Stand: 29.05.2020 10:18 Uhr

VfL-Sportchef Kellermann: "Gehören zu erlesenem Kreis"

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Ralf Kellermann, Sportlicher Leiter Frauenfußball beim VfL Wolfsburg.

Die Frauenfußball-Bundesliga wird an diesem Wochenende mit Geisterspielen fortgesetzt. Tabellenführer VfL Wolfsburg eröffnet die Restsaison heute um 14 Uhr gegen den Vorletzten, 1. FC Köln. Im Gespräch mit NDR.de erklärt Wolfsburgs Sportlicher Leiter Ralf Kellermann, warum der Frauenfußball vom Re-Start profitieren wird, wie das Hygienekonzept funktioniert und wie die Chancen des VfL auf das erste Triple nach 2013 sind.

Herr Kellermann, Sie sind mit Team und Betreuern seit Sonnabend in Wolfsburg im Quarantäne-Hotel. Haben alle genug Zahnpasta und Hautcreme dabei?

Kellermann (lacht nicht):  Ja. Für den Fall, dass wirklich mal etwas fehlt, haben wir Vorkehrungen getroffen, dass uns das ins Hotel gebracht wird, ohne dass einer, der in Quarantäne ist, gegen die Auflagen verstößt. Eben wegen des Vorfalls, auf den Sie anspielen, haben wir schon im Vorfeld für eine Lösung gesorgt.

VfL Wolfsburg gegen den 1. FC Köln am Freitag um 14 Uhr ist das weltweit erste Frauenfußball-Spiel nach der Corona-Pause. Wie wichtig ist das für Sie?

Kellermann: Ich glaube, in Weißrussland wurde durchgespielt, aber ansonsten werden im Frauenfußball in Europa, Amerika, Australien sicherlich alle nach Deutschland schauen, um zu sehen, wie die Bundesliga das macht. Dass wir das erste Spiel haben, liegt daran, dass Köln schon am darauffolgenden Mittwoch ein wichtiges Nachholspiel hat und wir den auch für uns vollgepackten Terminplan ein bisschen entzerren wollten. 14 Uhr ist ungewohnt, aber auf Zuschauer müssen wir keine Rücksicht nehmen. Auf die müssen wir ja leider verzichten.

Was bedeutet der Re-Start für den Frauenfußball insgesamt?

Kellermann: Das hat eine riesengroße Bedeutung. Wir haben alle dafür gekämpft, die Grundlagen für den Ligabetrieb unter diesen besonderen Bedingungen zu schaffen. Jetzt bekommen wir eine große Plattform, von der wir profitieren werden.

Das Votum für die Fortsetzung der Saison fiel bei den Frauen recht einhellig aus. Nur der Tabellenletzte Jena, wo bis zum 5. Juni nicht einmal trainiert werden darf, hat dagegen protestiert.

Kellermann: Bei der ersten Abstimmung vor drei, vier Wochen hatten wir elf Zusagen, inklusive Jena, und eine Enthaltung vom 1. FC Köln. Da ging es aber eher darum, dass Köln Bedenken hatte, mit seinem Kader in kurzer Zeit die Belastung von sehr vielen Spielen überstehen zu können. Der DFB unternimmt seit Wochen große Anstrengungen, um Jena zu helfen, das wurde in mehreren Telefonkonferenzen deutlich. Es gab zum Beispiel das Angebot an Jena, in eine Sportschule in einem anderen Bundesland zu gehen und in ein anderes Stadion außerhalb Thüringens. Alles war gebucht und vorbereitet.

Haben Sie Verständnis dafür, dass die Jenaerinnen ungleichen Wettbewerb beklagen?

Kellermann: Es ist schon so, dass nicht für alle Chancengleichheit besteht, darüber müssen wir gar nicht diskutieren. Aber das ist in diesen herausfordernden Zeiten auch gar nicht möglich. Bei den Männern hat es Dresden besonders hart getroffen. Aber wir sollten das Positive sehen: Dass wir zu dem erlesenen Kreis von Sportlerinnen und Sportlern gehören, die ihren Beruf wieder ausüben dürfen. Auch für uns wird der Spielplan sehr herausfordernd sein, wenn wir das DFB-Pokal-Halbfinale erreichen. Aber es ist jetzt einfach so - und wir freuen uns darauf!

Haben Sie über einen Saison-Abbruch nicht einmal nachgedacht?

Kellermann: Wir hätten dafür plädieren können, dann wären wir wahrscheinlich Meister geworden aufgrund der Tabellensituation. Aber der gesamte Frauenfußball in Deutschland kämpft schließlich jahrelang um Anerkennung und dafür, dass die Spielerinnen als Berufssportlerinnen wahrgenommen werden.

"Es ist positiv, dass alles negativ war." Ralf Kellermann über die Coronavirus-Tests

Als Frauen-Team in einem finanzstarken Männer-Verein war Wolfsburg in der Krise sicher besser aufgehoben als andere Clubs. War die Situation für die Bundesliga insgesamt existenzbedrohend?

Kellermann: Wir sind beim VfL Wolfsburg sehr gut aufgestellt. Von zwölf Bundesliga-Teams haben wir derzeit sechs Clubs, die Lizenzvereinen der Männer entspringen.

