Stand: 07.01.2019 06:00 Uhr

Schlechte Luft oder Grenzwerte zu niedrig?

von Markus Plettendorff, Wiebke Neelsen, Jürgen Webermann, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Fahrverbote in vielen Städten, Kritik an Abgas-Grenzwerten und der Deutschen Umwelthilfe, die die Einhaltung dieser Werte einklagt: Die Debatte über Dieselautos und die Luftqualität ist emotional, und doch geht häufig einiges durcheinander.

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Seit 31. Mai 2018 gilt das Diesel-Fahrverbot für Teilstrecken der Max-Brauer-Allee und der Stresemannstraße in Hamburg.

Hamburg-Altona, Augustenburger Straße. Eine Straße, in der es einen Kindergarten, eine Schule und vor allem Wohnhäuser gibt - und die jetzt dank der Diesel-Fahrverbote in der Max-Brauer-Allee und der nahen Stresemannstraße eine Ausweichroute geworden ist. Seitdem sollen alte Diesel und Lastwagen durch die Augustenburger Straße fahren. Und das ärgert die Anwohner dort. "Die Luft ist schlechter geworden. Der Lärm ist größer. Und drinnen haben wir mehr Staub. Das ist eine Katastrophe hier", klagt ein Passant.

Ein Fahrverbotsschild für Fahrzeuge mit Diesel-Motor bis Euro5 steht an der Stresemannstraße. © picture-alliance/dpa Foto: Daniel Bockwoldt

Schule leidet unter Ausweichroute

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Durch das Diesel-Fahrverbot in Hamburg müssen Schwerlaster auf Straßen ausweichen, an der sich auch eine Schule befindet. Der Elternrat macht nun dagegen mobil.

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Fahrverbote wirklich sinnvoll?

Sven Krug wohnt zwar nicht an der Augustenburger Straße, aber seine Kinder gehen dort auf die Kurt-Tucholsky-Schule. Krug ist im Elternrat: "Wir machen uns Sorgen um die Luftverschmutzung", sagt er. Vor der Schule erzählen Kinder von Lkw-Staus und beschweren sich, weil sie kaum noch die Straße überqueren können. Das Diesel-Fahrverbot - hat es in Hamburg wirklich etwas gebracht?

Spätestens seit Gerichte reihenweise ähnliche Fahrverbote auch in anderen deutschen Städten verhängt haben, tobt eine heftige Debatte über Sinn und Unsinn dieser Verbote. Und auch eine Debatte über die Schadstoff-Grenzwerte. 40 Mikrogramm Stickoxid im Jahresmittel, das ist der Grenzwert, der die Diesel-Debatte prägt. Grundlage ist eine EU-Richtlinie, die sich wiederum auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO stützt.

Grenzwert aus der Luft gegriffen

Eigentlich sei dieser Grenzwert völlig aus der Luft gegriffen, sagt Alexander Kekulé, Mikrobiologe und Mediziner aus Halle an der Saale: "Die Arbeitsgruppe der WHO hatte aber keine Daten, auf die sie hätte zurückgreifen können." Also habe man ältere Studien herbeigezogen, in denen der Effekt von Gasherden auf die Gesundheit untersucht worden war: "Das Ergebnis war, dass doch eine relativ deutliche Erhöhung von Atemwegserkrankungen bei Kindern vorhanden ist. Man wusste nur überhaupt nicht, zu welcher Konzentration von Stickoxiden das gehört." Also habe die WHO den Grenzwert einfach geschätzt - 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. "Seitdem wurde dieser Wert nicht wieder überprüft. Und aus heutiger Sicht hält der Wert keinen Anforderungen stand. Das ist ein politischer Grenzwert", sagt Kekulé. 

Abgas quillt aus dem Auspuff eines Autos im Straßenverkehr. © avanti Foto: avanti

Wie krank machen Stickoxide?

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Stickoxide aus Dieselfahrzeugen gelten als gesundheitsschädlich. Ab welcher Menge das Reizgas schädlich ist und wie es auf den Körper wirkt, berichtet Markus Plettendorff

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Diesel-Autos weniger gesundheitsschädlich?

