Stand: 04.07.2020 06:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Dramatik vom Punkt - 50 Jahre Elfmeterschießen

von Norman Nawe

Wer es genau erfunden hat, darüber streiten sich Fußball-Historiker bis heute. Fest aber steht: Karl Wald aus Penzberg in Bayern hatte maßgeblichen Anteil daran, dass der Fußball im Sommer 1970 eine weltweite Revolution erlebte. Bis dahin wurden Pokal- und Entscheidungsspiele bei einem Unentschieden verlängert, wiederholt oder es wurde gar per Münzwurf ein Sieger ermittelt. Spätestens als im Entscheidungsspiel des Europapokal-Viertelfinals 1965 zwischen dem 1. FC Köln und dem FC Liverpool in Rotterdam eine Münze senkrecht im morastigen Boden steckenblieb, wird sich Karl Wald gedacht haben: So geht es nicht weiter.

Am 30. Mai übernahm der bayerische Fußballverband den Vorschlag des Malermeisters und Schiedsrichters, Spiele im Elfmeterschießen zu entscheiden. Wenig später hatten sich der DFB und die internationalen Fußballverbände UEFA und FIFA dieser Idee angeschlossen. Das Elfmeterschießen, so wie wir es bis heute kennen, war nun auf der ganzen Welt offiziell.

"Elfmetertreten" in Lübeck

Allerdings wurde schon vor dessen offizieller Einführung mit dem Elfmeterschießen experimentiert. Am 8. Juni standen sich im Endspiel um den Wanderpokal des Fachblattes "Sport-Megaphon" - einer inoffiziellen Lübecker Stadtmeisterschaft - die beiden damaligen Regionalligisten VfB und Phönix gegenüber. Mit der Ankündigung, dass es bei einem Unentschieden nach Verlängerung eine Entscheidung im "Elfmetertreten" geben würde, wollte man mehr Zuschauer ins Phönix-Stadion an die Travemünder Allee locken. Das gelang zwar nur bedingt, aber als es nach 120 Minuten dann 1:1 stand, freuten sich rund 3.000 Besucher auf das nun anstehende Spektakel vom Punkt.

Anders als heute schossen die fünf Schützen jeder Mannschaft nicht abwechselnd, sondern hintereinander. Zuerst war der VfB dran, der vier seiner fünf Versuche verwandelte. Anschließend lief VfB-Torwart Manfred Bomke zur großen Form auf, hielt gleich den ersten Elfmeter der Phönixer und sorgte damit am Ende dafür, dass sein Club mit 4:0 gewann und der Pokal zur Lohmühle wanderte. Bomke erinnert sich bis heute an diesen Juni-Tag: "Erst schossen die ersten fünf und dann waren die anderen an der Reihe. Und dann habe ich zwei gehalten. In dem Pokal haben wir gegen Phönix nie verloren, soweit ich weiß."

Tatort Holstein-Stadion

Deutlich knapper und spannender ging es bei einem der längsten Elfmeterschießen zu, das Fans in Schleswig-Holstein je erleben durften. Und es war beileibe kein Allerwelts-Kick, der sich am 6. Mai 2014 im Kieler Holstein-Stadion abspielte. Vor 6.000 Zuschauern standen sich die Kieler Störche als Drittligist und der ETSV Weiche Flensburg aus der Regionalliga im Endspiel um den SHFV-Pokal gegenüber. Der Sieger würde in die erste Runde des DFB-Pokals einziehen und damit um gut 100.000 Euro TV-Geld reicher sein. Nach einem 1:1 nach Verlängerung nahm das Drama seinen Lauf. 25 Schützen verwandelten sicher, ehe Holstein-Schlussmann Daniel Strähle - damals nur Torwart Nummer drei bei den Störchen - den 26. Versuch von Flensburgs Nedim Hasanbegovic parierte und Holstein den glücklichen 14:13-Erfolg sicherte.

Daniel Jurgeleit doppelt dabei

Trainer der Flensburger war damals Daniel Jurgeleit. Ausgerechnet Jurgeleit, möchte man sagen, denn der Ex-Profi saß auch beim kürzesten Elfmeterschießen in der 109-jährigen Geschichte des Holstein-Stadions auf der Bank - allerdings auf der Kieler. Mit Jurgeleit als Interimscoach besiegte die KSV am 1. September 2002 als Tabellenletzter der Regionalliga Nord den Bundesligisten Hertha BSC vom Punkt mit 3:0, nachdem es nach 120 Minuten 1:1 geheißen hatte. Jurgeleit erlebte also an ein und demselben Ort das, was das Elfmeterschießen bis heute ausmacht: Triumph und Tragödie binnen Bruchteilen von Sekunden.

Rekord aus Tschechien

Das längste Elfmeterschießen aller Zeiten fand übrigens nicht in Schleswig-Holstein, sondern 2016 zwischen zwei Fünftligisten in der Tschechischen Republik statt. Die Entscheidung fiel erst mit dem 52. Strafstoß. Am Ende bezwang der SK Batov den FC Frystak mit 22:21. An den Fehlschützen des letzten Elfmeters gab es anschließend aber keine Vorwürfe der Mitspieler. "Die waren froh, dass sie endlich nach Hause konnten. Unser Präsident wollte außerdem zum Grillen", wurde der Unglücksrabe anschließend in tschechischen Zeitungen zitiert. Auch wegen solcher Geschichten ist das Elfmeterschießen wohl auch in den nächsten 50 Jahren nicht mehr aus der Fußball-Welt wegzudenken. Besser als ein Münzwurf, der wie damals 1965 in Rotterdam senkrecht im Rasen stecken blieb, ist es allemal. Auch wenn es manchmal etwas länger dauert.

Weitere Informationen

Holstein Kiel: Pokal-Aus nach Elfmeter-Krimi

Holstein Kiel ist in der zweiten Runde des DFB-Pokals seiner Favoritenstellung nicht gerecht geworden. Der Zweitligist schied am Mittwoch beim Regionalligisten SC Verl nach Elfmeterschießen aus. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Aktiv | 04.07.2020 | 17:40 Uhr

Mehr Sport

02:00
Hamburg Journal