Stand: 17.07.2019 11:15 Uhr

Wie wird der Wald fit für den Klimawandel?

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Bedrohte Idylle: Der Klimaschützer Wald leidet zunehmend unter den Folgen des Klimawandels.

Bäume und Wälder sind eine wirksame Waffe gegen den KIimawandel: Sie ziehen das Kohlendioxid (CO2) aus der Luft und lagern den Kohlenstoff (C) im Holz und im Waldboden ein. Doch Stürme, Hitze und Trockenheit machen die Bäume anfälliger für Schädlinge wie den Borkenkäfer. Das stellt Waldbesitzer, Naturschützer und Wissenschaftler vor große Aufgaben: "Der Klimawandel und wie wir uns anpassen ist eine der Schlüssel-Herausforderungen der Zukunft", sagt Andreas Bolte, Leiter des Thünen-Instituts für Waldökosysteme.

So viel CO2 speichert der deutsche Wald

Als Bundesforschungsinstitut macht das Thünen-Institut regelmäßig die sogenannte Waldinventur und erfasst mit der Kohlenstoffinventur die Treibhausgasbilanz der deutschen Wälder. Sie entlasten die Atmosphäre jährlich um rund 62 Millionen Tonnen Kohlendioxid, wie aus dem jüngst veröffentlichten Bericht mit Zahlen von 2017 hervorgeht. Damit kompensieren sie etwa sieben Prozent der Emissionen in Deutschland. Rund 1.200 Millionen Tonnen Kohlenstoff sind hierzulande in lebenden Bäumen gebunden. Insgesamt erhöhte sich der Kohlenstoffvorrat in den Wäldern in den vergangenen Jahren: 1990 waren es laut Thünen-Institut rund 870 Tonnen Kohlenstoff.

Wald bleibt trotz Stürmen und Dürre Kohlenstoffsenke

Der Dürre-Sommer 2018 sowie heftige Stürme im Winter zuvor verursachten im vergangenen Jahr Schäden von mehr als 30 Millionen Kubikmeter abgestorbenes Holz. Das schätzt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Auch für dieses Jahr seien Verluste in mindestens derselben Größenordnung zu erwarten, sagt Thünen-Institutsleiter Bolte. Allerdings würden die Schäden derzeit noch durch einen Waldzuwachs von mehr als 100 Millionen Kubikmeter im Jahr kompensiert: "Der Wald bleibt noch immer eine Kohlenstoffsenke". Es werde weniger Holz zur Nutzung durch die Industrie aus den Wäldern geholt als nachwachse: "Einen Abbau des Holzvorrats erwarten wir derzeit noch nicht."

Was ist die Kohlenstoffinventur?

Wie viel Kohlenstoff ist im deutschen Wald gespeichert? Wie ändert sich der Kohlenstoffvorrat? Antworten auf diese Fragen muss die Bundesregierung aufgrund der Klimarahmenkonvention und des Kyoto-Protokolls geben. Denn Deutschland hat sich darin verpflichtet, jährlich über Treibhausgasspeicher sowie Quellen und Senken zu berichten. Dabei wird die Waldbewirtschaftung als sogenannte Kohlenstoffsenke angerechet. Die Daten stellt das Thünen-Institut anhand der Bundeswaldinventuren und der Kohlenstoffinventuren bereit. Die letzte Bundeswaltinventur fand 2012 statt, 2017 folgte die aktuelle Kohlenstoffinventur.

"Wir machen uns Sorgen um bestimmte Baumarten"

Wenn sich im Zuge des Klimawandels künftig Extremwettereignisse häufen und zunehmend Holz abstirbt, könnte sich dies allerdings ändern. "Insgesamt konnten wir in den vergangenen Jahren sehen, dass Trockenjahre zu Einbrüchen bei den Zuwachsraten führen", sagt Bolte. "Wir machen uns schon Sorgen um bestimmte Baumarten."

Klimawandel wirkt in dreierlei Hinsicht

Leidtragende der klimatischen Veränderungen sind vor allem Fichten, die auf 25 Prozent der Waldfläche wachsen, rund 50 Prozent des verarbeiteten Holzes in Deutschland liefern und denen der Borkenkäfer stark zusetzt. Dabei begünstigen drei Auswirkungen des Klimawandels seine Ausbreitung:

  • Wärme fördert die Vermehrung der Borkenkäfer.
  • Trockenheit führt dazu, dass die Bäume weniger Harz produzieren können, der zur Abwehr der Käfer dient.
  • Stürme hinterlassen jede Menge Totholz in den Wäldern, das den Schädlingen als Brutsubstrat dient und ihm die Ausbreitung erst ermöglicht.

Was tun mit dem geschädigten Wald?

Im Harz sind aktuell viele Fichtenwälder vom Borkenkäfer befallen. Dort hatte Orkantief "Friederike" bereits im Januar 2018 für einen Kahlschlag gesorgt. Das waren beste Voraussetzungen für eine massenhafte Vermehrung, die der Dürre-Sommer wiederum begünstigte. Die Niedersächsischen Landesforsten bezifferten die Gesamtschäden allein in ihren Beständen auf rund 130 Millionen Euro - auch für 2019 werden erhebliche Schäden erwartet.

