Fußball-WM in Katar 2022 © Witters

Fußball-WM in Katar: Kein Public Viewing und viel Kritik

Stand: 26.10.2022 16:05 Uhr

In drei Wochen startet die umstrittene Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Vorfreude will wegen der zahlreichen Menschenrechtsverstöße im Gastgeberland nicht recht aufkommen. Viele Veranstalter und Kneipen-Besitzer in Deutschland verzichten auf Public Viewing. Aber bleibt das auch so?

von Matthias Heidrich

Den DFB-Adler auf der Brust, die schwarz-rot-goldene Perücke auf dem Kopf - das waren alle vier Jahre die gewohnten Bilder. Zentausende Fans fieberten freudetrunken vor großen Leinwänden oder kleineren Kneipen-Bildschirmen mit Thomas Müller und Co. mit. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Und das nicht nur, weil die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar (20. November bis 18. Dezember) erstmals im Winter ausgetragen wird. Dem Wüstenemirat werden massive Verletzungen von Menschenrechten vorgeworfen, etwa beim Bau der WM-Stadien, bei dem es auch zu tödlichen Unfällen gekommen ist.

Auch Hamburg, Hannover und Kiel verzichten

"Stell' dir vor es ist WM und keiner kann hingehen", lautet überspitzt das Motto, wenn für die deutsche Nationalmannschaft am 23. November mit dem ersten Gruppenspiel gegen Japan der WM-Startschuss fällt. Hamburg, Hannover, Rostock oder Kiel - der Norden hält sich in puncto Public Viewing bedeckt. Auch in der Hauptstadt Berlin oder in München sind aktuell keine Fanfeste mit großen Leinwänden geplant.

Gesamtgesellschaftliche Debatte nötig

In Kiel hatte die Ratsversammlung bereits Anfang 2022 beschlossen, Public-Viewing-Pläne nicht zu unterstützen. "Die Kieler Ratsversammlung schließt sich der vielfach geäußerten Kritik an, dass die Fußball-Weltmeisterschaft nicht nach Katar hätte vergeben werden sollen", heißt es in dem Beschluss vom Februar. Es sei eine gesamtgesellschaftliche Debatte nötig, welche Ansprüche an die Wahrung von Menschenrechten sowie die Achtung von demokratischen Grundregeln und Prinzipien der Nachhaltigkeit bei der Ausrichtung von internationalen Sportveranstaltungen gelten müssten.

Die Hamburger Veranstalter Bergmanngruppe, die zuletzt zur Weltmeisterschaft 2018 das Fanfest auf dem Heiligengeistfeld organisiert hatte, plant ebenfalls kein Public Viewing. "Sich im Rahmen dieser doch sehr kontroversen Winter-WM als Veranstalter zu präsentieren, kommt für uns nicht infrage", sagte eine Sprecherin.

"Es geht auch darum, ein Statement zu setzen"

Das Treffen der weltbesten Kicker in Katar hat etwas Toxisches, auch für viele Fußballfans, die sich vorgenommen haben, die WM in Katar zu boykottieren. Manch einer findet drastische Worte: "Ich finde, der WM sollte keinerlei Aufmerksamkeit gegeben werden. Jeder, der da zuschaut, hat selbst ein bisschen Blut an den Händen", sagte beispielsweise ein Anhänger dem NDR.

Bundesweit haben sich rund 100 Gaststätten dem Aufruf der Fan-Initiative "#BoycottQatar2022" angeschlossen, bei ihnen ist während der WM Sendepause. "Es geht auch darum, ein Statement zu setzen", sagt Fabian Spannhut, Wirt der Hamburger Kneipe "Grete". "Der ganze Rummel lebt davon, dass die Leute zuschauen. Dann lässt man es eben dieses Jahr einfach und sagt: 'Wir sind kurz vor der Weihnachtszeit, lass uns doch lieber am Glühweinstand treffen.'"

Wolfsburg: Nicht die Fans und Sportler bestrafen

Wolfsburg will hingegen "schwarz-rot-geil" und Glühwein verbinden und auf einer LED-Wand auf dem Weihnachtsmarkt zumindest die deutschen Spiele zeigen. "Wir haben die Menschrechtsproblematik im Hinterkopf, aber wir wollen nicht die Fans und Sportler bestrafen", sagte Wolfsburgs Citymanagement-Bereichsleiter Frank Hitzschke dem NDR. "Die können nichts für die Entscheidung, dass Katar der Austragungsort ist."

"Wenn die WM beginnt, steht das Sportliche im Mittelpunkt. Aber wir müssen klar sein in der Positionierung, wenn es um gesellschaftliche und politische Verhältnisse in Katar geht." DFB-Präsident Bernd Neuendorf

Hitzschke hat zudem Zweifel, dass der Boykott von Dauer sein wird und nimmt an, "dass das Public Viewing trotzdem gut besucht sein wird und viele Gastronomen noch auf den Zug aufspringen werden".

"Viele merken erst jetzt, was für ein Land die WM ausrichtet"

Journalist Ronny Blaschke, der seit über 15 Jahren Sportgroßveranstaltungen beobachtet und darüber berichtet, glaubt das nicht. "Bei vielen habe ich den Eindruck, dass sie jetzt erst merken, was für ein Land die WM ausrichtet." In seinen Augen ist der Kardinalfehler schon vor zwölf Jahren gemacht worden, als die WM 2022 in das viel kritisierte Katar vergeben wurde. "Hätte man diese Energie ein paar Jahre früher gehabt, dann hätte man diese WM vielleicht tatsächlich boykottieren können. Aber dafür ist jetzt natürlich viel zu spät", so der Buchautor.

Entfacht die DFB-Elf ein winterliches WM-Fieber?

Immerhin: Mit dem Verzicht auf Public Viewings oder Fanfeste zeigen Veranstalter Haltung. Es bleibt allerdings abzuwarten, wie standhaft Kneipen-Besitzer oder Städte und Kommunen bleiben, wenn Thomas Müller und Co. in der Wüste womöglich ins Viertel- oder Halbfinale vorstoßen und ein winterliches WM-Fieber entfachen.

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Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 26.10.2022 | 13:17 Uhr

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