Lena Oberdorf vom VfL Wolfsburg: Raubein mit Star-Potenzial

Stand: 19.09.2022 09:40 Uhr

Lena Oberdorf wird nach ihrer großartigen EM mit Lob überhäuft. Die 20 Jahre alte Ausnahmefußballerin vom VfL Wolfsburg steht auch für eine neue Generation, die sich von männlichen Vorbildern emanzipiert.

von Andreas Bellinger

Selbstbewusst und rustikal, erfrischend natürlich - das Gesicht einer neuen Generation im Frauenfußball: Lena Oberdorf hat sich bei der Europameisterschaft in England in die Herzen der Fans und in den Kreis der Weltelite gespielt. Einmal musste die 20-Jährige Gelb-gesperrt zusehen, trotzdem wurde die "Sechserin" zum Jungstar des Turniers gekürt und in die EM-Elf berufen. Dritte der Wahl zu Europas Fußballerin des Jahres wurde sie auch.

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Lena Oberdorf © Witters

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"Sie setzt Zeichen, liebt selbst die Art, wie sie spielt und kann sich auch mal selbst feiern", sagt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg und fügt - einmal ins Schwärmen gekommen - hinzu: "Das ist großartig und gehört einfach dazu, wenn du als Spielerin den nächsten Schritt machen willst. Das ist keine Arroganz, sondern zeigt den Willen."

"Lass dich nicht von einem Mädchen abkochen!"

Ohne diese Stärke hätte "Obi" wahrscheinlich früh die Flinte ins Korn geworfen. Bis zur B-Jugend kickte sie mit den Jungen - und ließ den einen oder anderen Kontrahenten schon mal so schlecht aussehen, dass die Eltern am Spielfeldrand außer sich waren, erinnert sie sich im Sportclub des NDR: "'Lass dich nicht von einem Mädchen abkochen', haben sie geschrien. Aber da muss man durch und sich beweisen."

In ihrem Heimatverein TSG Sprockhövel eifern der 32-fachen Nationalspielerin inzwischen die Mädels nach, spielen in Jungenmannschaften und laufen in Oberdorf-Trikots rum. "Das erfüllt mich mit Stolz."

Führungsspielerin mit Potenzial

Dumme Sprüche hört die Vize-Europameisterin heutzutage kaum noch. Ganz im Gegenteil. "Beim Einkaufen werde ich durchaus gefragt, ob man ein Autogramm kriegen oder ein Bild machen kann. Letztens wurde ich an einer Ampel sogar angehupt: 'Ey, gutes Spiel, gute EM'." Ein bisschen ungewohnt sei das schon, mache aber auch Spaß, sagt sie.

Vor allem, wenn sie sieht, wie die fantastische EM "kleine Mädels inspiriert und jetzt sogar auch Jungs, die zu einem hochschauen. Da muss man dranbleiben, sich weiterentwickeln und immer weiter die Rolle der Führungsspielerin übernehmen", so Oberdorf.

Jüngste A-Nationalspielerin mit physischer Präsenz

"Viele Mädchen hatten männliche Vorbilder. Jetzt höre ich Kinder, die sagen: 'Ich möchte werden wie Alex Popp oder Lena Oberdorf'", so Voss-Tecklenburg, die die damals 17-Jährige Oberdorf im April 2019 zur jüngsten A-Nationalspielerin des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) machte.

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Alexandra Popp © IMAGO / Sports Press Photo

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"Lena hat schon in jungen Jahren eine physische Präsenz, einen Willen, aber auch eine Intuition, im richtigen Moment in die Zweikämpfe zu gehen und Zeichen zu setzen", so die Bundestrainerin in der Dokumentation "Born for this". Das hohe Lied auf "einen Typ Fußballerin, den es nicht so oft gibt".

Die Spielerin ist kritischer mit sich selbst: "Ich bin schwer zufriedenzustellen, bin ein bisschen perfektionistisch. Wenn es heißt, ich hätte gut gespielt, kann ich gleich drei Pässe nennen, die kacke waren."

