Stand: 15.09.2018 20:30 Uhr

Historisch: Blinder Celebi schießt "Tor des Monats"

von Florian Neuhauss, NDR.de

Ein Blindenfußballer hat das "Tor des Monats" geschossen, was für eine Geschichte! Für Serdal Celebi wird ein Traum war - oder doch nicht? "Bis ich gehört habe, dass ich für das 'Tor des Monats' nominiert worden bin, kannte ich die Aktion gar nicht", sagt der 34-Jährige und lacht. Die Freude beim Deutsch-Türken ist dennoch nicht minder groß, zumal er Geschichte geschrieben hat. Als erster Blindenfußballer überhaupt war Celebi für die Wahl nominiert worden. Nun ist der Spieler des FC St. Pauli sogar der erste Titelträger. Er setzte sich bei der Wahl des Monats August durch.

Als 13-Jähriger vollständig erblindet

Als sehbehinderter Junge kam Celebi vor rund 22 Jahren nach Deutschland. Durch eine Netzhautablösung erblindete der Teenager dann nach und nach. Zuerst konnte er bei schlechten Lichtverhältnissen nichts mehr sehen, dann auch am hellichten Tag. Ein Schock - doch Celebi ging in Hamburg trotzdem seinen Weg.

Seit 2008 arbeitet er als Physiotherapeut, bei den St. Paulianern entdeckte er den Blindenfußball als seine Sportart. Sogar zum deutschen Nationalspieler brachte er es. Doch der zeitliche Aufwand wurde zu groß, deshalb trat er 2015 zurück - und konzentrierte sich auf die Bundesliga mit den Kiezkickern. Seit neun Monaten ist Celebi zudem Vater eines Sohnes.

"Zuerst war ich nur enttäuscht"

Den bis dato größten Erfolg als Fußballer feierte der 34-Jährige im vergangenen Jahr mit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft. Und auch in diesem Jahr zogen Celebi und sein Team ins Finale ein. Dort ging der MTV Stuttgart mit 2:0 in Front. Celebi konnte zwar noch verkürzen, doch am Ende blieb nur die Vizemeisterschaft. "Deshalb war ich auch erst mal nur enttäuscht", berichtet Celebi.

Allerdings hatte der St. Paulianer ein wunderschönes Tor erzielt. Reporter des WDR waren in Düsseldorf vor Ort - und sich schnell sicher, dass es der Treffer verdient hätte, in die Auswahl zum "Tor des Monats" August aufgenommen zu werden. Zum Glück hatte St. Paulis Teamkoordinator Michael Hain, der schon unter Regisseur Fatih Akin als Kamera-Assistent gearbeitet hat, Celebis Glanzstück perfekt auf Video aufgenommen.

Ein gefragter Gesprächspartner der Medien

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Serdal Celebi (l.) und Trainer Wolf Schmidt haben gut lachen.

So wurde Celebi von jetzt auf gleich zum Prominenten. Mehr als ein Dutzend Medienanfragen gab es, Celebi nahm alles wahr. "Ich fühle mich als Botschafter für meine Sportart. Ich hatte das Glück, dass ich das Tor geschossen habe, dass ich diese Geschichte geschrieben habe. Blindenfußball hat mehr Aufmerksamkeit verdient", beschreibt der Spieler, auf den nach der Wahl noch deutlich mehr Termine zukommen dürften.

FCSP-Trainer Wolf Schmidt hat schon viele Workshops mit Schülern veranstaltet und vielen Journalisten erklärt, was es mit der Sportart auf sich hat. "Eigentlich sollte man meinen, dass die ganze Welt Blindenfußball kennt. Aber so richtig Reichweite hat nur jetzt das Tor von Serdi generiert. Das ist der Wahnsinn", freut sich Schmidt.

Hains große Hoffnung ist, dass sich mehr Blinde trauen, Fußball zu spielen. An vielen Schulen herrsche noch immer der Glaube vor, dass Blindenfußball zu gefährlich sei. "Dabei berichten die Spieler immer wieder, dass sie sich auf dem Feld richtig frei fühlen", weiß Hain. "Wenn nur zwei, drei Kinder beim Blindenfußball hängenbleiben, hat es sich schon gelohnt."

"Leidenschaft mit Lebenserfahrung"

Denen, die denken, Celebi habe mit einem Glückstreffer gewonnen, widersprechen die Hamburger aufs Entschiedenste. "Vier-, fünfmal hat Serdi solche Tore im Training schon geschossen", betont Schmidt und lobt seinen Schützling: "Seit er Vater ist, hat er noch mal einen Schritt nach vorne gemacht. Seine Heißblütigkeit ist einer Leidenschaft mit Lebenserfahrung gewichen."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 16.09.2018 | 22:50 Uhr