Stand: 24.03.2017 14:04 Uhr

Mut zu lautem Denken und leisen Melodien

von Thomas Jähn

Schon das erste Stück "Willy" - über seinen von Rechtsradikalen erschlagenen Freund - macht deutlich, wofür Konstantin Wecker stand und noch immer steht: klare Worte mit Herz und Leidenschaft, mit Witz und Verstand. Am liebsten würde er ja nur Liebeslieder schreiben, sagt Wecker, aber das geht eben nicht immer. "Ab und zu packt mich halt die Wut. Und zurzeit packt sie mich sehr." Damit spielt Wecker auf die aktuellen politischen Ereignisse um Erdogan, Trump und Le Pen an. "Demokratie muss lebendig bleiben, und wir müssen ganz viel dafür tun. Und dazu möchte ich aufrufen." Damals wie heute gilt: Wecker ist ein Liedermacher mit Haltung.

Liedermacher Konstantin Wecker live bei Hamburg Sounds © NDR Fotograf: Thomas Jähn

Hamburg Sounds - Das komplette Konzert

NDR 90,3 - Hamburg Sounds -

Konstantin Wecker und Felix Meyer live bei Hamburg Sounds - das können Sie jetzt noch mal erleben, wir haben hier das ganze Konzert für Sie.

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"Ich bin Hamburg sehr verbunden"

1975 erscheint Weckers erstes Live-Album "Ich singe, weil ich ein Lied hab'" - aufgenommen im legendären Hamburger Onkel Pö. Und in Hamburg spielt Wecker auch eines seiner ersten größeren Konzerte, da will ihn in seiner Heimat München noch keiner hören. "Ich bin Hamburg sehr verbunden", sagt er im Gespräch mit NDR Moderator Christian Buhk. In den folgenden Jahren wird er - neben Mey, Degenhardt und Wader - zu einem der wichtigsten deutschen Liedermacher. Der Bayer ist aber auch eine gewichtige politische Stimme im Lande - und das seit mehr als 50 Jahren. Etliche Studio- und Live-Alben, Film-Musiken, seine Arbeit als Schauspieler und Autor machen Wecker zu einem Bestandteil jüngerer deutscher Kulturgeschichte.

Eine Zeitreise auf dem schwarzen Flügel

Auf eine Zeitreise nimmt er das Publikum mit, spielt sich am Klavier Stück für Stück durch seine jahrzehntelange Karriere. Wecker berichtet mit einem süffisanten Lächeln von seinen Anfängen als 19-jähriger Pianist in einer Münchner Schwulen-Kneipe, von den zweideutig-heiklen Liebes-Zeilen seines ersten Albums. Getrost könnte man ein Diktiergerät mitlaufen lassen und hätte schnell die ersten Kapitel seiner Biografie - die nun kurz vor seinem 70. Geburtstag erscheinen wird - zusammen. Wecker erzählt gern, in weißbärtige Schwätzerei gerät er dabei nicht. Uneitel, unterhaltsam und schmerzhaft ehrlich ist er - auch sich selbst gegenüber. Die Höhen und Erfolge, aber auch die Versagungen und Fehler seiner Karriere, die muss ihm niemand aufzählen, die kennt er selbst. "Gelogen habe ich in gewissen Zeiten mit meiner Rolle, niemals aber mit meinen Liedern."

Das Publikum dankt es ihm. Gebannt sitzen die Leute auf den Stühlen, lauschen aufmerksam den Lebensgeschichten des Liedermachers, einige wippen leicht mit dem Kopf zur Musik - nicht nur wegen des Takts, sondern auch der Zustimmung wegen. Jedes Kopfnicken ist ein sanftes "Ja, genau. So ist es". Oftmals ist es so wundervoll geräuschlos im Raum, dass sogar Weckers Pedal-Treten am Klavier mühelos zu hören ist.

Alles für den Augenblick

Euphorisch und herzlich wird es nach mehr als zwei Stunden Live-Musik an diesem Abend noch einmal zum Finale. Wecker holt den afghanischen Musiker Shekib Mosadeq aus Hamburg auf die Bühne. Gemeinsam spielen sie das Partisanen-Lied "Bella Ciao" - auf Italienisch, Persisch und Deutsch. Danach gibt Wecker sogar noch einen kleinen musikalischen Einblick in das kommende Album und verabschiedet sich schließlich mit einem kurzen Gedicht: "Alles wendet sich und endet und verliert sich in der Zeit. Nur der Augenblick ist immer. Gib Dich hin und sei bereit ...".

Christian Buhk spricht mit Konstantin Wecker und Felix Meyer.

