Ein Jahr Corona-Kick: Hat die Pandemie den Fußball verändert?

Stand: 03.03.2021 09:49 Uhr

Die Corona-Pandemie hat die Probleme des Fußballs weiter verschärft. Wie reagiert die Branche? Sind die Hebel umgelegt? Von "Tabula rasa" bis "Alles wie immer" war bei der Bestandsaufnahme von "Sportschau Thema" alles dabei.

von Andreas Bellinger

Der schwere Tanker Profifußball hat bedenklich Schlagseite bekommen und kämpft zwischen Geisterspielen und finanzieller Not um eine Zukunft nach der Krise - oder darum, um im Bild zu bleiben, dass nicht nur die ranghohen Offiziere, sondern auch alle Matrosen an Bord bleiben. Während Wirtschaftsprofessor Henning Zülch ein "Desaster" und "Clubs im Krankenhaus" prognostiziert, weigert sich Martin Kind vom Zweitligisten Hannover 96 beharrlich, seiner Branche eine existenzielle Krise zu attestieren. "Es wird sich Etliches verändern", sagte der Geschäftsführer der "Roten" bei "Sportschau Thema" zwar, "aber der Fußball bleibt der gleiche, bleibt attraktiv, und die Menschen werden wiederkommen."

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Bobic: "Der Fußball wird sich verändern"

Davon ist auch Fredi Bobic überzeugt, wenngleich der am Saisonende scheidende Sportvorstand von Eintracht Frankfurt auch betonte: "Der Fußball wird sich nach Corona nachhaltig verändern. Das ist ein Fakt." Neben der Hamburger Fanvertreterin Anna-Maria Hass vom FC St. Pauli und Präsident Hajo Sommers vom Regionalligisten Rot-Weiß Oberhausen diskutierte der 1996er Europameister die Frage, ob und wenn ja wie sich der Fußball nach einem Jahr Corona-Krise verändert hat. "Die Fans und Zuschauer werden zurückkommen; davon bin ich überzeugt." Also alles anders - und doch alles wie immer?

Sommers glaubt, dass Fans auch ohne Fußball können

Die Kultur mag sich vielleicht verändern, wenn Menschen sich künftig dreimal überlegen, ob sie sich wirklich umarmen oder im Aerosol-Regen schreiender Fans stehen wollen, räumte der 49-Jährige ein. Aber letztlich werde sich das Geschäft einpendeln, auch wenn es "am Anfang etwas komisch sein wird". Schließlich gehe es den Leuten wohl nicht anders als ihm selbst, auch er habe wieder "Bock auf Kino, Theater und Konzerte". Vielleicht aber irren sich die Protagonisten aus der Parallelwelt Profifußball auch? "Ich kann auch ohne Fußball - dieser Punkt wird kommen", sagte Sommers voraus.

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"Der Zuschauer ist nicht mehr wichtig"

Holger Keye, ein Ultra von Union Berlin, hat sich bereits ein ganzes Stück von seinem einst geliebten Fußball entfernt. Das zügellose Streben nach Profit hat ihm die Freunde an der Bundesliga genommen. Das "wild durch die Republik und durch Europa Reisen, nach Dubai fliegen und irgendwelche komischen Turniere bestreiten", sei schon merkwürdig. Zumal, "wenn man selber mit seinen Kindern keinen Ausflug machen kann. Das schafft eine Distanz zum Fußball." Das Gefühl der Verbundenheit sei nicht mehr da. "Der Zuschauer ist nicht mehr wichtig."

Wie reagieren die Fans?

Eine vom Branchendienst "Sponsors" in Auftrag gegebene Umfrage scheint dies zu widerlegen. Nur 17 Prozent der Befragten sagen demnach, wegen des fehlenden Live-Erlebnisses sinke das Interesse an ihrem Lieblingsclub, 59 Prozent verneinen das. "Man wird abwarten müssen, wie die Fans reagieren", meinte Kind. Aber was ist aus Christian Seiferts Prognose geworden, die der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL) vor knapp einem Jahr in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" abgegeben hat? "Wenn wir jetzt den Mut und die Ausdauer haben, Veränderungen im Profifußball zu denken und auch über eine lange Strecke vorzunehmen, kann aus dieser Krise auch etwas Positives entstehen." Viel wurde davon in der illustren Gesprächsrunde nicht offenbar.

