Harnik in der Oberliga: Liebe zum Spiel statt Bundesliga-Stress

Stand: 20.10.2021 10:40 Uhr

Nach 323 Erst- und Zweitliga-Einsätzen beendete Martin Harnik 2020 überraschend seine Profi-Karriere - und hat seinen Wechsel zum Hamburger Oberligisten TuS Dassendorf nie bereut. Im NDR Interview spricht er über den großen Druck in der Bundesliga und die Liebe zum Fußball.

Der 34-jährige Harnik kommt dieser Tage kaum aus dem Jubeln heraus. Satte 15 Saisontore hat der Stürmer in gerade einmal neun Ligaspielen für Dassendorf erzielt. Die Turn- und Sportgemeinschaft vor den Toren der Hansestadt hat bisher alle Partien für sich entschieden - mit insgesamt 31:7 Treffern.

Harnik hat seine Bundesliga-Vergangenheit hinter sich gelassen und ist ins Hamburger Umland zurückgekehrt, wo er einst mit den A-Junioren des SC Vier- und Marschlande - gemeinsam mit Kumpel Max Kruse - groß aufspielte. Wahrscheinlich hat sich der ehemalige österreichische Nationalspieler auch deshalb so schnell akklimatisiert. Von Fremdeln in der Fußball-Provinz gibt es jedenfalls keine Spur. Ganz im Gegenteil.

"Es geht wieder mehr um die Sache an sich. Nicht um diese ganzen Nebengeräusche, es geht nicht um so viele finanzielle Dinge oder persönliche Karrieren", unterstreicht Harnik. "Ich habe ganz, ganz viel Spaß und ganz, ganz viel Fußball und ganz, ganz wenig Stress und Verantwortung. Dieses Verhältnis weiß man halt zu schätzen, wenn man auch die andere Seite der Waage kannte."

In der Bundesliga lief vor Anspannung kalter Schweiß

Vor Bundesliga-Spielen sei ihm ob der großen Anspannung regelmäßig der kalte Schweiß ausgebrochen, berichtet der Ex-Profi. "Die schlimmste Phase war immer so eine Stunde vor dem Aufwärmen, in der man noch ungefähr 40, 50 Minuten Zeit hat, sich vorzubereiten und dann gemeinsam rausgeht", blickt er zurück: "Ich war immer relativ schnell fertig und wusste, ich könnte jetzt eigentlich loslegen. Und dann muss man warten und hat unglaublich viel Zeit, nachzudenken und sich dem Druck zu ergeben. Das war immer sehr kräfteraubend."

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Hundertausende Leute hätten im Bundesliga-Alltag immer genau darauf geachtet, was man sagt und macht. Dabei ist die Person hinter dem Fußballer oftmals auf der Strecke geblieben. "Im Profifußball muss man immer den Filter dabeihaben, weil man immer ganz genau durchleuchtet wird und ein gläserner Profi ist. Da wird jeder Fehler sofort erkannt und offengelegt", berichtet Harnik.

Harnik: "Dafür liebe ich den Sport zu sehr"

Der Eindruck täusche, sein Rückzug in die Niederungen des Fußballs sei eine Flucht nach den Enttäuschungen zuletzt bei Werder Bremen und dem Hamburger SV gewesen, betont Harnik. Nach dem Jahr beim HSV wollte er mit seiner Familie in der Hansestadt bleiben und hätte sich vorstellen können, für das letzte Vertragsjahr an der Weser zu pendeln. Doch der Vertrag bei Werder wurde aufgelöst.

Ans Aufhören dachte Harnik allerdings nie: "Dafür liebe ich den Sport zu sehr. Hier komme ich zum Training, ziehe meine Schuhe an und dann geht es los. Solange ich gesund bin, wird das auch immer so sein. Egal, ob in der Oberliga oder später bei den Alten Herren. Dafür bin ich dem Sport zu sehr verfallen." Auch wenn sich in der Oberliga wieder alle Augen auf ihn richten, ist der ganz große Druck verflogen.

In der Oberliga "normaler Gegenspieler" - nur treffsicherer

"Es gab schon in der Bundesliga das eine Lager, die mochten mich. Und die anderen mochten mich weniger. Ich glaube, dass es bei den Gegenspielern genauso ist." In den ersten Spielminuten werde er genau beobachtet, werde geschaut, wie er sich verhält.

"Und wenn sie dann relativ schnell merken, dass ich hier keine Allüren mitbringe oder mich für etwas Besseres halte, wovon ich auch weit entfernt bin, und auch den Jungs den entsprechenden Respekt entgegenbringe, ist das Eis schnell gebrochen. Dann sehen sie mich als normalen Gegenspieler. Und das erwarte ich eigentlich auch", so Harnik.

Der eine oder andere Gegenspieler schieße zwar schon einmal übers Ziel hinaus: "Es war aber noch kein Foul dabei, bei dem ich gesagt habe: Da versucht mich jemand wirklich zu verletzen oder kaputt zu treten. Da ist mal jemand übermotiviert, kommt einen Schritt zu spät oder ist auch zu aggressiv. Aber das gehört dazu und gab es in der Bundesliga genauso."

Vom Toreschießen lässt sich Harnik in Dassendorf ohnehin nicht so leicht abhalten - und so dürften im Laufe der Saison noch zahlreiche Treffer für den Fußballer aus Leidenschaft dazukommen.

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Eine Fußballtabelle vor eine Fußballmotiv © Colourbox Foto: Taweesak Jarearnsin

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Sportclub | 07.11.2021 | 23:35 Uhr

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