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Die sind ausgenommen vom Solidaritätsfonds der DFL, über den 1,8 Millionen Euro in die Frauen-Bundesliga fließen. Alle zusätzlichen Kosten, von Ausfällen der Zuschauereinnahmen bis zur aufwendigen Umsetzung des Hygienekonzepts, werden damit aufgefangen, selbst wenn der eine oder andere Vereinssponsor seinen vertraglichen Verpflichtungen nicht nachkommt. Keiner der Vereine, die davon profitieren, wird durch die Corona-Krise mit einem Minus rausgehen. Klar ist aber auch: Ohne diese Finanzspritze von den vier Champions-League-Teilnehmern bei den Männern wäre eine Fortsetzung der Liga aus meiner Sicht nur schwer zu realisieren gewesen.

Der Zuschauer-Schnitt in der Frauen-Bundesliga liegt bei unter tausend. Hat es - sowohl finanziell als auch sportlich - überhaupt einen Einfluss, ob die Teams mit oder ohne Fans spielen?

Kellermann: Für uns schon. Wir haben einen etwas höheren Zuschauerschnitt (Anm.d.Red.: 1.935) und in unserem reinen Frauenfußball- Stadion entsteht schon echte Heimspiel-Atmosphäre. Aber besser so als gar nicht zu spielen. Dafür hoffen wir auf eine größere Medienpräsenz und Livestreams von allen Spielen.

Gilt für die Frauen-Bundesliga dasselbe Hygienekonzept wie für die Männer?

Kellermann: Größtenteils, mit ein paar Anpassungen, was die Anzahl der Personen betrifft, die man für den Spielbetrieb benötigt. Das sind bei uns natürlich deutlich weniger. Bei grundlegenden Dingen wie der Quarantäne-Woche, Anreise, Hotels, Testungen gibt es keine Unterschiede.

Waren bei den VfL-Frauen alle Tests negativ?

Kellermann: Ja, komplett. Wir haben von uns aus schon vor dem Einstieg ins Kleingruppen-Training einige Testreihen mit Spielerinnen, Trainern, Physiotherapeuten und Betreuern gemacht. Das war uns wichtig, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Es ist positiv, dass da alles negativ war.

Wolfsburg führt die Bundesliga-Tabelle bei sechs ausstehenden Spieltagen mit acht Punkten Vorsprung an. Auch im DFB-Pokal und in der Champions League mischt das Team noch mit. Wie lautet die Zielvorgabe der sportlichen Leitung?

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Kellermann: Wir wollen Deutscher Meister werden, alles andere nimmt uns ja sowieso keiner ab. Das haben die Bayern und wir auch vor der Saison als Saisonziel ausgerufen. Und im Pokal rechnen wir uns auch wieder gute Chancen aus. In der Champions League war das Viertelfinale das Mindestziel, das haben wir erreicht. Gegen Glasgow City sind die Aussichten nicht schlecht, das Halbfinale zu erreichen. Aber es ist schwierig, etwas Konkretes zu sagen, weil wir nicht wissen, wann und mit welcher Mannschaft wir die Champions League weiterspielen werden.

Wie groß sind die Chancen, dass die Saison auch in der "Königklasse" fortgesetzt wird?

Kellermann: Ich gehe davon aus, dass wir 2020 noch einen Champions-League-Sieger küren können. Die UEFA nimmt die Vereine gut mit. Ein hoher Prozentsatz will die Saison zu Ende spielen, auch Spanien, Frankreich und England, wo die nationalen Ligen abgebrochen wurden. Vielleicht geht es aber erst im Spätsommer oder im Herbst weiter und möglicherweise auch in Turnierform.

Werder Bremen und der SV Meppen steigen in die Bundesliga auf. Damit gibt es kommende Saison zum ersten Mal drei Nordvereine in der Bundesliga. Hat das für Sie einen besonderen Reiz?

Kellermann: Zunächst mal herzlichen Glückwunsch an Werder Bremen und den SV Meppen. Und ja, wir freuen uns darauf. Die Freude wäre noch größer, wenn die neue Saison wieder mit Zuschauern gespielt werden könnte. Mit Werder war zu rechnen. Meppen war die vergangenen Jahre immer nah dran, jetzt haben sie es endlich geschafft. Das ist eine gute Sache für den Norden.

Wie schwierig war in der Ausnahmesituation die sportliche Planung für die kommende Saison?

Kellermann: Sehr herausfordernd, allerdings waren wir schon vor der Corona-Krise so aufgestellt, dass ich ruhig schlafen konnte. Die Zugänge von Pauline Bremer und der polnischen Nationaltorhüterin Katarzyna Kiedrzynek haben wir nicht erst in den letzten Wochen fix gemacht. Wir müssen noch etwas tun. Aber wir haben auch noch etwas in der Hinterhand, was schon ein paar Tage länger klar ist.

Ein Transfer von Top-Talent Lena Oberdorf von Essen nach Wolfsburg soll unmittelbar bevorstehen. Wie weit sind die Verhandlungen gediehen?

Kellermann: Offiziell hat Lena Oberdorf einen Vertrag bis zum 30. Juni 2021 in Essen. Mehr gibt es dazu aktuell nicht zu sagen.

Sechs Spielerinnen verlassen den VfL. Wie sehr schmerzt der Abgang von Leistungsträgerinnen wie Sara Björk Gunnarsdottir und Noëlle Maritz?

Kellermann: Mit den beiden hätten wir schon sehr gerne verlängert, sie werden uns sehr fehlen. Es ist aber legitim, dass man nach mehreren Jahren mit Wolfsburg auch mal eine neue Herausforderung sucht. Dass wir alle Abgänge quantitativ ersetzen werden, glaube ich eher nicht, aber wir werden auch kommende Saison gut aufgestellt sein.

Das Interview führte Ines Bellinger, NDR Sport

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Sport aktuell | 27.05.2020 | 10:25 Uhr

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