Stand: 28.02.2020 05:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Der VfB Lübeck und die Sehnsucht nach Profifußball

von Phillip Kamke

Des Trainer des VfB Lübeck Rolf Martin Landerl steht für ein Interview auf einem Fußballplatz in Lübeck. © NDR
Der Aufstieg ist das erklärte Ziel des VfB. "Daran lassen wir uns messen", sagt Trainer Rolf Martin Landerl.

Es sind klare, ruhige Ansagen. Aber sie sind bestimmt, immer mit einem klaren Plan. Trainer Rolf Martin Landerl wirkt fokussiert. Auch die spontan wechselnden Trainingsplätze bringen den Österreicher nicht aus der Ruhe. Witterungsbedingt müssen die Regionalliga-Fußballer des VfB Lübeck in diesen Tagen immer wieder umziehen - direkt vor dem Gipfeltreffen bei Tabellenführer VfL Wolfsburg II am Sonnabend (13 Uhr). Ein Pünktchen trennt beide Teams vor dem Duell. Anders als sonst steigt der Meister der Regionalliga Nord in diesem Jahr direkt in die Dritte Liga auf. Es ist das erklärte Ziel des VfB Lübeck. "Daran lassen wir uns messen", sagt Landerl. Der 100 Jahre alte VfB zurück im Profifußball, klingt fast schon kitschig. Unglaublich viele Menschen in der Stadt lechzen danach. "Wir kriegen die Stimmung mit. Das motiviert uns", sagt Spieler Morten Rüdiger.

In Wolfsburg werden mindestens 1.100 Lübecker erwartet

Mindestens 1.100 Lübecker Fans werden am Sonnabend in Wolfsburg erwartet, der Großteil reist in einer Bus-Karawane an. "Das ist mega. Da machen wir ein Heimspiel draus", glaubt Rüdiger. Ein gefühltes Heimspiel in einem vorgezogenen Endspiel im Kampf um die Meisterschaft? "Nein", sagt VfB-Trainer Landerl, glaubt aber: "Es ist schon ein wichtiges Spiel, das auch richtungsweisend sein kann. Wenn wir das erfolgreich gestalten, kann das natürlich einen Schub geben für die restlichen zehn Spiele." Der Trend spricht ohnehin schon für sein Team, das seit November eine Aufholjagd hingelegt hat und nun am Thron der Regionalliga kratzt.

Landerl: "Von Anfang an gesagt, dass wir aufsteigen wollen"

Florian Riedel, ein Spieler des VfB Lübeck feiert mit den Fans des Vereins. © imago images Foto: Jan Huebner
Ein Vorbote der aktuellen Euphorie in Lübeck: Fans und Spieler feiern Anfang September den Sieg beim HSC Hannover.

So dicht dran an der Rückkehr in den Profifußball war der Club, der 2004 aus der Zweiten Liga abstieg, lange nicht mehr. Zwei Insolvenzen pflasterten seitdem den Weg der Grün-Weißen. Der bei vielen Fans verhasste Landesrivale Holstein Kiel hat schon seit Jahren wieder Profistatus. Mit dem sportlichen Erfolg der laufenden Saison kamen Hoffnung und Euphorie aber endgültig in die Hansestadt zurück. Die Erwartungshaltung im Umfeld ist in diesem Jahr noch größer als in den vergangenen Jahren. Das erhöht den Druck. Auf die Mannschaft, vor allem aber auf den Trainer. Denn der ist letztendlich verantwortlich für den Erfolg der Mannschaft. "Druck macht man sich als Spieler und Trainer immer selber", entgegnet Coach Landerl. "Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir aufsteigen wollen."

Stadionsprecher und Fan: "Wir sind einfach dran"

Ein positiver Erfolgsdruck also? So sehen es vor allem die Fans. "Der Trainer hat in den letzten drei Jahren eine Kontinuität in die Mannschaft gebracht. Ich hab' richtig Bock auf die Dritte Liga. Wir sind einfach dran aufzusteigen", sagt Wolf-Asmus Wittke. Er ist nicht nur amtierender Stadionsprecher im Stadion an der Lohmühle, er ist vor allem VfB-Fan. Und das von Kindesbeinen an, als er mit drei Jahren zum ersten Mal zur Lohmühle mitgenommen wurde.

Seitdem ist Wittke den Grün-Weißen treu geblieben. Er erinnert sich: "Ausschlaggebend war das 3:4 gegen den SV Meppen 1983, wodurch der VfB aus der Oberliga abgestiegen ist. Als ich nach dem Spiel zahlreiche gestandene Männer auf der Tribüne hab' weinen sehen, war das für mich ein prägendes Erlebnis. Von da an wusste ich, welche Emotionen Fußball und speziell der VfB in einem wecken können." Seitdem sei er "emotional zu 100 Prozent dabei".

Dem Sohn gefällt die USA - aber er vermisst den VfB

Urlaubsbild von Asmus Wittke und seiner Familie © Asmus Wittke Foto: Asmus Wittke
Stadionsprecher Wolf-Asmus Wittke mit seiner Familie im USA-Urlaub. Schönes Land, fand einer seiner Söhne, aber er vermisste seinen Lieblingsverein.

Der VfB spielt im Hause Wittke eine ganz zentrale Rolle. Wolf-Asmus ist neben seinem Job als Stadionsprecher auch noch Schriftführer im Verein - und führt damit eine Familientradition fort. Denn auch sein Vater hatte dieses Amt bereits inne, sodass beim VfB seit nunmehr 25 Jahren der Schriftführer Wittke heißt. Klar: Seine Söhne haben ebenfalls bereits das VfB-Gen. "Als wir mit der Familie im USA-Urlaub waren, sagte mein Sohn Wolf-Alexander zu mir: 'Papa, Amerika ist zwar schön, aber ich vermisse den VfB.' Und mein anderer Sohn Wolf-Maximilian wollte die enttäuschten Spieler nach einer Heimniederlage mal über die Stadionlautsprecher trösten. Mit dem Lied 'Aber eins, aber eins, das bleibt bestehen, der VfB wird niemals untergeh'n'." Man bekommt ein Gefühl dafür, was in dieser Familie los wäre, wenn ihr VfB Lübeck am Ende den Aufstieg schaffen würde.

Braunschweig, 1860, 1. FCK: Tradition pur in Liga drei

Von einem Aufstieg in die Dritte Liga verspricht sich Stadionsprecher Wittke vor allem ein volleres Stadion, er träumt von "fünfstelligen Zuschauerzahlen." Für die Regionalliga ist der VfB mit im Schnitt 3.000 Stadiongängern Liga-Primus, aber angesichts der "tollen Mannschaften" in der Dritten Liga, von denen Trainer Landerl schwärmt, ist da noch Luft nach oben.

Die Gegner hießen dann nicht mehr SV Drochtersen/Assel oder VfB Oldenburg. Aktuell tummeln sich Mannschaften wie Eintracht Braunschweig, 1860 München oder 1. FC Kaiserslautern in Deutschlands dritthöchster Spielklasse. Tradition pur. "Die Dritte Liga lechzt nach dem VfB Lübeck, wir als Verein hätten es alle verdient", sagt Wittke.

Der Stadionsprecher wirkt in diesem Moment nicht weniger fokussiert wie der Trainer. Der Traum vom Aufstieg soll am Sonnabend mit einem Sieg in Wolfsburg noch näher rücken. Ja, der VfB Lübeck hat nach der 1:2-Niederlage im Hinspiel noch eine Rechnung offen. Aber in Lübeck ist zu spüren: Es geht um mehr.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Aktiv | 29.02.2020 | 15:30 Uhr

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