Stand: 12.05.2017 09:50 Uhr  | Archiv

Schweinefleisch: Sind Tierwohlsiegel sinnvoll?

von Annette Niemeyer

Beim Kauf von Schweinefleisch sind Umfragen zufolge viele Verbraucher bereit, mehr Geld für höhere Standards bei der Tierhaltung auszugeben. Eine Orientierung sollen entsprechende Siegel bieten. Doch wie artgerecht ist die Haltung der Schweine? Und wie groß sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Tierwohlsiegeln? In einer Stichprobe vergleicht Markt Siegel von vier Organisationen: Initiative Tierwohl, Deutscher Tierschutzbund, Neuland und das Bio-Siegel der EU.

So unterscheiden sich Tierwohlsiegel

Initiative Tierwohl: Kritik von Tierschützern

Das Logo der Initiative Tierwohl besagt nicht, dass das gekennzeichnete Stück Fleisch tatsächlich aus artgerechter Haltung stammt, sondern dass sich das Unternehmen an der Initiative Tierwohl beteiligt. Teilnehmende Lebensmittelhändler wie Edeka, Rewe, Lidl, Aldi, Netto, Penny und Kaufland zahlen pro Kilo verkauftem Fleisch vier Cent in einen Fonds. Das Geld wird an Landwirte ausgezahlt, die bei der Initiative mitmachen. Sie müssen bestimmte Pflichtkriterien erfüllen und können darüber hinaus noch weitere Maßnahmen selbst wählen, die sie im Stall durchführen - zum Beispiel Komfortliegeflächen (Gummimatten oder Einstreu), Kastration mit wirksamer Schmerzausschaltung oder mehr Platz.

Tierschützer kritisieren, dass die Mindestanforderungen nur wenig über dem gesetzlichen Standard liegen:

  • Erlaubt ist zum Beispiel die betäubungslose Kastration männlicher Ferkel bis zum siebten Lebenstag. Das wird gemacht, weil das Fleisch ausgewachsener Eber manchmal stinken kann. Für die Ferkel ist der Eingriff aber mit erheblichem Stress und Schmerzen verbunden.
  • Erlaubt ist das sogenannte Kürzen der Ringelschwänze (Kupieren). Dadurch soll verhindert werden, dass sich die Schweine gegenseitig in die Schwänze beißen. Das kann zu schweren Verletzungen und Entzündungen führen.
  • Erlaubt sind in den Ställen Spaltenböden, durch die Kot und Harn in einen darunter liegenden Güllekeller fließt. Harte Betonspaltenböden können schmerzhafte Entzündungen an den Beingelenken der Schweine begünstigen.

Bio-Siegel der EU: Besser als konventionell

Beim Bio-Siegel der EU kommen die Haltungsbedingungen den natürlichen Verhaltensweisen der Schweine entgegen. Die Tiere haben erheblich mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben. Sie haben Auslauf ins Freie, mindestens zum Teil ist Stroheinstreu vorhanden. Dadurch gibt es in der Bio-Haltung viel seltener Probleme mit Schwanzbeißen. Die Ringelschwänze dürfen dran bleiben. Doch auch beim Bio-Siegel kann es Probleme mit dem Tierwohl geben:

  • Weil die Tiere Auslauf im Freien haben, kommen sie mehr in Kontakt mit Parasiten und Erregern. Das Vermeiden von Erkrankungen erfordert ein kompliziertes Management. Das erfordert viel Know-how und mehr Personal.
  • Erlaubt ist die betäubungslose Kastration mit Schmerzmittelgabe gegen den Wundschmerz.
  • Im Schlachthof werden Bio-Schweine elektrisch oder mit Kohlendioxid betäubt und danach durch das sogenannte Entbluten getötet. Kontrollen auf bayrischen Schlachthöfen zeigten aber, dass mancherorts die elektrische Betäubung wiederholt unzureichend war.

Neuland-Siegel: Geringe Verbreitung

Seit 1988 hat sich der Neuland-Verein dem Tierwohl verschrieben. Für Schweine gelten ähnliche Haltungsbedingungen wie bei Bio. Das Futter darf aber auch konventionell sein. Auch Neuland-Schweine haben Auslauf ins Freie, liegen auf Stroh und bekommen keine gentechnisch veränderten Futtermittel. Die Ringelschwänze werden nicht kupiert. Schon seit 2008 werden männliche Neuland-Ferkel vor der Kastration per Inhalationsnarkose mit Isofluran betäubt. Nur 0,03 Prozent der in Deutschland geschlachteten inländischen Schweine sind Neuland-Schweine. Viele Landwirte können sich die hohen Investitionskosten für die Neuland-Haltung nicht leisten.

Deutscher Tierschutzbund: Siegel in zwei Stufen

Das Tierwohl-Label des Deutschen Tierschutzbundes gibt es in zwei Versionen:

  • Bei der Premiumstufe mit zwei Sternen gelten ähnliche Standards wie bei Bio- oder Neuland-Haltung.
  • Bei der Einstiegsstufe mit einem gelben Stern sind die Anforderungen für Landwirte viel einfacher zu erfüllen. Die Schweine bekommen mehr Platz, bei einigen wird der Ringelschwanz nicht kupiert. Auch das betäubungslose Kastrieren ist untersagt.

Fleisch mit diesen Siegeln ist allerdings schwer zu finden. Zum Beispiel hat die Regionalgesellschaft Edeka Minden-Hannover im Moment genau neun Landwirte unter Vertrag, die Fleisch der Premiumstufe liefern könnten. Bei Edeka Südwest sind es weitere 20 Schweinehalter.

Große Preisunterschiede

In einer Stichprobe hat Markt Schweineschnitzel mit den unterschiedlichen Tierwohlsiegeln gekauft und die Preise verglichen:

  • Unschlagbar günstig waren Schnitzel mit dem Logo der Initiative Tierwohl - bei Aldi und Lidl für 6 Euro.
  • Schnitzel mit Bio-Siegel der EU aus den Supermärkten Denn's und Alnatura kosteten 22,90 Euro pro Kilo.
  • Das Neuland-Schnitzel kostete bei einem Schlachter in der Lüneburger Heide 21,30 Euro pro Kilo.
  • Beim Label des Deutschen Tierschutzbundes kostet ein Schnitzel der Einstiegsstufe bei Netto in Hamburg-Lurup 7,40 Euro, das Schnitzel der Premiumstufe bei Edeka in Bispingen 19,90 Euro pro Kilo.

Warum Fleisch mit Tierwohlsiegel so teuer ist

Dass Fleischprodukte mit Tierwohlsiegel erheblich teurer sind als konventionelles Fleisch, hat nicht nur etwas mit den höheren Standards bei der Tierhaltung zu tun. Die bei den Verbrauchern nicht beliebten Teile wie Pfoten, Köpfe, Schwänze und Innereien werden zum Teil ins Ausland verkauft. Daran verdienen Bauern und Schlachter meist nicht mehr als mit konventionell produzierten Fleischteilen.

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Markt | 15.05.2017 | 20:15 Uhr

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