Stand: 27.06.2019 10:36 Uhr

"Fans sind die loyalsten Investoren des HSV"

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Rainer Ferslev betrachtet die Zukunft des HSV skeptisch.

Der HSV und seine Finanzen: ein Dauerthema. Der Zweitligist wandelt finanziell auf schmalem Grat und verbucht seit Jahren Verluste. Spekuliert wird deshalb, ob die HSV Fußball AG in eine sogenannte KGaA umgewandelt werden könnte. Rainer Ferslev ist als Rechtsanwalt Experte für Insolvenzrecht und HSV-Mitglied. Im vergangenen Jahr wollte er sich als Präsident des HSV e.V. bewerben, wurde zur Wahl vom Beirat aber nicht zugelassen. Im Interview mit NDR.de spricht er über die Auswirkungen, die eine Umwandlung der Rechtsform hätte, die finanziellen Möglichkeiten und die Zukunft des HSV.

Herr Ferslev, vor einigen Wochen wurde bekannt, dass die Führung der HSV Fußball AG über eine Umwandlung der Rechtsform nachdenkt. Wie deuten Sie diese Nachricht?

Rainer Ferslev: Es geht vor allem um die Frage, wie man weitere finanzielle Mittel akquirieren kann. Nach dem verpassten Aufstieg hat man deutlich gesehen, dass es mit dem vorhandenen Personal nicht funktioniert. Auch im Hinblick eines möglichen Aufstiegs in dieser Saison wird der Bedarf an frischem Kapital enorm sein, um konkurrenzfähig zu bleiben. Und da es offenbar keine weitere finanzielle Hilfe mehr von Klaus-Michael Kühne gibt, zumindest nicht mehr in dem Umfang der vergangenen Jahre, müssen zwangsläufig neue Lösungen gefunden werden.

Schaubild: So könnte laut Rainer Ferslav die Struktur einer HSV KGaA aussehen.

Die Umwandlung von einer Aktiengesellschaft in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien, kurz KGaA, könnte eine solche Lösung sein. Wir sehen ja an der kürzlich platzierten zweiten Anleihe, dass die treuesten und loyalsten Investoren weiterhin die Fans sind. In einer KGaA hätten sie im Falle eines Börsengangs die Möglichkeit, sich mit dem Kauf von Aktien direkt an der Entwicklung des HSV zu beteiligen.

Das heißt, die Überlegungen der Führung sind vor allem wirtschaftlicher Natur?

Ferslev: Ich sehe einen Zusammenhang zwischen der erfolgreich platzierten Anleihe und der Idee einer neuen Rechtsform. Die Begeisterung und Unterstützung der Fans für den HSV werden nicht ewig in dieser Ausprägung zu erhalten sein. Wenn der Aufstieg erneut verpasst wird, werden immer mehr Fans dem Verein den Rücken kehren. Insofern wäre es ratsam, das Thema Umwandlung der Rechtsform innerhalb eines Zeitfensters von einem Jahr abzuarbeiten.

Was wären die Vorteile einer KG auf Aktien?

Ferslev: Im Gegensatz zu einer Aktiengesellschaft, in der der Vorstand eine weitreichende Kompetenz hat, ist die Geschäftsführung einer Betriebsgesellschaft für Profifußball in einer KG nicht ganz so mächtig und gehört allein dem Gesamtverein HSV e.V. In dieser Form hätte der Verein größeren Einfluss auf die Geschäftsleitung.

Wie sähe dieser größere Einfluss denn aus?

Ferslev: Eines vorweg: Die Mitglieder des Vereins könnten bei der Auswahl der Geschäftsleitung nicht direkt mitbestimmen. Sie könnten allerdings einen sogenannten Beirat wählen, der wiederum die einzelnen Geschäftsführer bestellt oder abberuft. Die Betriebsgesellschaft in Form einer GmbH wäre im vollständigen Besitz des Gesamtvereins. Borussia Dortmund ist ein gutes Beispiel für dieses Modell.

Würde das aber nicht gleichzeitig einen Rückfall in alte Zeiten bedeuten, als beim HSV auf stundenlangen Mitgliederversammlungen um die einflussreichen Posten gestritten wurde? Die Vergangenheit hat gezeigt, dass nicht immer die besten Argumente ausschlaggebend waren, sondern manchmal auch Populismus oder die bessere Unterhaltung.

