Stand: 11.12.2019 09:00 Uhr

Von Beust: "Im Tiefsten hat jeder ein Gewissen"

Ole von Beust war Politiker und in dieser Funktion neun Jahre lang Hamburgs Erster Bürgermeister. 2010 ist er von diesem Amt zurückgetreten. Nach seiner Politkarriere arbeitet er wieder als Anwalt in einer eigenen Beratungsfirma, der 64-Jährige wohnt in Hamburg und Berlin. Sich nicht über andere erheben - darauf haben schon die Eltern in seiner Kindheit großen Wert gelegt. Ole von Beust hält fest an dem Anspruch aus Johannes 8: "Wer von Euch ohne Sünde sei, der werfe den ersten Stein." Warum ihn dieser Satz so geprägt hat, verrät er im Interview mit Kirche im NDR.

Wann haben Sie denn mal Steine geschmissen?

Ole von Beust sitzt in einem Sessel. © Kirche im NDR / Christine Liebold Foto: Christine Liebold
Ole von Beust war fast neun Jahre lang Erster Bürgermeister von Hamburg. Im August 2010 trat er von diesem Amt zurück.

Selten. Also Gegenstände schon als Kind, da habe ich mal eine Fensterscheibe eingeschmissen und hinterher eine Tracht Prügel gekriegt - im übertragenen Sinn -, aber das ist schon ganz lange her. Aber Steine auf andere zu schmeißen, …, ich bin in diesem Sinn erzogen worden, es nicht zu tun.

Wer hat Sie dazu erzogen?

Meine Eltern. Beide. Sie hassten Hochmut, Überheblichkeit, Oberlehrerhaftigkeit. Und das war mit eins der Credos meiner Erziehung, dass man nicht auf andere Leute herabguckt und meint, man sei etwas Besseres, sondern immer die eigene Schwäche antizipiert.

An was denken Sie da zuerst?

Einmal an mich selber, dass ich versuche, mich so zu verhalten. Aber es ist auch wichtig, wie ich andere Leute bewerte - persönlich oder auch im öffentlichen Leben. Und Leute, die mit Hochmut, Arroganz und Bigotterie andere verurteilen, weil sie dieses und jenes angeblich gemacht haben, was nicht gut oder unmoralisch sei oder wie auch immer, die sind mir ziemlich zuwider.

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Radiopastorin Susanne Richter sitzt mit Ole von Beust an einem Schreibtisch. © Kirche im NDR / Christine Liebold Foto: Christine Liebold
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Im Anfang war das Wort mit Ole von Beust

"Wer nicht ganz blöd ist, merkt, ich bin auch nicht ohne Sünde", sagt Ole von Beust. Der frühere Erste Bürgermeister Hamburgs spricht über seinen Lieblingsvers aus dem Johannes-Evangelium. 5 Min

Und gab es mal einen Moment, wo Sie gespürt haben, das ist jetzt mein Spruch?

Das gab es schon mal, auch im persönlichen Leben. Da ich selber schwul bin, war immer die Frage der moralischen Wertung dessen durch andere natürlich auch ein Thema, Auch weil das ja ein Reflex war, wie Leute einen selber sehen oder was sie über einen reden, soweit man es erfährt. Dass Leute meinetwegen eine bestimmte Sexualität als unmoralisch betrachten und sagen, so wie ich lebe, das ist moralisch und das, was Du machst, das ist unmoralisch, das fand ich auf mich bezogen unanständig, solange es das damals noch gab. Heute hat sich das ja geändert.

Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. In dieser Geschichte da pokert Jesus ziemlich hoch. Bei Monty Python ist es auch so, dass die Leute dann trotzdem die Steine werfen. Wie schätzen Sie das ein? Sind die Leute wirklich so einsichtig?

Ich glaube, dass im Tiefsten jeder ein Gewissen hat und weiß, dass er sich unanständig verhält. Selbst der größte Schurke hat ein Gewissen. Und wenn ich mit einfachen Worten auf dieses Gewissen hinweise, glaube ich schon, dass die allermeisten Menschen sich doch zurücknehmen und an die eigene Nase fassen und sagen: Hmm, eigentlich hat er ja recht, und dann eben doch nicht schmeißen.

Dass Leute wirklich gewissenlos sind … selbst der schlimmste Mörder  hat letztendlich im Tiefsten gewusst, dass man es nicht tut.  Aber das Tolle an dem Wort ist ja, es ist ja nicht belehrend. Es ist fast mehr eine Frage. Es sagt nicht, Du sollst das und das machen, und Du musst, und ich erhöhe mich nicht oder mahne andere, sondern eigentlich heißt es nur, prüfe Dich selbst. Wie hast Du Dich im Leben verhalten. Das ist mehr eine Fragestellung und wer sich damit auseinandersetzt und nicht ganz blöd im Kopf ist oder ein völlig charakterloser Mensch ist, kommt schnell an den Punkt, wo er weiß: Ich bin auch nicht immer rein und ohne Sünde - und darum werfen eben die meisten nicht den Stein.

In der Geschichte ist es so, dass Ehebruch als Sünde dargestellt wird. Die meisten würden den Begriff Sünde heute viel weiter fassen. Was ist Sünde für Sie?

Eine Sünde ist ein unanständiges Verhalten, von dem letztendlich ich oder auch das Gros der Menschen wissen, es ist unanständig und trotzdem mache ich es. Das ist für mich eine Sünde.

Und was würden Sie sagen, was hilft gegen Sünde?

Ole von Beust sitzt vor einem Schreibtisch. © Kirche im NDR / Christine Liebold Foto: Christine Liebold
"Die Beichte, das Gestehen der Sünde, das versuche ich mit meinem eigenen Gewissen abzumachen", sagt Ole von Beust.

Ich behaupte mal, jeder Mensch hat mal miese Gedanken und unschöne Dinge, die man gerne machen möchte. Eigentlich hilft nur die Selbstreflexion und sich selber zu fragen, ist das anständig oder nicht? Und dann dem Teufel im Ohr eins beizupulen und zu sagen: 'Mein Junge, Du siegst nicht, ich verhalte mich anständig.'

In der Geschichte ist es ja so, dass Jesus zu der Ehebrecherin sagt: Ich verurteile Dich auch nicht. Also spricht er sie frei. In der Kirche gibt es auch das Ritual der Beichte. Was halten Sie davon?

Das ist persönlich sehr verschieden. Ich denke, es gibt Menschen, die brauchen das, um sich hinterher frei zu fühlen. Reingewaschen ist zu viel, aber sich frei zu fühlen. Das ist auch völlig in Ordnung. Ich hingegen versuche, mit mir selber klar zu kommen. Dass ich mir sage, wo habe ich mich falsch verhalten und versuche, es nicht wieder zu tun. Beichte ist etwas anderes als Entschuldigung. Wenn ich jemanden schlecht behandele und ich entschuldige mich dafür oder bitte um eine Entschuldigung, ist das etwas anderes. Aber die Beichte, das Gestehen der Sünde, das versuche ich mit meinem eigenen Gewissen abzumachen. Das ist wahrscheinlich auch eher eine protestantische Art.

Hat das für Sie auch eine spirituelle Dimension? Also würden Sie so etwas auch mitnehmen ins Gebet?         

Das ist schon sehr persönlich. Aber ja.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 14.12.2019 | 07:45 Uhr

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