Stand: 22.04.2020 16:10 Uhr

Schiedsrichter Arhin: Offensiv gegen Rassismus

von Andreas Bellinger, NDR.de

Er kennt sie wohl die dunklen Seiten des Fußballs. Und doch packt Jamaine Arhin fast jedes Wochenende seine Sporttasche, lässt Familie, Beruf und sein schönes Zuhause für ein paar Stunden hinter sich und fährt hier und da übers Land - dorthin, wo der als Zweijähriger aus Ghana nach Hamburg gekommene Schiedsrichter ein Spiel zu leiten hat. "Da gehe ich meiner Leidenschaft nach", erzählt der 35-Jährige, der viele Jahre für den 1. FC Eimsbüttel gekickt hat. Eine Leidenschaft, die mitunter auch Leiden schafft. Dann nämlich, wenn die Schmähungen, Anfeindungen und rassistischen Beleidigungen unerträglich werden.

Offensiv gegen Rassismus: Eine Frage der Haltung

Sportclub -

Die Sportclub Story hat drei Menschen begleitet, die offensiv gegen Rassismus und Diskriminierung vorgehen: Basketball-Profi Konstantin Konga, Eintracht-Frankfurt-Präsident Peter Fischer und Schiedsrichter Jamaine Arhin.

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Unglaubliche Dummheit

So wie bei einem Bezirksligaspiel Ende 2017 beim 1. FC Quickborn. Der dunkelhäutige Schiedsrichter-Assistent stand noch an der Linie - ein paar Meter nur von den Zuschauern entfernt. "Je höher der Spielstand war (die Gastgeber verloren 2:5/d.Red.), desto schlimmer wurde es", erzählt Arhin in der Sportclub Story "Offensiv gegen Rassismus". Es blieb nicht bei den im Fußball üblichen Pöbeleien. "Was macht der Schwarze da an der Seitenlinie? Der soll lieber in die Küche gehen und putzen", sei gerufen worden. Die ganze Palette an unglaublicher Dummheit, wie so etwas Frankfurts Präsident Peter Fischer nennt, bekannt für seine kompromisslose Haltung gegen rechts.

"So was geht gar nicht"

Vielleicht hätte Arhin die rassistischen Ausfälle, die ihm schließlich nicht fremd waren, noch auf seine souveräne Art ertragen. Wenn nicht auch sein damals fünf Jahre alter Sohn zur Zielscheibe der unsäglichen Feindseligkeiten von den Rängen geworden wäre. "Warum läuft sein Bimbo-Junge hier rum", hätten sie mit Blick auf seinen Sohn gerufen. Arhins Frau Kim wusste, wie es ist, wenn ihr Mann rassistisch beleidigt wird. "Nun aber war ich als Mutter eines dunkelhäutigen Kindes damit direkt konfrontiert. So was geht gar nicht", sagt sie. "Elia Levi war natürlich total aufgelöst und hat gefragt: Was ist denn ein Bimbo?"

"Schade, dass Menschen so sein müssen"

Verständlich wohl, dass Arhin "irgendwann geladen und enttäuscht" war. Anmerken ließ er sich das aber nicht. "Ich bin so stolz auf ihn, dass er so viel Größe hat und so ein positiver Mensch ist", sagt Kim Arhin. "Dass er das belächelt und sich denkt: Schade, dass Menschen so sein müssen." Anfangs wollte er Elia aus väterlicher Sorge nicht mehr mitnehmen zu Spielen. "Doch dann habe ich mir gesagt, dass er gerade mitkommen soll, damit er auch die guten Seiten des Fußballs sieht." Elia hat den Spaß am Fußball nicht verloren. Beim Eimsbütteler TV zählt er zu den hoffnungsvollen Talenten und im U9-Förderkader ist er auch, obwohl er im Mai erst acht Jahre alt wird.

HSV-Spot gegen Rassismus

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Arhin setzt auf Kommunikation.