Ferslev: Es ist durchaus zutreffend, dass die Mitglieder mit ihren Wahlentscheidungen in der Vergangenheit nicht immer richtig lagen. Aber das taten die teilweise hoch bezahlten und renommierten Experten in den Gremien auch nicht. Die völlige Abkehr vom Einfluss der Mitglieder hat uns keinen Millimeter weitergebracht. Im Gegenteil: Die neuen Mechanismen nach der Ausgliederung vor fünf Jahren haben ins finanzielle und sportliche Desaster geführt und bestehende Probleme wie ein Brandbeschleuniger nur noch verschlimmert. Während die meisten Verantwortlichen längst über alle Berge sind, stehen die Fans weiterhin loyal zum HSV. Dann wäre es auch angebracht, ihnen wieder eine größere Stimme zu verleihen.

Die Kontrolle soll also wieder stärker von der Mitgliedschaft ausgehen.

Ferslev: Richtig. Einerseits würde sich der HSV dem "Fanmarkt" öffnen, um an frisches Kapitel zu kommen. Andererseits könnten Fehler der aktuellen Struktur korrigiert werden. Der größte Träger des Profifußballs ist der Fan, der mit dem Erwerb seiner Eintrittskarte, seines Trikots oder seiner Loge maßgeblich zum finanziellen Überleben des HSV beiträgt. Die wichtigsten Stakeholder müssen in der gesamten Organisation wieder mehr Gewicht bekommen. Derzeit scheint es so, als würden sich die Gremien ausschließlich selbst kontrollieren. Wohin das geführt hat, zeigen die Tabellen und Bilanzen der letzten Jahre.

Was würde bei einer Umwandlung in eine KG mit den Aktien der Anteilseigner passieren?

Ferslev: Die Aktionäre wie Herr Kühne oder Herr Bohnhorst würden entsprechend des Umfanges ihrer bisherigen Beteiligung an der HSV Fußball AG Aktien an der KGaA bekommen.

Wie groß wäre ihr Einfluss?

Ferslev: Deutlich geringer. Für Großanleger ist diese Rechtsform deshalb nicht besonders reizvoll. Doch da wir nun seit Jahren vergeblich auf die versprochenen strategischen Partner warten, ist es nur sinnvoll, Fans und Mitgliedern eine Möglichkeit zur Beteiligung zu schaffen. Außerdem hat Herr Kühne sich mehrfach für weitere Investoren ausgesprochen, damit er nicht als einziger Geldgeber dasteht. Das wäre also auch in seinem Sinne. Diese Geldgeber könnten die Fans sein.

Wie viel Geld ließe sich theoretisch durch die Umwandlung in eine KGaA einnehmen?

Ferslev: Wenn wir uns an die Ausgangslage von Borussia Dortmund vor über zehn Jahren orientieren, beträgt das Volumen im Optimalfall etwa 100 Millionen Euro. Es hängt aber stark von der Investitionsbereitschaft ab, sodass Prognosen ohne genauere Kenntnis der Marktsituation nur schwer zu treffen sind. Die genannte Zahl dient lediglich als Richtwert.

Wer entscheidet überhaupt über eine Umwandung der Gesellschaftsform?

Verteilung der Anteile an der HSV Fußball AG

  • Hamburger Sport-Verein e. V.: 76,19 %
  • Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne: 20,57 %
  • Familie Burmeister: 1,35 %
  • Agrarunternehmer Helmut Bohnhorst: 1,22 %
  • Erben von Weinhändler Alexander Margaritoff: 0,67 %

Ferslev: Für eine Umwandlung der Rechtsform wäre nach meinem Verständnis eine Dreiviertelmehrheit auf einer Mitgliederversammlung notwendig. Und da der HSV e.V. in der Hauptversammlung der Aktionäre der HSV Fußball AG - nicht zu verwechseln mit der Versammlung der Mitglieder - noch immer über 75 Prozent der Stimmrechte besitzt, könnten die übrigen Aktionäre kein Veto einlegen.

Wie lange würde eine Umwandlung dauern?

Ferslev: Da mehrere Schritte notwendig sind, halte ich ein Zeitfenster von einem Jahr für realistisch. Es sind neben den vereinspolitischen Hürden auch steuerrechtliche Aspekte zu klären. Aber, wie so oft im Fußball, könnte der Wille zu Veränderung maßgeblich vom sportlichen Abschneiden abhängen. Trotzdem gehe ich davon aus, dass wir bei der nächsten Mitgliederversammlung im Frühjahr 2020 mehr zu den Vorhaben des Vorstandes erfahren werden.

