Stand: 19.10.2015 13:37 Uhr  | Archiv

Benzinverbrauch: So tricksen Autohersteller

Beim Kauf eines Neuwagens schauen viele Verbraucher auf die Herstellerangabe zum Kraftstoffverbrauch. Doch häufig liegt der Verbrauch im Straßenverkehr deutlich höher. Zu diesem Ergebnis kommen Stichproben des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs (ADAC) und des Auto Club Europa (ACE). Markt erklärt, wie Autohersteller den Kraftstoffverbrauch bei der Messung künstlich niedrig halten können.

Umstrittenes Verfahren zur Verbrauchsmessung

Den Kraftstoffverbrauch ermitteln Autohersteller nach ADAC-Angaben auf akkreditierten Abgasprüfständen im sogenannten Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ). Das Verfahren lässt den Herstellern legale Möglichkeiten, den Benzin- oder Dieselverbrauch möglichst niedrig ausfallen zu lassen:

  • Reifendruck: Für eine möglichst geringen Rollwiderstand können Hersteller Leichtlaufreifen mit erhöhtem Luftdruck aufziehen.
  • Zusatzausstattung: Stromverbraucher wie Heizung, Licht und Klimaanlage dürfen während der Messung abgeschaltet werden.
  • Fahrweise: Speziell trainierte Fahrer oder entsprechend eingestellte Roboter steuern den Testwagen präzise am unteren Geschwindigkeitslimit.
  • Geschwindigkeit: Laut NEFZ beträgt die Höchstgeschwindigkeit während der Prüfung 120 Stundenkilometer.
  • Aufwärmphase: Die Prüfung simuliert eine Strecke von elf Kilometern. Das begünstigt kleine Motoren, die schneller warm werden und dann weniger verbrauchen.

So ermitteln Sie den Kraftstoffverbrauch

Bevor Sie den Kaufvertrag anfechten, sollten Sie den Kraftstoffverbrauch zunächst selbst überprüfen und das Auto bei starken Abweichungen in die Werkstatt bringen. Die vom Bordcomputer angezeigten Verbrauchswerte haben vor Gericht keine Beweiskraft.

  • Testfahrt

    Messen Sie den Kraftstoffverbrauch auf einer mindestens 200 Kilometer langen Strecke möglichst ohne Stau oder Stop-and-Go-Verkehr, zum Beispiel auf Landstraßen. Fahren Sie auf der Autobahn nicht schneller als 120 Stundenkilometer.

  • Tachostand

    Notieren Sie den Tachostand vor und nach der Testfahrt.

  • Tanken

    Unmittelbar vor und nach der Testfahrt tanken Sie den Wagen voll. Die Kraftstoffmenge beim Tanken nach der Testfahrt entspricht dem Kraftstoffverbrauch während der Testfahrt.

  • Verbrauchswert

    Ermitteln Sie den Kraftstoffverbrauch pro 100 Kilometer, indem Sie die getankten Liter durch die gefahrenen Kilometer teilen und das Ergebnis mit 100 multiplizieren.

  • Reklamation

    Liegt der von Ihnen ermittelte Verbrauchswert mehr als zehn Prozent über der Herstellerangabe, reklamieren Sie das Fahrzeug bei einer Vertragswerkstatt. Dort kann zum Beispiel die Motorelektronik neu eingestellt werden.

  • Rechtsweg

    Sind zwei Nachbesserungen beim Vertragshändler erfolglos, bleibt nur noch der Rechtsweg. Dann muss ein anerkannter Sachverständiger die Verbrauchsabweichung in einem Gutachten bestätigen.

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ADAC: Neue Verbrauchsmessung geplant

Das umstrittene NEFZ-Verfahren soll nach ADAC-Angaben voraussichtlich 2017 von einem neuen Verfahren abgelöst werden. Ob die Angaben zum Kraftstoffverbrauch dann realistischer sind, müssen Vergleichsmessungen zeigen.

Das sagen die Autohersteller

  • BMW

    "Der aktuell gültige Neue Europäische Fahrzyklus war nie dafür gedacht, den Alltagsverbrauch der Fahrzeuge zu ermitteln."

  • Mercedes

    "Da die Bedingungen im realen Fahrbetrieb in der Regel nicht denen im Labor entsprechen, können auch die Verbrauchswerte von den Normwerten abweichen."

  • Opel

    "Unsere Erkenntnis ist, dass bei effizienter Fahrweise die angegebenen Werte bei all unseren Modellen erreichbar sind."

  • VW

    "Abweichungen zwischen einer NEFZ-Messung und einer Messung unter realen Bedingungen sind uns nicht unbekannt."

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Dieses Thema im Programm:

Markt | 19.10.2015 | 20:15 Uhr

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