch einmal aufgebaut werden können. Aber wenn man die Augen zumacht und diese Musik hört und erlebt, dann denkt man, fühlt man, "ich bin in der Synagoge".

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 01.04.2021 | 18:00 Uhr