Sind Behauptungen, die Diesel-Autos seien gesundheitsschädlich, haltlos und die jetzigen Grenzwerte unsinnig? In vielen Medien, von "Zeit" bis "Bild", taucht schnell diese Aussage auf: "Es stirbt kein Mensch wegen des Stickoxids an den Hauptstraßen." Ein Satz, den Dieter Köhler ständig wiederholt und mit dem er auch ständig zitiert wird. Der Lungen-Facharzt war bis 2007 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, und ist so etwas wie der Vorzeigewissenschaftler für all diejenigen, die sich über Diesel-Fahrverbote und zu strenge Stickoxid-Grenzwerte empören. Denn schon die Kerzen des Adventskranzes führten zu höheren Konzentrationen als die im Straßenverkehr erlaubten 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, sagt Köhler. Die Stuttgarter Nachrichten zitieren ihn mit der These, dass Kolleginnen und Kollegen, die anderer Meinung als er sind, diese nur deshalb vertreten würden, weil es um Arbeitsplätze, Opportunismus, Forschungsgelder oder Ideologie gehe.

"Wir müssen Risikogruppen schützen"

Und tatsächlich: Auch Klaus Rabe, der aktuelle Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Lungenfacharzt aus Großhansdorf in Schleswig-Holstein, würde Köhlers Kernsatz erst einmal nicht widersprechen - dass also auf den Straßen niemand allein vom Stickoxid zusammenbrechen würde. Rabe sieht den Streit um Grenzwerte dennoch völlig anders: "Jeder, der sich jetzt hinstellt und so tut, als ob er es genau weiß, lehnt sich sehr weit aus dem Fenster. Die Datenlage ist noch nicht besonders eindeutig." 

Eindeutig ist für Rabe und den großen Teil seiner Kolleginnen und Kollegen: Stickoxide sind Abgase, die im Zusammenspiel mit anderen Abgasen oder auch Feinstaub die Gesundheit vor allem von Kindern, älteren Menschen und Menschen etwa mit Vorerkrankungen beeinträchtigen können: "Diese Risikogruppen will ich als Mediziner schützen. Sie sollen selbst entscheiden können, ob sie sich diesen Abgasen aussetzen.“ Und da kommen eben Grenzwerte ins Spiel: "Ich bin der Erste, der eine rationale Diskussion über Grenzwerte haben will," sagt Rabe im Gespräch mit NDR Info: "Ich würde dann aber auch fordern, dass mir jemand zeigen muss, in welchen Konzentrationen diese Gase wirklich unschädlich sind."  

Abgas kommt aus einem Auto im morgendlichen Berufsverkehr auf der Corneliusstraße. © dpa picture alliance Foto: Marcel Kusch

Abgas-Debatte oft unsachlich geführt

NDR Info - Wirtschaft -

Im Streit über Luftverschmutzung und Fahrverbote von älteren Dieselfahrzeugen geht einiges durcheinander - Wie seriös wird gemessen? Lassen sich die Grenzwerte in Frage stellen?

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Die Diskussion über Feinstaub kommt zu kurz

Zu einer rationalen Diskussion gehört laut Rabe zudem nicht, nur den Stickoxid-Grenzwert zu betrachten. So weisen Lungenfachärzte immer wieder darauf hin, dass vor allem Feinstaub gefährlich sei. Das sind kleinste Staubpartikel, die in die Atemwege dringen. Vor allem Feinstaubpartikel, die im Durchmesser kleiner als 2,5 Mikrometer sind, können Lungenkrankheiten auslösen oder das Risiko von Herzinfarkten oder Schlaganfällen erhöhen. Der Autoverkehr ist eine Ursache für Feinstaub, allerdings auch Benzin-Autos. Die Grenzwerte für Feinstaub bezeichnen viele Mediziner als zu lax. 

Deutsche Umwelthilfe in der Kritik

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Jürgen Resch von der Umwelthilfe steht in der Kritik von Politikern und Dieselfahrern.