Sie hatten schon 2014 während der großen Strukturreform mit einem eigenen Konzept für eine KGaA geworben und zudem auf eine Gefahr in der Satzung der HSV Fußball AG hingewiesen. Entgegen der damaligen Versprechungen ermöglichte die damals verabschiedete Satzung den Verkauf von Aktien an der AG bis zu 33,3 Prozent. Dieser "Fehler" wurde erst fünf Jahre nach der Ausgliederung korrigiert.

Ferslev: Ich würde in diesem Zusammenhang nicht von einem "Fehler" sprechen. Es ist nahezu ausgeschlossen, dass sich jemand einfach nur verrechnet oder die falsche Formulierung gewählt hat. Hinter der Bewegung von HSV Plus standen zahlreiche Juristen mit entsprechender Expertise. Ich bin mir sicher, dass dieser Passus absichtlich eingebaut wurde, um die Möglichkeit offen zu lassen, die versprochene Dreiviertelmehrheit der Aktien an der HSV Fußball AG auszuhebeln. Sinkt der Anteil der Aktien des HSV e.V. an der AG unter 75 Prozent, könnte der Gesamtverein nicht mehr allein über Beschlüsse aller Art entscheiden. Zum Beispiel bei der Auswahl der Aufsichtsräte, die wiederum die operativ tätigen Vorstände bestellen. Dass dieser Passus erst fünf Jahre nach dem Start der HSV Fußball AG korrigiert wurde, spricht ja für sich. Die Versprechen der Initiatoren entsprachen nicht hundertprozentig der Wahrheit. Man hat sich eine Hintertür offengelassen.

Wie schätzen Sie die finanzielle Situation des HSV ein?

Ferslev: Die Zahlen sind hinlänglich bekannt. Zahlungsfähig scheint man wohl zu sein, was aber nicht bedeutet, dass sich die Lage signifikant entspannt hätte.

In der Vergangenheit wurde immer wieder über eine drohende Insolvenz der HSV Fußball AG spekuliert. Für wie wahrscheinlich halten Sie dieses Szenario?

Ferslev: Jeden Sommer haben wir die gleiche Ausgangslage für die anstehende Saison: Wir hoffen und glauben an Besserung. Wenn es sportlich und finanziell, beides steht in einem unmittelbaren Zusammenhang, so weitergeht wie bisher, wird die HSV Fußball AG auf Dauer nicht überleben können. Sie rettet sich ohnehin schon von einem Geschäftsjahr ins nächste, ohne einen entscheidenden Schritt aus der Krise machen zu können. Eine Umwandlung in eine KGaA würde einer drohenden Insolvenz zuvorkommen, da sie Möglichkeiten schafft, an neues Kapital zu kommen. Übrigens: Eine Insolvenz bedeutet nicht gleich das Ende des Profifußballs beim HSV mitsamt eines Lizenzentzuges. Das wird in den Diskussionen darüber falsch transportiert. Mit einem Insolvenzplanverfahren ließen sich auch im Sinne der DFL Möglichkeiten erarbeiten, die Unternehmung zu erhalten. Niemand hat ein ernsthaftes Interesse an einem Zwangsabstieg eines großen Traditionsvereins, der Einschaltquoten und Reichweiten bringt.

Mit welchen Gefühlen und Gedanken blicken Sie auf die Zukunft der HSV Fußball AG?

Ferslev: Ich habe nicht den Eindruck, dass sich beim HSV etwas fundamental verändern wird. Man macht weiterhin genau das Gegenteil des Versprochenen. Mit dem Unterschied, dass der Öffentlichkeit alles geschickter verkauft wird. Es hört sich alles ein wenig einsichtiger an, Maßnahmen und Handlungen bleiben aber unverändert gleich. Der HSV baut allein auf dem Prinzip Hoffnung und Glaube auf. Gute Argumente und Fakten, die auf eine Besserung schließen lassen, sehe ich nicht. Das wird sich in dieser Konstellation wohl auch nicht mehr entscheidend ändern.

Das Interview führte Daniel Jovanov, NDR.de

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 27.06.2019 | 19:30 Uhr