Konstantin Wecker und Felix Meyer im Interview

Hamburg Journal -

In der Reihe Hamburg Sounds stehen Liedermacherlegende Konstantin Wecker und Sänger Felix Meyer mit seiner Band "Project Ile" für ein Doppelkonzert gemeinsam auf der Bühne.

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Der Motor heißt Melancholie

Vor Weckers Auftritt bei dem exklusiven Konzert im Foyer des Radiohauses spielte sein Bruder im Geiste: Felix Meyer. Die Melancholie, sagt Felix Meyer, die spielt in seinem Leben eine ziemlich große Rolle. Aber als ein positives Gefühl. "Zu meinem Glück gehört Melancholie ebenso dazu, wie die Euphorie." Und jene positive Melancholie konnten die hundert Zuschauer des exklusiven Hamburg Sounds Konzerts am Donnerstagabend deutlich spüren: Meist sitzt der groß gewachsene Musiker auf seinem Barhocker am Bühnenrand, die Hände ums Mikrofon geschlungen, den dunkel gelockten Kopf nach unten gerichtet. Seine Augen sind geschlossen, seine Bewegungen sind ruhig. Meyer verliert sich in seinen Stücken, lässt sie mit seiner zurückhaltenden Art atmen.

Die Straße will es laut, die Bühne erlaubt das Leise

Bevor Felix Meyer die Konzertbühnen erklommen hat, war die Straße seine Bühne. Und hier hat er auch die Liebe zur Musik entdeckt, genau genommen beim jahrelangen Reisen mit Gitarre und Freunden durch die Städte Europas. Ob Paris und Rom, Leipzig oder Berlin - es gibt wohl kaum eine Fußgängerzone, in der Felix Meyer die Passanten noch nicht begeistert hätte. Eine lehrreiche Zeit, die er definitiv nicht missen möchte. Denn als Straßenmusiker steht man auf Augenhöhe mit Publikum, die Reaktionen sind unmittelbarer, direkter. Doch um in den Einkaufsmeilen und Straßenschluchten Gehör zu finden, muss man erst einmal laut sein. Umso mehr freut sich Meyer, dass er nun sanftere Stücke wie "Kaffee ans Bett" auch schon frühzeitiger spielen kann.

Menschenbilder mit Worten malen

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Felix Meyer und seine Band Project Île.

Auf der Straße wird Felix Meyer schließlich auch entdeckt. In Lüneburg hört ihn der erfolgreiche Produzent Peter Hoffmann (unter anderem für den Erfolg von Tokio Hotel zuständig), und der ist sich sicher: Dieser Herr Meyer hat ein noch viel größeres Publikum verdient. Seitdem veröffentlicht Felix Meyer Platten, die allesamt Hits werden könnten. Wenn der Mann denn nicht so wundervolle und gar nicht auf Kommerz gebügelte Ecken und Kanten behalten hätte. Meyer ist inspiriert von der Gesellschaft, den Menschen, ihren Eigenarten und ihren Motiven zu handeln. Ob nun die Schönheit eines Augenblicks im Song "Gelegenheit macht Liebe" oder die traurige Erkenntnis, dass Krieg auch für uns wieder denkbar erscheint, wie im Stück "Liebevoll bis menschenleer" - Meyer malt das Weltgeschehen im Großen und den Menschen-Alltag im Kleinen in bildstarken Worten und sehnsüchtigen Melodien.

Der Straßenmusiker und der Liedermacher

Felix Meyer präsentiert vor allem seine eigenen Stücke. Zwischendurch gibt es mit "Liebe, Dreck und Gewalt" oder "Der Wind trägt uns davon" aber auch immer wieder kleine Retrospektiven auf die Zeit als Straßenmusiker, als er viele bekannte Chansons aus Frankreich und Spanien interpretierte. Den Abschluss seines Sets und zugleich einen charmanten Übergang zum folgenden Auftritt von Liedermacher-Legende Konstantin Wecker schaffen Meyer und seine Band Project Île mit dem Titellied des aktuellen Albums "Fasst Euch ein Herz" - auf dem ist Wecker nämlich als Gesangs-Gast vertreten. Und die letzten gemeinsamen Zeilen beweisen noch einmal, was den Straßenmusiker und den Liedermacher im Geiste verbindet: "Ich habe leise Lieder gegen die Einsamkeit, für die Liebe und die Melancholie. Und ein paar laute gegen Rechthaberei, Dummheit und Krieg. Aber helfen tun die lauten leider nie."

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 24.03.2017 | 19:05 Uhr

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