Stand: 31.03.2020 21:01 Uhr

Pflegeheime und Corona: Wohin mit älteren Menschen?

von Julia Schumacher, Christian Schepsmeier, Judith Pape

Der Fernseher muss derzeit den Besuch bei den Bewohnern im Seniorenhof Flintberg in Gammelby ersetzen. Denn Familie, Freunde, alte Arbeitskollegen - niemand darf mehr rein in das Pflegeheim. Alle Bewohner gehören zur Risikogruppe. Die älteren Menschen schützen, das sieht Anja Lohmann vom Seniorenhof Flintberg als ihre eigentlich Aufgabe. Dabei stellt die Corona-Pandemie sie und ihr Pflegeheim vor eine Herkulesaufgabe: Die Sorge, sich einen Infektionsfall in die Einrichtung zu holen, ist groß. Um ihre Bewohner zu schützen, weigern sich manche Heime im Land inzwischen, neue Bewohner aufzunehmen.

Todesfälle schüren Angst in Heimen

Anja Lohmann, Leiterin eine Pflegeheims, gibt ein Interview. © NDR
Berichtet von Unruhe unter den Beschäftigten: Pflegeheimleiterin Anja Lohmann.

Ein Dilemma: Denn Plätze werden dringend benötigt. Krankenhäuser wollen ältere Patienten mit stabiler Gesundheit entlassen und so Platz in ihren Häusern schaffen. Denn sie benötigen freie Betten, um auf eventuelle Corona-Patienten vorbereitet zu sein. Zusätzlicher Druck für Pflegeheime, die seit Wochen ohnehin unter erschwerten Bedingungen arbeiten - durch die strikten Besuchsverbote und hohe Sicherheitsauflagen. Zudem zeigen Fälle wie in Tornesch mit zwei Toten wie gefährlich eine Coronainfektion in einem Pflegeheim sein kann: "Die Meldungen aus Tornesch und Wolfsburg und anderen Altenheimen machen Angst und lösen auch Unruhe unter den Beschäftigten aus. Wir müssen unbedingt verhindern, dass wir uns das Virus ins Haus holen", sagt Anja Lohmann.

"Neuaufnahmen gefährden Heimbewohner"

Kay Oldörp vom Bundesverband privater Einrichtungen sozialer Dienste (BPA) fordert, dass Pflegeheimbewohner besonders geschützt werden. "Wir versuchen jeden Kontakt nach außen nach Möglichkeit zu vermeiden, um die besonders gefährdete Gruppe in den Pflegeeinrichtungen zu schützen. Und da ist eine Neuaufnahme - egal, ob sie von zu Hause kommt oder aus dem Krankenhaus, immer ein Risiko." Gerade vor diesem Risiko hätten die Pflegeeinrichtungen Angst.

Eine garantiert infektionsfreie Krankenhausentlassung gebe es nicht, sagt Oldörp vom BPA. Das Einzige, was Einrichtungen tun könnten, sei Neuaufnahmen zu isolieren. So hat jetzt zum Beispiel ein großes Kieler Heim 30 Kurzzeitpflegeplätze ausschließlich für die Aufnahme aus Kliniken freigemacht. So eine Lösung bietet sich aber nur für große Institutionen an. Den anderen mangelt es an Platz.

Die Zusage der Krankenhäuser, Patienten nur bei stabiler Gesundheit zu entlassen und bei negativen Covid-19-Tests, bringe Pflegeheimen seiner Ansicht nach keine Garantie. "Das Risiko bleibt, dass sich einige Tage nach einem negativen Test doch eine Corona-Infektion herausstellt", so Oldörp.

Viele Heime verhängen Aufnahmestopp

Ein Zettel auf einem Parkplatzschild weist auf ein Besuchsverbot hin. © NDR
"Besuche bitte einstellen" - seit Dienstag gilt landesweit ein Betretungsverbot in Pflegeheimen.

Cornelia Hagelstein vom Pflegestützpunkt Herzogtum Lauenburg bestätigt, auch in ihrem Gebiet seien die Altenheime sehr zögerlich damit, neue Bewohner aufzunehmen. Viele Einrichtungen hätten einen prinzipiellen Aufnahmestopp verhängt, andere würden neue Bewohner direkt in Quarantäne setzen.

Um Bewohner und Pflegekräfte besser zu schützen, hat das Gesundheitsministerium in Kiel am Dienstag noch einmal das Betretungsverbot für Pflegeeinrichtungen und Kliniken verschärft: Neben einem generellen Besuchsverbot gelten nun unter anderem auch restriktivere Regeln für Lieferanten und Handwerker.

Am Mittwoch wollen Vertreter der Heime und der Krankenhausgesellschaft Absprachen treffen, wie in diesen Zeiten möglichst sicher vom Krankenhaus ins Heim verlegt werden kann.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 31.03.2020 | 17:00 Uhr

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