Ein Ball schießt in die Höhe, darunter blaues und grünes Farbpulver. Auf dem Ball: das Bundesliga-Logo. © picture alliance/augenklick Foto: firo Sportphoto/Jürgen Fromme

Taskforce Profifußball nimmt Arbeit auf

Stand: 13.10.2020 10:00 Uhr

Was läuft schief im Profifußball? 35 Fachleute aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft sollen Missstände analysieren und bis Ende des Jahres Perspektiven aufzeigen. Das letzte Wort über das Experten-Papier haben die 36 Mitglieder der Deutschen Fußball Liga (DFL). Aber wie reformfähig sind die Clubs?

von Andreas Bellinger

Es knirscht gewaltig im Gebälk des Profifußballs: Gehälter ohne Grenzen, Vereine vor der Insolvenz, ungleicher Wettbewerb und stetig wachsende Entfremdung der Clubs von ihren Fans. Die Probleme sind nicht neu, doch erst die Corona-Krise hat die Missstände gnadenlos offengelegt. "Was hat der Fußball falsch gemacht?" Der Frage von DFL-Chef Christian Seifert sollen bis Ende des Jahres 35 Expertinnen und Experten aus Sport, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft auf den Grund gehen. Die "Taskforce Zukunft Profifußball" werde "die gesellschaftliche Debatte prägen", so SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil im Gespräch mit dem NDR. Und die Fußball-Welt womöglich nachhaltig verändern?

Klingbeil nimmt DFL-Clubs in die Pflicht

"Eine gewisse Bodenhaftung ist verloren gegangen", sagt Klingbeil, der der Taskforce angehört. "Wenn es zum Beispiel darum geht, ob wir Gehaltsobergrenzen brauchen." Vielleicht sogar, ob es politische Maßnahmen bezüglich einer Begrenzung geben könnte. Vor allem aber: "Wie kann die gesellschaftliche Verantwortung des Profifußballs besser hergestellt werden?" Natürlich kann die Taskforce - so kompetent wie prominent sie auch besetzt sein mag - nur Perspektiven aufzeigen. Der bekennende Bayern-Fan Klingbeil nimmt die 36 Vereine der DFL in die Pflicht und erwartet, dass das erstellte Papier nicht nur diskutiert wird. "Ich habe gesagt, dass ich nur mitmache, wenn daraus am Ende kein Papiertiger wird."

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St. Paulis Torwart Robin Himmelmann © Witters Foto: TimGroothuis

Die 35 Mitglieder der "Taskforce Zukunft Profifußball"

Fachleute aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft sollen Perspektiven für den Profifußball aufzeigen. mehr

Bayern, BVB und Leipzig nicht dabei

"Natürlich wäre es nicht dienlich, wenn man sich jetzt dreimal trifft und dann die ganze Sache im Sande verlaufen lässt", sagt Keeper Robin Himmelmann vom FC St. Pauli. So nach dem Motto: Wenn ich mal nicht weiter weiß, gründe ich einen Arbeitskreis. Der Hamburger sitzt wie sein Berliner Union-Kollege Andreas Luthe als Vertreter der aktiven Profis sowie des neu gegründeten Spielerbündnisses in der Taskforce, die nach seinen Vorstellungen eine dauerhafte Einrichtung sein sollte. Die großen Drei, Bayern München, Borussia Dortmund und RB Leipzig, zeigen derweil kein Interesse.

Köster: Taskforce-Ergebnisse nicht bindend

Für Philipp Köster, den Herausgeber des Fußballmagazins "11 Freunde", liegen die Gründe auf der Hand. "Spätestens als man gemerkt hat, was das für ein Gremium ist, und dass das möglicherweise Empfehlungen aussprechen wird, die dem FC Bayern nicht so passen, hat man geschaut, dass man rausgeht. Aber wenn man das als wirklich bindend erachtet hätte, hätte man wahrscheinlich jetzt einen Vertreter vom FC Bayern dabei." Die Clubs müssten kapieren, dass sie gesellschaftliche Akteure sind, und nicht nur Fußball-Vereine, die sich an Umsatzrekorden ergötzen. "Wenn die Clubs sich nicht verändern und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden", so Köster im NDR Interview, "werden sie nicht mehr relevant sein."

Verliert der Fußball an Relevanz?

Für die Nationalelf gilt das nicht minder. "Der Fußball ist in unserer Gesellschaft fest verankert. Daraus erwächst für uns eine große Verantwortung", sagt DFB-Präsident Fritz Keller, der sich wie viele Fans darüber geärgert hat, dass die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw die 260 Kilometer von Stuttgart zum Länderspiel in Basel per Flugzeug zurückgelegt hat. "Es muss sich zeigen, dass wir Fußball als etwas Gemeinsames empfinden", sagt Helen Breit von der AG Fankulturen. "Wenn das nicht wiederhergestellt wird, wird es auch bei den Fans dazu führen, dass die Relevanz des Fußballs geringer wird", so die Fan-Sprecherin. "Ich habe den Eindruck, es wird einfach so weitergemacht." Im Transfergeschäft scheint es anders zu sein. Haben die Bundesligisten vor einem Jahr noch 730 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben, ist die Summe dieses Mal nicht einmal halb so hoch.

Bodes "spannender Gedanke"

Werder Bremen beispielsweise musste Stück für Stück vom angepeilten Erlös von 30 Millionen Euro für Milot Rashica abrücken. Auch die stets für ihr hanseatisches Wirtschaften gelobten Bremer sind durch die Corona-Krise in Finanznot geraten und mussten erstmals Kredite beantragen. Mit einem Gehaltsverzicht tun sich allerdings nicht nur die Grün-Weißen schwer, obwohl Aufsichtsratschef Marco Bode eine Gehaltsobergrenze einen "spannenden Gedanken" nennt. Zudem müsse die DFL bei der Lizenzierung auch die "Eigenkapitalquote" der Proficlubs prüfen. Und wie wäre es, "wenn man solche Clubs belohnte, die externe Hilfe nicht in Anspruch nehmen"?

Özdemir: Spiel und Vereine gehören den Fans

Ein Schwerpunkt der Taskforce werden neben gesellschaftlicher Verankerung, Wettbewerbsbalance, Ethik-Richtlinien, Fan-Interessen, wirtschaftlicher Stabilität und Förderung von Frauenfußball sicherlich die hohen Zahlungen an Berater und Spieler sein. "Bei solch astronomischen Summen stellt sich einfach die Gerechtigkeitsfrage", sagt Grünen-Politiker Cem Özdemir, der wie Klingbeil, Carsten Linnemann (CDU) oder Ex-Kanzlerkandidat Martin Schulz (SPD) politische Expertise einbringen soll. "Mittlerweile ist da vieles außer Rand und Band. Das tut dem Fußball auf Dauer nicht gut", so der Stuttgarter VfB-Fan, der eine Demokratisierung des Profifußballs in Deutschland anmahnt: "Das Spiel und die Vereine gehören den Fans."

Offenheit oder Verweigerung?

Das letzte Wort über die Taskforce-Ergebnisse haben ohnehin die 36 DFL-Vereine, die über mögliche Schritte entscheiden werden. Seifert: "Das können Statutenänderungen, das können Selbstverpflichtungen, das kann der Beschluss über mögliche Initiativen im europäischen Kontext sein." Während Klingbeil Offenheit der Verbandsvertreter anmahnt und auch Klarheit erwartet, "dass unsere Vorschläge angenommen werden", mutmaßt Bode: "Es gibt viele im Fußball, die gar nichts verändern wollen."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 04.10.2020 | 22:50 Uhr

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