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Long Covid im Sport: Wenn das Virus Baustellen im Körper aufmacht

Stand: 13.12.2021 09:23 Uhr

Genesen und trotzdem über Monate krank - die Langzeitfolgen einer Corona-Erkrankung können für Profi- und Amateursportler gravierend sein und sogar Karrieren vernichten.

von Andreas Bellinger und Hendrik Maaßen

Bei all den bedrückenden Geschichten von Long-Covid-Erkrankten gibt es auch sie, die Mut machenden Beispiele - wie das von Frank Stäbler. Nach seiner eigentlich unkompliziert verlaufenen Covid-19-Infektion war bei dem dreimaligen Ringer-Weltmeister im wahrsten Sinne des Wortes die Luft raus. Nicht einmal eine Kerze konnte der Modellathlet mehr auspusten.

Der Traum von seiner ersten olympischen Medaille, die das Karriereende versüßen sollte, schien mit einem Mal so weit weg wie das rasche Ende der Pandemie. Doch mit eisernem Willen und reichlich Muskelkater vom speziellen Atemtraining schaffte der heute 32-Jährige nicht nur die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio, sondern widerlegte als Bronzemedaillen-Gewinner die schlechten Prognosen.

Medaille statt Asthmaspray

Die Ärzte hatten ihm wenig Hoffnung auf Olympia gemacht, schon gar nicht auf diesen märchenhaften Erfolg. "Die Diagnose war, dass ich jetzt Belastungs-Asthmatiker bin und ohne Medikamente nicht mehr leistungsfähig sein kann", so Stäbler. "Das aber wollte ich nicht: an einem Asthmaspray hängen, den Rest meiner Karriere."

Vollkommen ohne Risiko war der Ehrgeiz des Topathleten nicht. "Die größte Gefahr beim Long-Covid-Syndrom, gerade für Menschen, die aktiv sind, ist, dass sie nach der Erkrankung zu schnell wieder versuchen, die Leistung zu steigern", sagt Pneumologe Tobias Welte dem NDR.

Sportmediziner: Jedes Prozent Leistungsfähigkeit entscheidet

"Es gibt Sportler, die befinden sich auch ein Jahr nach ihrer Covid-Erkrankung noch in einem reduzierten Training", sagt Sportmediziner Wilhelm Bloch. "Ob sie wieder ihr altes Leistungsniveau erreichen können, kann niemand sagen." Dabei seien Athleten grundsätzlich durch ihr "gutes Immunsystem besser vor einem schweren Covid-Verlauf geschützt", so der Professor von der Sporthochschule in Köln. "Doch bei Long Covid bin ich mir nicht so sicher. Das Virus macht Baustellen im Körper auf - und bei Sportlern kann jedes Prozent Leistungsfähigkeit ganz entscheidend sein."

Schwere Rückfälle bei Überforderung

Für Stäbler lief das Aufbautraining optimal, die Einschränkungen der Lunge von mitunter 20 Prozent der üblichen Leistungsfähigkeit verringerten sich und verschwanden schließlich ganz. Sein Optimismus kehrte rechtzeitig vor dem sportlichen Höhepunkt zurück. Glück gehabt? "Tatsächlich haben wir die schwersten Rückfälle bei denen gesehen, die sich zu früh überfordert haben", sagt der Lungenfacharzt Welte. "Der wesentliche Unterschied zwischen rund um die Uhr betreuten Leistungssportlern und Hobbysportlern ist natürlich die mangelnde Kontrolle dessen, was passiert. Im Leistungssport haben sie Leistungs- und Laktattests", erklärt der Direktor der Klinik für Pneumologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. "Sie sehen, wenn der Leistungsaufbau nicht stimmt; der Hobbysportler aber nicht."

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Bayern-Profi Kimmich - steiniger Weg zum Comeback?

Doch auch medizinisch topversorgte Fußball-Nationalspieler wie Joshua Kimmich sind vor problematischen Covid-Erkrankungen nicht gefeit. Trotz leicht verlaufener Infektion klagt der nicht geimpfte 26-Jährige von Bayern München eigenen Angaben zufolge über "leichte Infiltrationen in der Lunge" und kann erst einmal bis zum Jahresende nicht spielen, weil er "noch nicht gleich belasten darf". Infiltrationen sind Ansammlungen von Flüssigkeit und Zellbestandteilen im Lungengewebe und deuten auf eine Entzündung hin. Der Gasaustausch ist beeinträchtigt.

Stäblers Crashkurs-Angebot

Stäbler weiß, was das bedeuten kann: "Es wird ein steiniger Weg zum Comeback", fürchtet er und sagt im Gespräch mit dem Nachrichtenportal "t-online" über Long Covid: "Joshua hat jetzt etwas, das sehr schwierig einzuschätzen ist, weil Langzeitstudien fehlen." Auch er habe zu Beginn der Pandemie Bedenken gehabt wegen des Impfens. Doch das sei lange her, weil dies der einzig erfolgversprechende Weg ist, die Pandemie zu besiegen. Trotz allem macht er Kimmich, der sich nun doch noch impfen lassen will, das Angebot eines persönlichen Crashkurses, der dem Kicker die volle Leistungsfähigkeit so schnell wie möglich zurückbringen soll.