Fanvertreterin Hass fordert Chancengleichheit

So sehr sich Fanvertreterin Hass auch mühte, mit ihren Forderungen nach Integrität und Chancengleichheit im Wettbewerb konnte sie kaum landen. Hass gehört der Taskforce "Zukunft Profifußball" an, deren Sinn in ihrer Kleinteiligkeit Kind infrage stellte. Den neuen DFL-Verteilerschlüssel für TV-Milliarden, bei dem eher kleine Anpassungen vorgenommen wurden, stellte der 96-Boss als "demokratische Entscheidung" heraus. Radikalere Denkansätze für Reformen tat er lächelnd ab.

Zülch: "Investoren sind kein Teufelswerk"

Kind will als Mehrheitsgesellschafter auch das Sagen im Verein seiner Wahl haben. Die Frage, was derzeit mehr fehle im Fußball, das Geld oder die Fans, beantwortete er ohne zu zögern pro Mammon. "Investoren sind kein Teufelswerk", sagte auch Zülch. Vorausgesetzt, sie würden im Dialog mit den Fans gefunden. Auf der Intensivstation seien Clubs und Bundesliga nicht, der Genesungsprozess habe aber auch noch nicht eingesetzt, so der Leipziger Wirtschaftswissenschaftler, der Konzepte für mehr Glaubwürdigkeit sowie Programme zum Kosten sparen und Liquidität generieren anmahnte.

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Ohne Zuschauereinnahmen ist bald ultimo

Tatsächlich wird es eng, wenn über die Saison hinaus keine Zuschauereinnahmen fließen. Zwei bis zweieinhalb Millionen Euro kostet Eintracht Frankfurt laut Bobic ein Spiel vor leeren Rängen, bei Zweitligist Hannover 96 sind es "round about 550.000 Euro", so Kind. RWO verliert 35.000 Euro pro "Geisterspiel", was den Regionalligisten bestenfalls noch bis zum 15. April durchhalten lässt. Dann ist ultimo - "vielleicht auch erst am 1. Mai", übte sich Sommers in gequältem Optimismus. Und dann? "Das Schöne am Fußball ist, irgendwo gibt es immer eine Möglichkeit."

EM in zwölf Städten für Bobic unmöglich

"Die Salary Cap und solche Dinge werden eine große Rolle spielen", meinte Zülch im Hinblick auf die 36 Proficlubs der Bundesligen, die nun über die Umsetzung der Taskforce-Vorschläge entscheiden müssen. Das breite Grinsen des in der DFL-Veranstaltung selbst mit dem Thema befassten Bobic sprach dabei Bände. "Meine Arbeit würde voll einfach." Große Verhandlungen wären nicht mehr nötig, wenn eine Gehaltsobergrenze eingeführt würde, nur wettbewerbsfähig wären die deutschen Clubs dann nicht mehr. Es sei denn, Europa machte mit - das aber dürfte vorerst ein frommer Wunsch bleiben. Apropos Europa: Im Sommer eine EM in zwölf Städten? "Das ist unmöglich", sagte Bobic.

Offener Brief vom DFB-Chef

Unmöglich machte der strikte Lockdown in den vergangenen Monaten Fußball bei den Amateuren und in Kinder- und Jugendmannschaften. Mit einem Offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich DFB-Präsident Fritz Keller jetzt dafür eingesetzt, die Jüngsten wenigstens wieder trainieren zu lassen. Denn die Signale von der Basis sind mittlerweile alarmierend. "Meine Spieler haben sich verändert", sagte Kemir Colic, der bei Oberligist SC Victoria Hamburg die U16 trainiert. Dabei kann sich der Verein, bei dem schon Stefan Effenberg das Kicken übte, noch glücklich schätzen. Mitgliederschwund ist kein Thema, was nicht üblich ist in den 24.500 Fußballvereinen der Republik.

Kind: Realität statt Wunschkonzert

Das liebe Geld - ein beherrschendes Thema auch in der Taskforce "Zukunft Profifußball", die Kind als "Alibi" abtut, weil sie nur Handlungsanweisungen hervorgebracht hat. "Die Diskussion muss weitergehen, dann kommen wir vielleicht an den Punkt, dass sich was verändert", sagte Bobic. Nur für das "Wie" scheint es keinen Konsens zu geben. Für Hass wäre ein "Tabula rasa" etwa bei den TV-Geldern notwendig. Kind hingegen glaubt nicht ans Konzept des Teilens. Die Tabelle, in der immer die Gleichen oben stehen, beschreibe nun mal die Realität. "Mit der müssen wir uns beschäftigen - nicht mit dem Wunschkonzert. Es wäre schön, da könnten wir gemeinsam singen."

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Sportschau | 02.03.2021 | 23:00 Uhr

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