Stand: 22.04.2020 14:00 Uhr

Kunze: "Das Ringen um Wahrheit ist Wahrheit"

Eigentlich strebt Heinz Rudolf Kunze den Beruf des Lehrers an, doch dann beginnt er noch als Referendar seine Musikkarriere: 1980 macht der junge Germanist auf einem Pop-Nachwuchs-Festival auf sich aufmerksam und bekommt sogleich einen Plattenvertrag. Seinen größten Erfolg feiert er 1985 mit dem Album "Dein ist mein ganzes Herz". Seit jeher bleibt sich Heinz Rudolf Kunze, kurz "HRK", musikalisch treu - mit bissigen Texten, sprühender Ironie und Beständigkeit. Im Februar veröffentlicht der Musiker "Der Wahrheit die Ehre", ein Album mit vielen religiösen Bezügen. "Ich bete, weil ich will, dass es einen Gott gibt", sagt Heinz Rudolf Kunze. Mit der Kirche im NDR spricht er über Glauben und die Suche nach Wahrheit.

Ihr neues Album heißt "Der Wahrheit die Ehre". Was ist denn Wahrheit für Sie?

Der Musiker Heinz Rudolf Kunze © Martin Huch Foto: Martin Huch
Für Theologen stehe die christliche Wahrheit fest, sagt der Musiker Heinz Rudolf Kunze.

Heinz Rudolf Kunze: Das Bemühen um sie. Der ehrlich gemeinte, ernst gemeinte Dialog, das Austauschen von Argumenten, das besonnene Zuhören, Überprüfung der eigenen Position und Ringen um die Wahrheit als solches ist Wahrheit.

Der Dialog zwischen den Fragenden ist Wahrheit?

Kunze: Das ist zumindest die einzige Form von Wahrheit, wo man noch von Logik oder von Argumentieren reden kann. Die andere Wahrheit ist eine Glaubenswahrheit. Entweder habe ich die oder ich habe sie nicht. Und die Wahrheit, die ich argumentativ umkreise  wird eines Tages wieder nicht gelten, dann wird es ein neues Bemühen um Wahrheit geben. Aber dieses Ringen um Wahrheit ist für mich der Begriff von Wahrheit, wie er sich mit Wissenschaft und mit Erkenntnis gerade eben noch vereinbaren lässt. Der Rest ist Glaube. Für mich - ich habe Philosophie und Germanistik studiert und nicht Theologie, obwohl ich damit einmal geflirtet habe - sieht es mit der Wahrheit anders aus. Da steht sie eigentlich fest. Und da habe ich meine Bedenken, denn ich misstraue allen Leuten, die am Anfang einer Diskussion sowieso schon wissen, wie sie ausgehen muss.

Warum glauben Sie, dass für Theologen feststeht, was die Wahrheit ist? Was ist sie denn für Theologen?

Kunze: Ja, die christliche Wahrheit. Die Wahrheit Jesu, die Erlösung, die Vergebung der Sünden. Das sind ja alles dogmatisch in Stein gemeißelte Sätze, die feststehen.

Ihr Album heißt "Der Wahrheit die Ehre". Warum müssen wir der Wahrheit die Ehre geben oder was bedeutet das für Sie?

Kunze: Weil die Wahrheit heute auf der ganzen Welt in höchster Gefahr ist. Das fängt bei Trump an und hört in Polen auf. Das fängt bei Putin an und hört in Syrien auf. Das fängt bei Kim Jong Un an und hört im Bundestag auf. Es wird weltweit ein Hasskrieg gegen die Wahrheit und gegen das Bemühen um Wahrheit geführt. Fake News, glatte Lügen, Hasspropaganda, fiebrige Hysterien machen sich breit. Wir leben in einem digitalen Mittelalter der schwachsinnigen Rechthaberei und wer am lautesten brüllt, meint, zu gewinnen. Und Wahrheit und das Bemühen um sie, also der besonnene, bewusste Austausch von Argumenten, die Suche nach Gültigem, allgemein Verbindlichem kommt heute verdammt kurz. Wir sind heutzutage sehr weit weg vom herrschaftsfreien Dialog im Sinne von Habermas und Adorno, und die Wahrheit ist eine bedrohte Tierart und braucht Artenschutz.

Würden Sie sagen, wenn man frei diskutieren kann, um das, was gilt, ist dann Wahrheit so etwas wie ein Moment? Weil Sie gesagt haben, das Ringen um Wahrheit ist schon Wahrheit. Das ist philosophisch betrachtet ein Paradox.

Kunze: Ja, aber ich habe neulich mit einem katholischen Mönch diskutiert, der nicht mehr an einen persönlichen Gott glaubt, im Kloster lebt und sagt: "Das Bedürfnis nach Gott ist Gott. Und das reicht ihm schon." Mehr persönlichen Gott braucht der nicht. Hoch interessant. Und ich würde schon tatsächlich sagen: Ja, das gemeinsame, ehrliche, aufrichtige Bemühen um Wahrheit bedeutet, dass da schon ein Heiligenschein von Wahrheit darüber schwebt.

Der Musiker Heinz Rudolf Kunze © Martin Huch Foto: Martin Huch
Politische System, die auf Lügen aufbauen, brechen irgendwann. Das könne länger oder kürzer dauern, meint Heinz Rudolf Kunze.

Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird Euch frei machen. Würden Sie sagen, dass dem Begriff, als den Sie Wahrheit verstehen, auch so etwas von Freiheit innewohnt?

Kunze: Ja natürlich. Jedes politische System, das auf Lügen aufgebaut ist, das sich selbst was vormacht und den eigenen Bürgern, bricht irgendwann. Die Lügen werden an den Tag kommen. Das heißt, die Wahrheit macht frei.

Und würden Sie sagen, dass die Kategorie Gott bei der Wahrheitssuche in irgendeiner Form eine Rolle spielt für Sie?

Kunze: Ja, aber die Kategorie Teufel auch. Beide sind jedenfalls für mich real und versuchen, Einfluss zu nehmen auf die Suche nach Wahrheit. Gott ist die Instanz des Guten und ich habe leider meine Zweifel daran, dass er existiert. Ich setze das mehr als Hoffnung. Ich bin allerdings sicher, dass das Böse und der Teufel existieren.

Ich kann das auch in meiner eigenen Wahrheitssuche wiederfinden oder in meiner Person. Das Böse existiert auch in einem selbst, in allen Dingen, die man anderen Leuten antut. Entweder absichtlich, mutwillig oder durch Unbedachtheit meldet sich das Böse in einem zu Wort und das Gute meldet sich in einem zu Wort, wenn man etwas uneigennützig für andere Leute tut.

Sie haben vorhin von Ihrem Zweifel gesprochen. Sie haben trotzdem einmal in einem Interview gesagt, dass Sie jeden Tag beten. Würden Sie sagen, dass das auch etwas mit Wahrheitssuche zu tun hat?

Kunze: Ich bin jedenfalls durch das Beten ehrlich gegenüber meinem Bedürfnis, dass es einen Gott gibt.

Aber Sie wissen schon, dass es Menschen gibt, für die Sie oder Ihre Texte auch sowas wie Glaubenshalt geben können. Sind Sie damit einverstanden?

Kunze: Das ist eine große Verantwortung. Ich weiß, dass es das gibt. Es ehrt mich auch.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

Der Musiker Heinz Rudolf Kunze © Martin Huch Foto: Martin Huch

AUDIO: Im Anfang war das Wort mit Heinz Rudolf Kunze (10 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 25.04.2020 | 07:45 Uhr

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