"Im Endeffekt habe ich zu spüren bekommen, dass man es eben nicht durch eigenes Verhalten beeinflussen kann, ob man mit dem Virus in Kontakt kommt. Du hast es nicht nur in der eigenen Hand." Joshua Kimmich im ZDF

Sportstudentin stieg die Treppe wie eine Oma

Chiara Köhler ist Sportstudentin. Oder besser gesagt, sie war es, bevor sie im März 2020 an Covid-19 erkrankte. Schon ein Besuch im Fitnessstudio war für mehr als ein Jahr undenkbar. Sie hatte einfach keine Kraft. "Ich gehe die Treppen hoch wie eine Oma, die 80 ist, so gefühlt“, beschrieb sie damals ihre Atem- und Kraftlosigkeit. Nach einer Reha findet sie inzwischen peu á peu zurück zu alter Stärke. Auch sportlich kann sie sich wieder fordern. Nur mit dem Kopfrechnen hapert es. Mathematik, ihr zweites Studienfach, müsse sie wohl abgeben und "eventuell in Richtung Sportpsychologie gehen".

Mehr Frauen als Männer betroffen - Gründe sind unklar

"Frauen sind aus bisher völlig unklaren Gründen häufiger betroffen als Männer", sagt Welte. "Das ist erwähnenswert, weil insgesamt das Risiko an Covid-19 zu versterben, bei Männern deutlich höher ist als bei Frauen." Erstaunlich auch, dass es vor allem die Jüngeren sind, die fitteren und die, die eher eine leichte Erkrankung durchlebt haben. So wie Tänzerin Vivien, die noch immer Probleme bei der Koordination und mit dem Gleichgewicht hat. "Wenn ich versuche, eine Standwaage zu machen, fängt mein rechtes Bein an zu wackeln", erzählt die 25-Jährige. "Es ist unglaublich anstrengend, was früher wie im Schlaf passiert ist."

Pneumologe Welte: Eine nicht sichtbare Erkrankung

Die Langzeitfolgen von Covid-19 teilen sich in zwei große Gruppen. Welte: "Das eine sind strukturelle Organschäden vor allem an der Lunge und am Herzen, die auftreten können. Davon abzugrenzen ist das mehr generelle Long-Covid-Syndrom, das die Mattigkeit, die Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, erhöhte Müdigkeit, aber auch bleibende Riech- und Geschmacksstörungen umfasst." Tückisch sei, dass es keine definierten und nachweisbaren Organveränderungen gibt. "Wir kämpfen gegen eine Erkrankung, deren Auswirkungen wir kennen, die wir mit den derzeitigen Methoden aber nicht sichtbar machen können."

Mehr als eine halbe Million Betroffene

Dabei ist Long Covid eine riesige Herausforderung - menschlich sowieso, aber auch finanziell und ökonomisch. Mehr als eine halbe Million Menschen leiden mehr oder minder stark an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung; und täglich werden es mehr. "Selbst wenn wir den in Studien beschriebenen minimalsten Prozentsatz annehmen, sprechen wir von zehn Prozent der Infizierten, die Long-Covid-Symptome entwickeln", sagt Pneumologin Jördis Frommhold, die an der Ostsee in Heiligendamm eine Reha-Klinik leitet, in der seit Ausbruch der Pandemie schon 3.000 Long- und Post-Covid-Patienten behandelt wurden.

Stäbler ein Mutmacher für Long-Covid-Patienten

Auch Chiara Köhler aus Springe bei Hannover hat akzeptiert, dass sie krank ist. Inzwischen kann sie wieder öfter Sport treiben, auch regelmäßig ins Fitnesscenter gehen. Alles wie früher?

Ringer Frank Stäbler bejubelt Olympia-Bronze © imago images/Sven Simon Foto: Frank Hoermann
Frank Stäbler bejubelt Olympia-Bronze.

"Fast alles", sagt sie. Die Ausdauer sei noch nicht wieder die alte. Vor allem der Reha-Aufenthalt habe ihr den Kopf frei und wieder Mut gemacht. Sie wurde mit ihrer Krankheit ernst genommen, was bisweilen im gesellschaftlichen Leben nicht immer so ist, wie Frommhold weiß: "Das ist für diese Patienten sowas von verletzend, weil sie sich ja eigentlich nichts sehnlicher wünschen, als gesund zu sein, es aber nicht können."

Frank Stäbler spricht von einer harten Zeit, wenn er an seine fordernde Reha mit dem Atemtrainer denkt: "Ich war verzweifelt und habe mir damals gesagt: Du hast etwas, was du noch nie hattest, deshalb musst du etwas tun, was du noch nie getan hast." Sein großes Ziel Tokio und den traumhaften Abschluss seiner langen Karriere hat er erreicht und nach dem gewonnenen kleinen Finale wie versprochen seine Wettkampfschuhe auf der olympischen Matte gelassen. Als Dank - auch für die überwundenen Langzeitfolgen. Vielleicht kann sein Beispiel ein Mutmacher sein für Tausende von Long-Covid-Patienten.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 12.12.2021 | 23:35 Uhr

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