Sendedatum: 15.06.2019 07:40 Uhr

Gysi: "Nur lieben habe ich nicht geschafft"

Gregor Gysi ist das bekannteste Gesicht der Linken in Deutschland und gilt als streitbarer und sprachgewandter Politiker. Er sitzt für die Partei im Bundestag und ist Präsident der Europäischen Linken. Aufgrund seiner SED-Vergangenheit ist der 71-Jährige nicht unumstritten. Als sich in der Zeit nach der Wende auf einmal alles gegen ihn richtete, half ihm ein Vers aus dem Römerbrief: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem." Im Interview mit der Kirche im NDR spricht Gysi über Ablehnung und Zuspruch zu seiner Person.

Wenn Sie einmal die Bedeutung, die dieser Vers für Sie hat mit Ihren eigenen Worten ausdrücken können?

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Hat in seiner Karriere Ablehnung und Zustimmung erfahren: der Politiker Gregor Gysi.

Gregor Gysi: Also, das mit dem Guten habe ich nicht unbedingt geschafft. Aber als mir Hass begegnete, 1990 bis 1993, habe ich mich nach der Bergpredigt gerichtet. Darin steht, dass ich meine Gegner lieben soll. Das konnte ich nicht, aber immerhin, ich konnte nicht zurück hassen. Und wissen Sie, wie man das schafft? Indem man analysiert, warum eine Person einen hasst. Dann sagt man sich, der hat nur das gelesen, die hat nur das von dir gehört. Und deshalb diese tiefe Ablehnung. In dem Moment der Analyse beurteilt man es schon etwas mäßiger, und hasst nicht zurück. Aber nur lieben habe ich nicht geschafft. Nicht zurück zu hassen, das war Stärke und hat mir an dem Spruch gefallen.

Wer hat Sie damals gehasst?

Gysi: Das waren Leute, die mich nicht kannten. Die Mehrheit der Bevölkerung lehnte mich damals ab. Heute respektiert sie mich. Nicht alle, aber die meisten. Das ist ein wesentlich angenehmeres Leben als damals. Mir begegnete Hass im Bundestag. Ich war anfangs in der DDR erstmal eher beliebt, durch meine Rede vom 4. November auf dem Alexanderplatz, und dann, weil ich in der Fernsehsendung den Gesetzentwurf zum Reiserecht als halbherzig bezeichnet habe und Nein gesagt habe, wenn, dann muss man das Reisen richtig erlauben. Und dann kam der Dreh als ich Vorsitzender der SED und dann der PDS wurde.

Und wie erklären Sie das? Würden Sie sagen, Sie waren eine Symbolfigur? So dass dieser Hass sich dann so gegen Sie gerichtet hat?

Gysi: Ich glaube, dass hing damit zusammen, dass die anderen nicht mehr greifbar waren. Honecker war irgendwie schon jenseits von Gut und Böse, Mielke war bald 90. Ich war dann sozusagen derjenige, der in gewisser Hinsicht die Nachfolge antrat. Nachdem ich Parteivorsitzender wurde, stand ich als Figur dafür, dass die SED nicht unterging, sondern sich reformierte. Und wo sollte sich die ganze Wut über die DDR sonst abladen, wenn nicht dort? Und da ich das wiederum verstand, habe ich eine neue Eigenschaft an mir festgestellt, ich bin preußisch stur. Das wusste ich gar nicht. Ich kann dann gar nicht weggehen. Ich habe mal zu einem Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gesagt, wenn Sie von Anfang an netter zu mir gewesen wären, wäre Sie mich schon lange los. Aber es hat ihn unzureichend animiert.

Wir gucken einmal in die Gegenwart und in die Zukunft. Was würden Sie sagen, wo gilt es jetzt uns nicht vom Bösen überwinden zu lassen? Was ist das? Was verbinden Sie damit?

Gysi: Die größte Herausforderung ist der wachsende nationale Egoismus, der Rechtspopulismus, auch Rechtsextremismus. Wenn ich die Wähler*innen dahingehend beschimpfe, habe ich keine Chance. Wenn ich verstehe, warum sie es machen und es trotzdem falsch finde, kann ich Aufklärung betreiben. Das Gute würde ich hier gleichsetzen mit Aufklärung, geduldig sein, immer wieder mit den Menschen sprechen. Sie nicht einfach abhaken. Das geht nicht. Es ist aber schwieriger als es sich anhört. Ich war einmal in Halle rund 200 jugendlichen Neonazis zusammen. Sie weinten, weil sie mich nicht überzeugt bekamen. Ich weinte zwar nicht, aber war auch verzweifelt, weil ich sie nicht überzeugen konnte.