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Wegen der Borkenkäferplage werden im Harz Tausende Fichten gefällt. Um den Borkenkäferbefall einzudämmen, kommen Gift-Fallen zum Einsatz. Kritiker betonen: Gift gehöre nicht in den Wald. Video (08:10 min)

Während die Wirtschaftswaldbesitzer alles tun, um die Ausbreitung des Schädlings zu verhindern und die beschädigten Bäume so schnell wie möglich aus den Wäldern holen, können Naturschützer dem Befall auch Gutes abgewinnen. Sie betonen, dass der Borkenkäfer die natürliche Entwicklung in den Schutzwäldern weg vom Nadel- und hin zum Mischwald beschleunigt und sehen eine große Chance für eine Verjüngung des Waldes.

Den Wald als Kohlenstoffspeicher erhalten

Betrachtet man den Wald als Kohlenstoffspeicher, braucht es aber neue Konzepte. "Wenn man den Wald als Kohlenstoffspeicher erhalten will, wäre es Gift, die Ausbreitung des Borkenkäfers einfach laufen zu lassen", betont Bolte. "Auf diese Weise werden alte Baumbestände zerstört, und bis die nachwachsenden Bäume effektiv Kohlenstoff speichern können, dauert es Jahrzehnte." Die Folge wäre ein massiver Vorratsverlust - mit der Gefahr, dass der Wald dann keine Kohlenstoffsenke mehr sei, sondern eine Quelle werde.

Welche Bäume sind für den Klimawandel gerüstet?

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Fichten leiden besonders unter dem Klimawandel - durch Stürme, Hitze und den Borkenkäfer.

Der Wissenschaftler wirbt für langfristige Konzepte, um den Wald fit zu machen für den Klimawandel: Es müsse erforscht werden, welche Baumarten unter den erwarteten klimatischen Bedingungen an welchen Standorten gedeihen können. "Welche Optionen bieten heimische Bäume? Welche neuen Arten können in Deutschland angesiedelt werden - und wollen wir diese Arten überhaupt? Wo können bestehende Wälder erhalten werden, und wo ist ein Umbau des Waldes nötig?"

Fichten leiden stark unter dem Klimawandel

Wenig sinnvoll sei es, unter allen Umständen an bestimmten Baumarten festzuhalten. So sei die Fichte derzeit zwar die "Brotbaumart" im Wirtschaftswald und wachse deutschlandweit auf dreieinhalb Millionen Hektar. Ihren natürlichen Lebensraum habe die Fichte aber in Höhenlagen über 600 Meter, in niedriger gelegenen, exponierten Lagen sei sie starken Bedrohungen durch Stürme, Hitze und den Borkenkäfer ausgesetzt. "Wir müssen uns schon fragen, ob die Fichte mittel- und langfristig in Höhenlagen unter 600 Metern bei den erwarteten klimatischen Veränderungen überhaupt noch wachsen kann."

Mischwälder statt Reinbestände

Aus Sicht der kommerziellen Waldwirtschaft könnten Bolte zufolge zum Beispiel die aus Nordamerika stammenden Baumarten Douglasie und Küstentanne eine Alternative zur Fichte sein. Auch heimische Baumarten wie Esskastanie, Linde, Hainbuche und Flaumeiche könne man stärker in den Fokus nehmen. Wichtig sei, auf Mischwälder statt auf Reinbestände zu setzen, um das Risiko durch Klimawandel und Schädlinge zu verteilen. "Wir sollten Forstwirtschaft als Reisebegleitung ansehen", sagt Bolte: "Wir sollten beobachten, welche Baumarten aus ihrem Verbreitungsgebiet herauswandern - wie etwa Fichte und möglicherweise auch Buche - und welche heimischen und neuen Arten sich unter den veränderten klimatischen Bedingungen wohl fühlen." Der Werkzeugkoffer der Forstwirtschaft sei groß - "wir sollten unsere Möglichkeiten nutzen."

Waldsterben der 80er-Jahre dank Diskussion abgewendet

Der Wissenschaftler warnt davor, die Auswirkungen des Klimawandels auf die Wälder zu unterschätzen und zieht einen Vergleich zum Waldsterben, vor dem in den 1980er-Jahren massiv gewarnt worden war: "Dass es nicht dazu gekommen ist, geschah nicht aufgrund einer falschen Prognose, sondern war das Verdienst derjenigen, die davor gewarnt haben", betont er. Damals seien extreme Maßnahmen getroffen worden wie die Katalysatoren für Autos. Wohl wichtigster Punkt sei die Rauchgasentschwefelung in Industrieanlagen gewesen: "Wir haben heute nur noch ein Zehntel der Schwefeleinträge wie vor 20, 25 Jahren", betont der Wald-Experte. "Die Versauerung der Waldböden wurde massiv eingeschränkt, und das war ein Erfolg der Waldschadensdiskussion." Allerdings seien die Gefahren heute ungleich größer als die Gefahren durch sauren Regen: "Der Klimawandel ist eine globale Herausforderung."

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DIE REPORTAGE | 30.08.2019 | 21:15 Uhr

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