"Wenn es im Zweikampf auch mal knallt"

Vieles habe sie sich bei ihrem fünf Jahre älteren Bruder abgeschaut, als sie als Kinder im Garten auch das Grätschen geübt haben. Tim Oberdorf spielt bei Fortuna Düsseldorf in der Zweiten Liga. Früher schleppte er seine Schwester mit auf den Bolzplatz. "Vielleicht brauchten sie einfach nur einen Torwart", scherzt sie.

Tim ist bis heute Lenas Vorbild - wie der spanische Welt- und Europameister Sergio Ramos, ein fußballerisches Raubein mit Weltruf. Rustikal könnte man auch den Stil einer der weltbesten defensiven Mittelfeldspielerinnen nennen. "Ich liebe es, wenn es physisch zur Sache geht, wenn es im Zweikampf auch mal knallt", sagt Oberdorf.

Vertrag verlängert - Wohlfühlfaktor wichtiger als Geld

Als 16-Jährige wechselte sie 2018 zur SGS Essen in die Bundesliga, unterschrieb zwei Jahre später in Wolfsburg. 2021 holte sie mit dem VfL den DFB-Pokal, im Jahr darauf das Double. Ihren Vertrag hat sie vorzeitig bis 2025 verlängert, obwohl ausländische Clubs auf sie aufmerksam geworden sind.

Aber die familiäre Atmosphäre in der niedersächsischen Auto-Stadt war ihr wichtiger: "Geld war für mich nie ein Thema. Was das angeht, ist Wolfsburg ja auch keine schlechte Adresse hier in Deutschland. Es geht mir um den Wohlfühlfaktor." Angebote sind (vorerst) zwecklos, wie der Sportliche Leiter der VfL-Frauen, Ralf Kellermann, klarstellt. Es gebe keine Verhandlungsbasis: "Da kann kommen, wer will."

Ein frisches Gesicht - auch für die Werbung

Der Hype um den Frauenfußball hat auch die Sponsoren auf Lena Oberdorf aufmerksam gemacht, so Marketing-Experte Felix Appelfeller. "Sie verkörpert eine jüngere, frischere Generation." Sie habe 300.000 Follower, eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit den neuen Medien und transportiere dabei ihre Art von Humor. "Lena ist eine total spannende Persönlichkeit; sie spricht ganz andere Zielgruppen an, hat großes Potenzial in alle Richtungen und kann zum Vorbild für die ganze Sportart werden."

Zuschauerrekord zum Bundesliga-Auftakt

Dass der Frauenfußball viel Schwung von der EM in England mitbekommen hat, zeigte der Saisonauftakt in der Bundesliga zwischen Frankfurt und Bayern München vor 23.200 Zuschauern in der großen Arena der Eintracht. Damit wurde der bisherige Rekord mit 12.464 Zuschauern bei der Partie Wolfsburg gegen den 1. FFC Frankfurt von 2014 pulverisiert.

Den 4:0-Sieg von Titelverteidiger VfL gegen die SGS Essen sahen 3.217 Zuschauer in Wolfsburg - auch dies eine vergleichsweise stattliche Zahl. "Von der EM-Euphorie muss etwas übrigbleiben", fordert Voss-Tecklenburg. Mehr Wettbewerb in der Liga wird laut Kellermann dafür notwendig sein.

Oberdorf nimmt auch Medien in die Pflicht

Aber auch, dass "wir den Fußball wie bei der EM zeigen, dass auch in der Frauen-Bundesliga diese Qualität vorhanden ist", erwartet Oberdorf, die ebenso die Medien in die Pflicht nimmt: "Es geht auch darum, die TV-Übertragungen zu professionalisieren und auch um Vorberichte - und dabei reden wir nicht von einer Stunde."

Eine Gelegenheit sollte das Topspiel der Wolfsburgerinnen am 23. Oktober gegen Bayern München bieten, das erstmals in der großen VfL-Arena gespielt und live im NDR Fernsehen übertragen wird. "Vielleicht kriegen wir dann auch 20.000 hin", sagt Oberdorf. "Oder sogar einen neuen Zuschauer-Rekord."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 18.09.2022 | 22:50 Uhr

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