In dem Bibelvers tauchen Begriffe wie Gut und Böse auf. Jetzt gibt es Menschen, die sagen, dass, was die SED gemacht hat, das fällt in die Kategorie böse. Was würden Sie denen sagen?

Gysi: Das ist nicht so falsch. Aus einer bestimmten Sicht kann man das schon so nennen. Trotzdem waren die Ziele andere. Es gibt Diktaturen mit edlen Zielen und Diktaturen, die überhaupt kein edles Ziel haben. Das ist ein historischer Unterschied. Hitler-Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg begonnen und das führte zur Besatzung. Ein Teil der Besatzung war die Sowjetunion, die 1941 überfallen wurde. Die entschied sich dann für eine Struktur und dafür brauchte sie eine Partei, die SED. Das heißt, ich muss den Westdeutschen immer sagen, was sie natürlich nicht so gerne hören, wenn sie die sowjetische Besatzungsmacht gehabt hätten, wären sie geworden wie die Ossis und wenn die ostdeutschen die westlichen Besatzungsmächte gehabt hätten, wären sie geworden wie die Wessis.

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Im Anfang war das Wort mit Gregor Gysi

"Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem." Der Bibelvers aus dem Römerbrief hat Gregor Gysi in schwierigen politischen Zeiten Halt gegeben. Audio (09:47 min)

Ich meinte nicht Menschen aus dem Westen, sondern diejenigen, die im Osten Opfer des Regimes geworden sind. Also Menschen, die in Bautzen gesessen haben oder die wirklich ihre berufliche Karriere komplett aufgeben mussten. Was sagen Sie denen?

Gysi: Denen sage ich, dass sie ein schweres Schicksal hatten, das auch ungerecht war. Aber Sie dürfen ihr Schicksal nicht mit dem aller anderen gleichsetzen. Es waren nicht alle Opfer, sondern die meisten haben in irgendeiner Form mitgemacht. Übrigens, solche Leute kenne ich, die reagieren völlig unterschiedlich. Wissen Sie, ich führe oft Gespräche mit Friedrich Schorlemmer. Der war wirklich mutig kann ich sagen, und war in der DDR immer in der Opposition. Aber wissen Sie, was das Bestechende an ihm ist? Er war nicht käuflich durch die DDR und er ist es auch heute nicht.

Sie sind selber konfessionslos und haben auch gesagt, Sie glauben nicht an einen Gott. Was können Sie der Idee des Glaubens trotzdem abgewinnen?

Gysi: Eine Menge. Wenn ich glaube, bin ich für alles verantwortlich, was ich tue und was ich unterlasse. Aber es gibt darüber hinaus auch noch eine Wirkungskraft, die ich nicht beeinflussen kann. Wir Menschen erleben immer wieder Dinge, die wir uns nicht erklären können. Und für viele habe ich festgestellt, dass das Unerklärliche auch eine Erklärung hat, nämlich in Form von Gott. Und ich glaube das macht es einem leichter. Während du ansonsten verzweifelst, weil du das nicht verstehst.

Aber wie machen Sie das denn dann?

Gysi: Ich versuche ich es doch zu verstehen, und wenn nicht, kann ich damit leben. Punkt. Aber ich will keine gottlose Gesellschaft, weil die wiederum furchtbar wäre. Der eine Grund ist die allgemein verbindliche Moral, die wir haben. Die kommt letztlich aus der Bergpredigt. Und hätten wir die Religionen nicht, hätten wir auch keine allgemein verbindliche Moral. Die Linken können auch Moralnormen aufstellen, aber sie haben nicht mehr die Kraft, sie allgemein verbindlich zu machen. Dazu ist das Versagen der Linken, gerade im Staatssozialismus, viel zu groß.

Woher nehmen Sie Trost? Oder was ist es, was Ihnen auch Halt gibt angesichts von Vergänglichkeit oder von Schuld und Versagen?

Gysi: Wenn Cäsar oder Napoleon noch lebten, weil der Mensch nicht stirbt, dann wäre der Erdball ziemlich übervölkert. Also da müsste man eine andere Lösung finden und die Fortpflanzung beenden. Das heißt, Vergänglichkeit ist wichtig. Ich bin aber nicht der Typ, der ständig darüber nachdenkt. Es gibt Menschen, die immer wieder über ihren Tod nachdenken, ich versuche das zu vermeiden. Und ich versuche auch das Alter eher zu genießen.

Das Interview führte Pastorin Susanne Richter.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 15.06.2019 | 07:40 Uhr

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