Stand: 04.04.2019 16:55 Uhr

Dem eSport-Boom sind nicht alle gewachsen

von Matthias Dröge, NDR Info

Der sogenannte eSport boomt. Der eSport-Bund Deutschland e.V. schätzt die "sportliche" Computerspiel-Gemeinde auf drei Millionen Spieler und Fans. Dabei gibt es eine klare Trennung zwischen Breiten- und Profisport.

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Erfolgreich beim eSport: Michael Bittner ist kürzlich deutscher Club-Meister geworden.

Michael Bittner muss leistungsfähig sein. Der 20-Jährige spielt für Werder Bremen die Fußballsimulation FIFA an der Konsole - und das sehr erfolgreich. Erst vor wenigen Tagen ist "MegaBit" - so sein Gamer-Name - mit Partner Mohammed "MoAuba" Harkous erster deutscher Club-Meister geworden. "Uns wurde von außen die Favoritenrolle zugeschoben und das konnten wir am Ende bestätigen", sagt Bittner.

Um pro Wochenende mindestens 30 wichtige Spiele absolvieren zu können, muss der eSportler mehr als nur die Konzentration schulen: "Man muss Fingerfertigkeit besitzen, dazu muss der Kopf auch funktionieren. Man muss wirklich schnelle Entscheidungen treffen und auf dem Feld erkennen, was für eine Situation ist das gerade, und dann auch im Kopf dazu Lösungen finden. Gerade dazu ist es wichtig, mental fit zu sein. Das ist das Wichtigste", sagt der 20-Jährige.

Ein "Arbeitsplatz" der E-Sportler ist zu sehen, ein Bildschirm auf dem ein Fußballspiel pausiert ist. © NDR Foto: Matthias Dröge

Zwischen Sport und Sucht: Immer mehr eSportler

NDR Info - Aktuell -

Der eSport-Bund schätzt die Computerspiel-Gemeinde auf drei Millionen Spieler und Fans in Deutschland. Es gibt eine klare Trennung zwischen Breiten- und Profisport.

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Bis zu 100 Stunden pro Woche an der Konsole

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Professor Ingo Froböse testete mit seinem Team an der Sporthochschule in Köln 1.200 eSportler.

Mental ist das stundenlange Spielen also weitaus stressiger als die körperliche Anstrengung. 1.200 eSportler waren in den vergangenen Monaten an der Kölner Sporthochschule, um sich testen zu lassen. Es ging um schnelle Reaktionen, Wahrnehmung und Fitness, erklärt Professor Ingo Froböse: "Auffällig ist, dass im Schnitt 25 Stunden pro Woche gedaddelt wird - egal ob Profi- oder Breitensportler. Und es gibt sogar Sportler - aus dem Bereich Breitensport insbesondere -, die bis zu 100 Stunden pro Woche vor der Konsole verbringen. Das heißt also, dass wir wirklich ganz viel Freizeit erkennen, die für das Spielen an der Konsole quasi aufgebracht wird." Und das nicht selten nach einem langen Arbeitstag oder während des Studiums.

Konsolen-Breitensportler sind oft übergewichtig

Trotzdem sei die Herangehensweise von Profi- und Hobbyspielern total unterschiedlich, erklärt Ingo Froböse: "Der Breitensportler ist wirklich ein Nerd, der verbringt ohne großen Plan unheimlich viel Zeit vor der Konsole. Er weiß gar nicht, wie es richtig geht. Und er ernährt sich in der Regel nicht so gut. Hier ist beispielsweise auch das Übergewicht richtig präsent. Das heißt, der Athlet vor der Konsole, der Profi, ist wirklich auch ein Athlet. Grundsätzlich auch im Bereich des Sports. Der Breitensportler ist allerdings genau der, den wir uns vorstellen: übergewichtig und in der Konsole versenkt. Er geht dort ein wenig verloren."

Froböse schlägt Trainer-Ausbildungen für eSport vor

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Bis zu 100 Stunden in der Woche mit wenig Bewegung verbringen manche eSportler vor der Konsole.

Um den drohenden gesundheitlichen Problemen wie Rückenschmerzen vorzubeugen, schlägt Professor Froböse vernünftige Trainer-Ausbildungen vor, die es bislang in Deutschland noch nicht gibt. Nur dadurch könnten junge Menschen besser gemacht und Kompetenzen zu richtiger Ernährung und Sport neben der Konsole vermittelt werden. "Vereine und Organisationen müssen noch ganz viel lernen, bis wir endlich einen vernünftigen professionellen Aufbau haben. Im Vergleich zum Fußball sind wir im eSport noch auf Kreisliga-Niveau", erklärt Ingo Froböse.

Komet Blankenese reagiert auf den eSport-Trend

Zu den kleinen Vereinen, die eSport nicht professionell anbieten, gehört Komet Blankenese. Der Verein aus dem Hamburger Westen hat vor knapp einem Jahr sein Klubhaus teilweise umgebaut. Angestaubte Pokale und Holzstühle raus - Monitore, Konsolen und spezielle Gaming-Stühle rein, sagt Abteilungsleiter Volker Tausend: "Das ganze Vereinsheim kann mitschauen. Einige Zuschauer waren schon mal da. Die dachten, hier läuft ein echtes Bundesligaspiel, weil das ja auf dem Bildschirm total echt aussieht."

Für Tausend soll es eine Investition in die Zukunft sein, für E-Sportler wie Bastian Buß ist es eine Chance, sich im direkten Duell - also "face to face" - zu messen. Buß hat selber professionell E-Sport gespielt, trainiert jetzt die jungen Komet-Spieler: "Gerade wenn du jetzt ein Turnier spielst, was länger geht, über sechs, acht Stunden zum Beispiel, da ist auch körperliche Fitness gefragt, um das Ganze durchstehen zu können, die Konzentration hochzuhalten."

Die Gefahr, vom vielen Spielen süchtig zu werden, sieht Hobbyspieler Buß nicht: "Das Thema Spielsucht ist natürlich eine Sache für sich. Wo fängt eine Sucht an? Ist ein Profi-Sportler süchtig, weil er den ganzen Tag Sport macht? So lange man das auf Wettbewerbsebene macht, würde ich nicht von Spielsucht sprechen."

Wann genau wird das Spielen zur Sucht?

Auch Professor Froböse aus Köln fällt es schwer, eine Gaming-Sucht ganz genau zu definieren: "Ich glaube, das Entscheidendste ist, wenn man so ein bisschen aus dem sozialen Kontext heraus gerät und alles dem Spielen unterstellt. Dass man kaum noch Gelegenheit hat, seine Freunde zu besuchen, dass man kaum noch in den Urlaub fährt oder man sich alles genau so einrichtet, dass das Gamen eben den Hauptbestandteil der Freizeit möglich macht. Das ist also Sucht für mich, wenn das soziale Leben dem Spielen untergeordnet wird."

Der Experte schlägt vor, sich konkrete Zeitfenster zu geben - zum Beispiel nur zwei Stunden am Tag zu daddeln oder auch mal spielfreie Tage zu haben, um das viele Spielen noch kontrollieren zu können.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 05.04.2019 | 08:08 Uhr

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