Stand: 13.05.2020 22:06 Uhr

Lauterbach kritisiert DFL-Hygienekonzept: "Eine Farce"

Am Sonnabend nehmen die Fußball-Bundesliga und die Zweite Liga ihren Spielbetrieb nach über zweimonatiger Pause wegen der Coronavirus-Pandemie mit Geisterspielen wieder auf. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hofft, mit einem umfangreichen Hygienekonzept Infektionsfälle verhindern zu können. Doch bereits vor dem Re-Start gab es positive Befunde bei Dynamo Dresden und dem 1. FC Köln. Für den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach sind diese Fälle nur die Spitze des Eisbergs. Der Bundestagsabgeordnete glaubt, dass es eine hohe Dunkelziffer geben könnte, weil die Clubs die Tests selbst durchführen.

"Wenn das jetzt auf die Schnelle abgestrichen wird durch Laien, ohne dass es wirklich überwacht wird, dann kann es gut sein, dass man jede zweite Infektion nicht findet, obwohl sie da ist", sagte der Epidemiologe im Video-Interview mit dem NDR: "Das Konzept halte ich nicht für sicher. Es werden wahrscheinlich sehr viele positive Fälle übersehen."

Lauterbach: Werden positive Fälle übersehen

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisiert im Gespräch mit dem NDR die eigenverantwortliche Probenentnahme der Bundesliga-Vereine und warnt vor Manipulationsmöglichkeiten.

4,31 bei 35 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

"Sind nicht der Nachhilfe-Lehrer der DFL"

Der 57-Jährige wies darauf hin, dass es für die Fußball-Profis schlimme Folgen haben könnte, wenn sie mit einer nicht entdeckten Infektion auflaufen würden. "Wir wissen aus anderen Viruserkrankungen, dass sie zu bleibenden Schäden führen, wenn sie in den Leistungssport getragen werden. Ich sehe hier weder die Sicherheit für die Spieler noch die Betreuer gewährleistet", erklärte Lauterbach. Er habe der DFL "nahegelegt", ein Konzept von Epidemiologen entwickeln zu lassen. Doch dies sei nicht passiert: "Und wir sind nicht der Nachhilfe-Lehrer der DFL." Der SPD-Politiker befürchtet zudem, dass die lokalen Gesundheitsämter mit der Überwachung des Hygienekonzepts im laufenden Bundesliga-Betrieb überfordert sein werden. Nicht nur, weil es ihnen an Erfahrung darin fehle, sondern auch wegen möglicher Einfluss-Versuche vonseiten der DFL und der Clubs.

"Ich will nicht unterstellen, dass die Vereine damit nicht richtig umgehen können. Aber wir können es nicht ausschließen - es geht um viel. Und nach meiner Erfahrung, mit welcher Lobbykraft gearbeitet wurde, erwarte ich, dass ein kleines Gesundheitsamt ohne Erfahrung sich einem solchen Druck der Vereine kaum wirkungsvoll entgegenstellen kann", erklärte der Gesundheitsexperte.

Sorge um Manipulationsversuche

Bild vergrößern
SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach befürchtet Betrugsversuche der Clubs.

Lauterbach hält sogar Manipulationsversuche durch die Clubs für möglich: "Ich würde mich auf die Entnahme der Proben nicht verlassen. Wenn ein Verein beispielsweise um entscheidende Punkte spielt und fürchtet, bei positiven Tests nicht weiter trainieren oder gar spielen zu können, dann ist die Versuchung natürlich sehr groß, dass man entweder nicht testet oder den Abstrich so macht, dass er nicht positiv sein kann." Das ganze System sei "einfach nicht durchdacht", kritisiert der 57-Jährige und kommt zu dem Schluss: "Das Konzept ist aus meiner Sicht eine Farce - die Ausnahme von der Ausnahme von der Ausnahme."

Gesundheitsdezernent Rau lobt DFL-Konzept

Weitere Informationen

Geisterspiele im Fußball: Das sind die Regeln

Das Hygiene- und Sicherheitskonzept der DFL hat gravierende Änderungen für den Ablauf der Spiele in der Fußball-Bundesliga zur Folge. Die wichtigsten im Überblick. mehr

Diesbezüglich etwas anderer Meinung ist Harald Rau, Gesundheitsdezernent der Stadt Köln. "Insgesamt ist das DFL-Konzept im Vergleich zu den Arbeitsschutz-Konzepten außerhalb des Fußballs schon recht differenziert und umfänglich", sagte er dem NDR. Rau hat die umstrittene Entscheidung mitverantwortet, dass der 1. FC Köln trotz dreier positiver Corona-Tests nicht mit dem kompletten Spieler- und Betreuerstab in Quarantäne gehen musste. Der Bundesligist durfte mit Ausnahme der Betroffenen weitertrainieren. Der Gesundheitsdezernent verweist darauf, dass es bei der Rückkehr in die Normalität in allen Bereichen Risiken geben werde: "Es ist jetzt unsere politische und gesellschaftliche Herausforderung, dass wir diese Risiken vernünftig gestalten."

Weitere Informationen
02:50
Sportclub

Wer entscheidet über Quarantäne für Fußball-Profis?

Sportclub

Muss bei einem positiven Corona-Test nur der betroffene Spieler in Quarantäne oder die gesamte Mannschaft? Die Entscheidung liegt bei den lokalen Gesundheitsämtern. Video (02:50 min)

Bundesliga-Neustart: Eine Reise ins Ungewisse

Am Wochenende nimmt die Fußball-Bundesliga ihren Spielbetrieb wieder auf. Es wird ein nie dagewesenes Experiment mit zahllosen offenen Fragen, vor allem denen nach Fairness und Chancengleichheit. mehr

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 14.05.2020 | 09:25 Uhr

Mehr Sport

02:31
Hamburg Journal