Stand: 16.05.2017 17:10 Uhr

Albig im Porträt: "Scheiß-Tag" ändert alles

Noch vier Tage vor der Landtagswahl 2017 strotzt Ministerpräsident Torsten Albig vor Selbstbewusstsein - allen Umfragewerten zum Trotz. Er habe viele Wahlkämpfe gemacht und alle gewonnen. Das Wahlziel der SPD von 35 Prozent "werden wir erreichen", ist sich der Regierungschef sicher. Die CDU werde man hinter sich lassen und die Küstenkoalition mit Grünen und SSW fortsetzen können. Am Abend des 7. Mai geht Albig mit einem Ergebnis von 27,2 Prozent für die SPD ins Bett. Nur einmal in der Landesgeschichte hatten die Sozialdemokraten bei Landtagswahlen schlechter abgeschnitten. "Es war ein Scheiß-Tag", sagt Albig vor den Genossen. In 154 Jahren habe man davon allerdings schon viele gehabt - und sei immer aufgestanden.

Berlin verhindert offenbar früheren Rückzug

Von Rücktritt spricht der Ministerpräsident am Wahlabend nicht. Auch ein Rückzug aus der Landespolitik, wie er ihn neun Tage später ankündigt, ist kein Thema. Intern soll Albig die Möglichkeit angerissen haben. Offenbar kommt aus Berlin jedoch die Bitte, nicht voreilig zu handeln - um Kanzlerkandidat Martin Schulz zu schützen und im Hinblick auf die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Nach der Wahl im Westen rechnen viele damit, dass Albig Konsequenzen zieht. So kommt es am 16. Mai 2017. In einer persönlichen Erklärung teilt der SPD-Politiker mit, einer neuen Regierung nicht angehören und auch sein Landtagsmandat für die SPD nicht antreten zu wollen. Albig ist gescheitert - nach einer langen Zeit des Aufstiegs.

Finanzminister Eichel: "Albig konnte draufhauen"

In Lütjenburg im Kreis Plön kommt Albig 1994 ins Stadtparlament, wird Fraktionsvorsitzender der SPD. Dann geht es steil nach oben. Albig wird Sprecher des Bundesfinanzministers - zunächst von Oskar Lafontaine, es folgen Hans Eichel und zuletzt Peer Steinbrück. Doch der Sprecher will weiter. Eichel sagt dazu später: "Albig konnte unter Umständen auch mal richtig draufhauen. Das haben viele von einem Sprecher des Bundesfinanzministeriums nicht erwartet." Das habe bereits gezeigt, dass Albig auch führen kann, so Eichel. 2009 geht Albig nach Kiel, als Oberbürgermeister. Drei Jahre später stehen Neuwahlen im Land an. Beim Mitgliederentscheid setzt sich Albig gegen Ralf Stegner durch, wird Spitzenkandidat der SPD.

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Ein-Stimmen-Mehrheit hält fünf Jahre lang

Der Jurist, der aus Bremen stammt und in Ostholstein und Bielefeld aufwuchs, steht vor seinem Karrierehöhepunkt. Am 12. Juni 2012 wird Albig als Ministerpräsident vereidigt. Fünf Jahre führt er die Koalition von SPD, Grünen und SSW, regiert das Land mit einer Ein-Stimmen-Mehrheit. Die Landesregierung saniert den Haushalt, im Entwurf für 2017 steht die schwarze Null. Höhere Steuereinnahmen und niedrige Zinsen machen es möglich. Die Koalition nimmt die von der Vorgängerregierung geplanten Stellenstreichungen bei Lehrern wieder zurück. Und in der Flüchtlingspolitik - Albigs Herzensthema - stellt sich Schleswig-Holstein mit einem Abschiebestopp für abgelehnte Asylbewerber nach Afghanistan gegen die Bundesregierung.
Doch er macht auch Schlagzeilen mit umstrittenen Äußerungen: so zum Beispiel mit seiner Forderung nach einem "Schlagloch-Soli" - und als er 2015 der NDR 1 Welle Nord sagte, die SPD müsse angesichts der Popularität der Kanzlerin gar keinen eigenen Kanzlerkandidaten aufstellen.

Wahlniederlage? "Dann hast du neue Optionen"

Noch wenige Wochen vor der Wahl sieht es laut Umfragen gut aus für Albig und seine Küstenkoalition. Wenn es aber nicht klappen sollte, dann sei das eben so, sagt Albig dem Schleswig-Holstein Magazin: "Dazu ist es gut, dass du unabhängig bist, dass du jetzt nicht sagst: Ich muss genau das machen." Wenn er aus dem Parlament rausfliege, dann breche nicht seine ganze persönliche Infrastruktur zusammen. "Dann hast du neue Optionen und guckst, was du dann machst", sagt der SPD-Politiker, der am 25. Mai seinen 54. Geburtstag feiert.

TV-Duell und Interview fallen ihm auf die Füße

Es folgt das Duell der Spitzenkandidaten mit CDU-Politiker Daniel Günther im NDR Fernsehen. Eine SPD-Kommunalpolitikerin und Gewerkschafterin im Publikum wirft Günther vor, er habe sie als "ver.di-Schlampe" bezeichnet. Albig sagt dazu: nichts. Außerdem veröffentlicht das Magazin "Bunte" ein Interview, in dem der Ministerpräsident verkündet, dass er seine Lebensgefährtin heiraten wolle und dass er bedauere, dass er sich mit seiner Ex-Frau am Ende nicht mehr auf Augenhöhe austauschen konnte. Sein Leben habe sich schneller entwickelt als ihres.

Begriff "Hornochse" soll in Parteizentrale gefallen sein

Albig erklärt am Wahlabend, dass ihn das Interview nicht den Wahlsieg gekostet habe. SPD-Generalsekretärin Katarina Barley gibt in Berlin ein Interview, das eine andere Sichtweise offenbart: "Was wir sehen, ist, dass wir bei Frauen wohl deutliche Einbußen haben. Da vermute ich einfach mal, dass diese ganzen Diskussionen ums Private nicht wirklich förderlich waren." In der Parteizentrale der Bundeshauptstadt soll der Begriff "Hornochse" gefallen sein. Albig gilt vielen Genossen aus Bund und Land als Hauptgrund für die klare Wahlniederlage.

Mehr Zeit für Arminia Bielefeld und den THW Kiel

Mit der Neuwahl eines Nachfolgers wird für Albig Schluss sein als Ministerpräsident. Vielleicht sieht man ihn dann wieder häufiger bei Spielen von Fußball-Zweitligist Arminia Bielefeld und Handball-Rekordmeister THW Kiel. Torsten Albig wird wohl wieder mehr Zeit haben für das Privatleben - und künftig vermutlich weniger darüber reden.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 16.05.2017 | 19:30 Uhr

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