Stand: 28.04.2015 15:10 Uhr

"Ich hab' mich da so durchgemogelt"

von Silvia Stoll
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Viele Menschen leiden unter einer Lese- oder Schreibschwäche und halten das geheim.

In Niedersachsen leben 750.000 deutschsprachige erwachsene Menschen, die nicht gut lesen und schreiben können. Im Landkreis Osnabrück sind es rund 20.000. Seit einem halben Jahr gibt es dort vier sogenannte Lerncafés. Die Volkshochschule Osnabrücker Land möchte mit diesem Angebot deutschsprachige Erwachsene ansprechen, die eine Lese- oder Schreibschwäche haben. Die Teilnahme ist kostenlos und unverbindlich. Im Lerncafé lernt jeder in seinem eigenen Tempo und wird zu nichts gezwungen.

Das Schreiben fällt Maria schwer

Seit Anfang des Jahres besucht die 42-jährige Maria (Name von der Redaktion geändert) das Lerncafé in Bersenbrück. "Ich habe das Alphabet nie richtig gelernt und dann habe ich mich irgendwie so durchgemogelt. Man kriegt vom Lehrer einen Text und spricht das alles ungefähr nach. Ohne, dass man das wirklich richtig gelesen hat." Dieses Durchmogeln fällt auf, und Maria muss von der Grundschule zur Sonderschule wechseln. Im Laufe ihrer Schulzeit lernt Maria etwas lesen. Doch das Schreiben fiele ihr immer noch schwer, erzählt die 42-Jährige. Denn, wenn man das Alphabet nie richtig gelernt habe, dann falle es auch später schwer, da immer etwas fehle: "Dann hat man immer diese Rechtschreib-Schwäche."

Lernen im eigenen Tempo

Zu Hause gibt es keine große Unterstützung. Der Vater geht zur Arbeit, ihre Mutter kann selbst nicht lesen und schreiben. Maria kommt mit ihrer Vermeidungstaktik lange durch. Weil sie nur etwas lesen, aber nicht schreiben kann, sucht sie sich einen Beruf, bei dem das nicht so wichtig ist. Nach der Schule beginnt die zierliche Frau eine Lehre als Bäckerin: "Da kriegst du das Rezept und dann arbeitet man nach dem Rezept und schreiben braucht man auch nicht. Und einen Lieferschein kannst Du ja kontrollieren. Da steht ja alles drauf." Nach der Bäcker-Lehre geht sie in den Verkauf. Maria steht in einem Markt hinter der Fleischtheke. Der Job macht ihr Spaß. Das einzige Problem: Wenn Kunden Bestellungen aufgeben, muss Maria das notieren. Sie versucht dabei mit Hilfe ihrer Schwester ihre Rechtschreibschwäche zu vertuschen. Marias Schwester hilft ihr von klein an, korrigiert Notizen und hat Verständnis für die Schreibschwäche der kleinen Schwester. Doch die Hilfe der Schwester fällt weg, als der Markt, in dem die beiden arbeiten, geschlossen wird. Als sie arbeitslos wird, kommt der 42-jährigen Mutter die Idee, das Lerncafé in Bersenbrück zu besuchen.

Kleine Schritte führen zum Erfolg

Spaß am Lernen und Mut möchte Leiterin Birgit Zimmann ihren Besuchern mit auf den Weg geben. Zurzeit kommen sechs Männer und Frauen regelmäßig in das Lerncafé Bersenbrück. Jeder hat sein ganz persönliches Päckchen zu tragen. Was es genau ist, findet Birgit Zimmann gar nicht so wichtig: "Die wichtige Frage ist: Willst Du daran etwas verändern? Und wenn Du etwas verändern möchtest, dann mach es!" Sie gibt den Besuchern einen weiteren Tipp mit auf den Weg: "Gehe ganz kleine Schritte. Und gehe diese Schritte einfach weiter. Dann wird sich etwas ändern." Maria will etwas ändern. Ihr Schreib-Problem spricht sie bei ihrem möglichen neuen Arbeitgeber ganz offen an. Und tatsächlich läuft es im neuen Job gut. Bei Schwierigkeiten hilft der Abteilungsleiter - zwei weitere Kolleginnen sind in Marias "Geheimnis" eingeweiht. Marias Nichte hat damals die Bewerbungsunterlagen für sie geschrieben. Dafür möchte die Tante sich bald mit einer ganz besonderen Überraschung bedanken: Ein handgeschriebener Brief soll es sein. "Das kennt sie gar nicht, dass ich schreibe."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 30.04.2015 | 13:20 Uhr

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