Andreas Kossert © Tobias Hein Foto: Tobias Hein

Flucht und Vetreibung: Andreas Kossert schildert Schicksale

Stand: 24.06.2021 13:00 Uhr

Für sein Buch "Flucht - eine Menschheitsgeschichte" hat Andreas Kossert den NDR Kultur Sachbuchpreis 2020 bekommen. In dem Werk schildert er Schicksale von Flüchtlingen und Vertriebenen.

von Julia Heyde de López

"Befehl zum Verlassen meines Hofes." So hat es ein Bauer 1945 ganz kurz in ein Büchlein notiert. Dann brach er mit seiner Familie und zwei Pferdewagen auf, Richtung Westen, und verließ sein Dorf in Masuren für immer. Das berichtet der Historiker Andreas Kossert. Der Bauer war sein Urgroßvater: "Auf jeden Fall kann ich sagen, dass meine Familiengeschichte eine sehr typische Geschichte in diesem Land ist. Also, dass wir eben millionenfach Flucht- und Vertreibungsgeschichten in uns tragen, und das sind nicht nur Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern natürlich die Vertriebenen, die vor den Nazis flüchten mussten, aber dann auch die nachher kamen, vietnamesische Boat-People, Jesiden, bosnische Kriegsflüchtlinge, also, es gibt in diesem Land eine kollektive, millionenfache Erfahrung von Flüchtlingen und, ja, Heimatverlust."

Menschen aus Ostpreußen oder Syrien kommen zu Wort

Darüber hat Andreas Kossert ein bewegendes Buch geschrieben: "Flucht - eine Menschheitsgeschichte". Darin lässt er Menschen zu Wort kommen, die geflüchtet sind oder vertrieben wurden, aus Ostpreußen, Syrien oder Indien. Er erzählt von der Ungeheuerlichkeit, die Haustür hinter sich abzuschließen und einfach alles zurücklassen zu müssen, Hab und Gut, vertraute Heimat, Vergangenheit und Zukunftspläne - einfach um weiterzuleben. "Flüchtlinge fordern uns quasi heraus, eine völlig andere Perspektive einzunehmen, nämlich die, nicht zu wissen, wie fest wir wurzeln, wie fest wir beheimatet sind. Und das ist, glaube ich, eine große, globale Herausforderung, aber auch eine Ahnung, dass uns allen das widerfahren kann."

Steg am See im Sonnenuntergang. © Jenny Sturm/fotolia Foto: Jenny Sturm
AUDIO: Moment mal (3 Min)

Auch die Bibel berichtet über Heimatverlust und Exil

Selbst nach der Ankunft in einem anderen Land wirke die Flucht weiter, betont Kossert, durch Gewalterfahrungen und Traumata. Flüchtlinge leben einen emotionalen Spagat zwischen dem alten und neuen Leben, egal aus welcher Kultur sie kommen, oder welche Religion sie haben. Und mit gutem Grund zitiert der Autor auch mehrfach die Bibel. Er fände es einfach spannend zu sehen, dass eine der ältesten schriftlichen Überlieferungen uns eben schon sehr, sehr zentral über Flucht, Heimatverlust und Exil berichtet, und das zeige eben auch, welche Bedeutung diese Erfahrung eigentlich für die gesamte Menschheit hat.

Derzeit sind 80 Millionen Menschen auf der Flucht

Das UN-Flüchtlingshilfswerk schätzt, dass derzeit mehr als 80 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind. Es ist wichtig, ihre Geschichten anzuerkennen. Und wenigstens eine Ahnung davon zu haben, wie sehr wir, die ganze Gesellschaft, von Fluchterfahrungen geprägt sind. Das zeigt das Buch von Andreas Kossert: "Flucht - eine Menschheitsgeschichte".

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Das Cover von Andreas Kosserts "Flucht. Eine Menschheitsgeschichte" © Siedler
5 Min

"Flucht": NDR Kultur Sachbuchpreis für Andreas Kossert

Der Schriftsteller erzählt in seinem Werk über Schicksale von Flüchtlingen und Vertriebenen. 5 Min

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 | Moment mal | 20.06.2021 | 09:15 Uhr

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