Auch sein Vater hat sich nicht abschrecken lassen, geht seinen Weg als Schiedsrichter unbeirrt weiter. Stolz tauscht er den dunklen Anzug des leitenden Angestellten einer Hamburger Versicherung gegen die blaue Jacke des Hamburger SV, für den er auf Kreis- und Bezirksebene unterwegs ist. Das "Gesicht" eines HSV-Spots gegen Rassismus ist er überdies, in dem er zugleich um Nachwuchs an der Trillerpfeife wirbt. Als Spielleiter gehört Arhin zu den eher Kommunikativen - auf das Zücken von Gelben und Roten Karten versucht er zu verzichten. "Druck erzeugt Gegendruck", erzählt er auf dem Weg in die Kabine - vorbei an einer Tafel mit der Aufschrift: "Auch der Schiedsrichter ist ein Mensch."

Verbandsgericht hebt Urteil auf

Nach dem Vorfall in Quickborn brummte das Sportgericht des Hamburger Fußball-Verbandes (HFV) dem gastgebenden Verein eine Geldstrafe auf. Doch das Verbandsgericht revidierte das Urteil und sprach den Club frei. Niemand könne die Behauptung des Linienrichters bestätigen, hieß es. "Ich hätte mich an einen Ordner wenden sollen", erinnert sich Arhin an die Begründung des Gerichts: "Damit der Ordner zumindest die Möglichkeit bekommen hätte, die Fans zu beruhigen." Der 1. FC Quickborn betonte, dass es sich bei dem Beschuldigten um ein Nicht-Mitglied gehandelt habe und der Club für Toleranz, Offenheit und Integration stehe.

Zuschauer mit Zivilcourage

"Wenn es rassistisches Verhalten gibt oder Tendenzen, dann muss das geahndet werden", sagt DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius. Entsprechende Sanktionen seien Sache des Verbandes - und "klare Kante zu zeigen". Wie die Zuschauer unlängst in Münster. Als Würzburgs Drittligafußballer Leroy Kwadwo Ziel einer Rassismus-Attacke wurde, standen die Fans der Preußen auf und halfen, den Täter zu identifizieren.

Weitere Informationen

Rassismus? Spielabbruch im Amateur-Fußball

Ein Spiel der Fußball-Landesliga in Mecklenburg-Vorpommern ist abgebrochen worden, weil sich zwei Spieler der Gastmannschaft von einem Zuschauer rassistisch beleidigt fühlten. (Vom 10.12.2019) mehr

In Schwerin ein anderes Beispiel: Hier kam es zum Eklat, als Landesliga-Kicker von Anker Wismar dem Schiedsrichter Beleidigungen anzeigten und vorzeitig den Platz verließen. "Es kann nicht sein, dass eine Mannschaft selbstständig ein Spiel abbricht", sagt der Vorsitzende des Schiedsrichter-Ausschusses Mecklenburg-Vorpommern, Torsten Koop. Zum Sportgerichtsverfahren wegen rassistischer Beleidigung kam es nicht - aus Mangel an Beweisen.

Cacau - ein zahnloser Tiger

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat in Ex-Nationalspieler Cacau zwar einen Integrationsbeauftragten - der aber ein zahnloser Tiger ohne echte Kompetenzen ist. Als Herthas Jordan Torunarigha im Pokalspiel Anfang Februar bei Schalke 04 offenbar rassistisch beleidigt wurde, die Beherrschung verlor und "Rot" sah, blieb dem gebürtigen Brasilianer nur zu sagen: "Das war für mich sehr traurig zu sehen." Schalke zahlte 50.000 Euro Strafe - das war's. Durchsagen und Unterbrechungen, die der Drei-Stufen-Plan des Weltverbandes FIFA seit Juli 2019 als Vorstufe eines Spielabbruchs vorsieht, hatte es nicht gegeben. Einen Spielabbruch aus rassistischen Gründen gab es im deutschen Profifußball noch nie.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 26.04.2020 | 23:15 Uhr