Die Diskussion dreht sich jedoch vor allem um Stickoxide, seit die Gerichte Fahrverbote ausgesprochen haben. Und besonders emotional wird es, wenn die Deutsche Umwelthilfe genannt wird. "Dabei klagen wir nur die Einhaltung von bestehenden Richtlinien ein", sagt Jürgen Resch, der die Umwelthilfe leitet. Eigentlich mache die Umwelthilfe nur das, was sonst Behörden tun müssten. Doch der Gegenwind ist heftig. Ein "Abmahnverein" sei die Umwelthilfe, monieren Kritiker, weil sie Autohäuser anschreibe, die zum Beispiel die Energiewerte ihrer angebotenen Autos in Annoncen nicht ausreichend darstellen. Der Verein sei von der japanischen Autoindustrie beeinflusst, weil Toyota bis vor Kurzem immer wieder Geld an die Umwelthilfe überwiesen habe.

Es könne nicht sein, dass die Umwelthilfe auch noch mit Bundes- und EU-Mitteln unterstützt werde. Die CDU fordert gar in einem Parteitagsbeschluss, der Umwelthilfe die Gemeinnützigkeit abzuerkennen. Die Umwelthilfe lege "unsere Städte lahm", wütete etwa Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet. Dabei sind es Gerichte, die den Klagen der Organisation stattgegeben und entsprechende Urteile gefällt haben - und nicht die Umwelthilfe selbst. Und Basis der Gerichtsurteile sind bestehende Grenzwerte.

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In Hamburg gelten seit 2018 die ersten Diesel-Fahrverbote. Doch was bedeutet das konkret? Und bringen die Fahrverbote auch wirklich das gewünschte Ergebnis? Video (02:23 min)

"Wir sollten Abgasvorschriften verschärfen"

Klaus Rabe, der Vorsitzende der Pneumologischen Gesellschaft, fordert, so rasch wie möglich bestehende Wissenslücken zu schließen, um die Diskussion über Grenzwerte zu versachlichen. So lange plädiert er aber weiterhin dafür, eher Risikogruppen zu schützen, statt Grenzwerte zu lockern. Alexander Kekulé, der Mediziner aus Halle an der Saale, hält die derzeitigen Stickoxid-Grenzwerte zwar für "aus der Luft gegriffen" - trotzdem schrieb auch er in einem Gastbeitrag in der "Zeit", dass es "unklug" sei, diese Werte zu ändern. Zum Einen, weil die 40-Mikrogramm-Grenze schon bald mit besseren Autos unterschritten werde. Zum Anderen, weil sonst auch die Lockerung anderer Umweltauflagen diskutiert würde. Die EU müsse stattdessen allein wegen des Feinstaub- und CO2-Problems Abgasvorschriften sogar verschärfen und dafür sorgen, dass die Autohersteller sie einhielten. "Insgesamt geht die Diskussion über saubere Luft ja in die richtige Richtung", sagt Kekulé auch NDR Info.

Grenzwert-Debatte sorgt für Unsicherheit

Doch die Grenzwert-Debatte und die Fahrverbote verunsichern derzeit viele Menschen - entweder weil sie sich um die Luft in den Städten sorgen oder ein Dieselauto besitzen. Und sie verunsichert Anwohner, die an Ausweichstrecken leben. Wie in Hamburg-Altona an der Augustenburger Straße. Die Innenbehörde der Stadt teilte auf Anfrage von NDR Info mit, diese Ausweichroute sei in Absprache mit Polizei und Verkehrsbehörde festgelegt worden. Wohngebiete, Schulen oder Kindergärten gebe es an fast allen Straßen in Hamburg. Und Lkw müssten nun einmal durch die Stadt.

Für Hakan Ugur bedeutet das, dass er seine zwölf Jahre alte Tochter jetzt lieber selbst mit dem Auto zur Kurt-Tucholsky-Schule bringt: "Die Lkw fahren auf Zeitdruck. Die achten nicht auf Kinder", sagt er. Vor dem Fahrverbot in der Max-Brauer-Allee und der Stresemannstraße sei der Verkehr auf der Augustenburger Straße deutlich entspannter gewesen. Und seine Tochter sei alleine zur Schule gegangen. 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 07.01.2019 | 06:38 Uhr