Corona und die Uni: "Der direkte Austausch fehlt"

Stand: 04.11.2020 05:00 Uhr

Die Kieler Uni muss wegen der Corona-Pandemie den Großteil der Lehre digitalisieren. Doch das klappt nicht an allen Stellen. Dozenten und Studierende sind gefordert.

von Judith Pape

Ein leerer Gang in der CAU Kiel. © NDR Foto: Judith Pape
Die Kieler Uni bleibt auch in diesem Semster weitgehend leer - die Lehre soll online stattfinden.

Alle Kabel stecken, der Strom läuft, die Kamera brummt - und dennoch blinkt im Bildschirm von Axel Scheidigs Laptop eine Warntafel. Der Stream kann nicht starten. Der Biologie-Professor seufzt hinter seiner Maske. Auf diesen Moment hat er sich lange vorbereitet, akribisch sein technisches Equipment aufgerüstet. An fünf Wochenenden geprobt. Jetzt warten 16 Studierenden im großen Hörsaal E62, dass die Vorlesung "Einführung in die Biochemie" beginnt. Und vor allem warten 153 Studierende an ihren Rechnern außerhalb des Hörsaals - sie will Axel Scheidig mit seinem Stream erreichen.

So viel wie möglich digital

Mindestens 90 Prozent aller Veranstaltung an der Kieler Christian-Albrechts-Universität (CAU) sollen in diesem Wintersemester online stattfinden. So wenige Studierende wie möglich sollen auf den Campus kommen. Das hat die Hochschulleitung beschlossen, um das Infektionsrisiko zu senken. Nachdem die Pandemie den Hochschulbetrieb im vergangenen Sommersemester wie eine Welle überrollte, hatten Verwaltung, Lehrende und Studierende dieses Mal eine gewisse Erfahrung und mehr Zeit, sich auf die Situation einzustellen.

Knapp 2,5 Millionen Euro hat die Uni seit März in digitale Ausrüstung und Fortbildungen investiert - und es soll noch mehr Geld aufgebracht werden. Die genaue Summe steht noch nicht fest. "Wir haben aus dem letzten Semester viele gelernt. Es war ein Sprung ins kalte Wasser", sagt Prof. Markus Hundt, Vizepräsident der CAU. Corona habe seiner Uni einen Innovationsschub beschert. Die Server mussten aufgerüstet, Datenschutzfragen geklärt und Lernplattformen gefunden werden, die es aushalten, wenn 5.000 Studierende gleichzeitig auf sie zugreifen.

Lieferengpässe bei Konferenzsystemen

Und doch gibt es in vielen Hörsälen immer noch nicht mehr als einen Beamer unter der Decke. So wie bei Axel Scheidig in der Biochemie. Die Universität hat sich zwar inzwischen für ein einheitliches System entschieden, doch es gibt Lieferschwierigkeiten. Deshalb muss der Biophysiker sich mit seinem selbstkonzipierten Konferenzsystem aushelfen. Die knapp 750 Euro, die er für das Equipment ausgegeben hat, werden ihm von der Uni erstattet. In einer wasserfesten Reisetasche transportiert er das Set nun von Vorlesung zu Vorlesung.

Inzwischen läuft der Stream und Scheidig begrüßt die Studierenden im Saal und an den Bildschirmen. Einer der Studenten, die die Vorlesung vom Laptop in ihrer Wohngemeinschaft verfolgen, ist Maximilian Osthoer. Er studiert Biologie im 3. Semester und kennt somit auch einen Hochschulalltag im Normalmodus. "Es ist wirklich ein großer Umbruch. Gerade so ein Fach wie Biologie leidet darunter. Da geht es ja auch darum, rauszugehen, Pflanzen oder Tiere anzufassen. Das fällt jetzt fast alles weg." Nur für die Praktika im Labor dürfen die Studierenden noch in die Hochschule kommen, in kleinen Gruppen - mit Sicherheitsabstand - arbeiten sie am Mikroskop.

Für Erstsemester ist es besonders schwer

Exkursionen sind gestrichen. Die Mensa ist geschlossen. Bibliotheken dürfen nur eingeschränkt besucht werden. Diskutieren, Freundschaften schließen, miteinander lernen - der soziale Aspekt, der zu einem Studentenleben dazugehört, leidet. Das trifft besonders die Erstsemester, die gerade neu an der Uni anfangen. In der Vorlesung von Axel Scheidig dürfen sie mit Maske und Abstand im Hörsaal sitzen. "Die sollen einen Eindruck bekommen und zumindest ein paar Kommilitonen kennenlernen können", so der Professor.

Qualität der digitalen Lehre unterscheidet sich

Zusätzlich lädt der Naturwissenschaftler seine Vorlesung nach der Sitzung auch noch auf eine Plattform hoch. Damit können die Studierenden die Inhalte auf unbegrenzte Zeit nachgucken. Das machen nur wenige Dozenten. Die Qualität der digitalen Lehre unterscheidet sich stark: "Wir Dozenten sind da sehr heterogen. Manche haben keine Berührungsängste, manche zeichnen auf keinen Fall auf. Wiederum andere veröffentlichen ausschließlich ein Audio ihrer Vorlesung. Das muss man akzeptieren", sagt Scheidig. Bei weiteren Investitionen will die Hochschule künftig ein Augenmerk auf Fortbildungen in der Didaktik der digitalen Lehre legen. Zudem sollen besonders innovative Konzepte gefördert werden.

Für Biologie-Student Maximilian Osthoer hat die Situation deshalb auch ihre positive Seite: "In Sachen Digitalisierung sind wir bislang Entwicklungsland - jetzt können wir aufholen. Professoren, die sich vorher geweigert haben, müssen ihre Skripte nun auch online veröffentlichen." Aber sonst freut er sich auf den Tag, wenn er wieder einen vollen Hörsaal betreten darf. Genauso, wie Professor Axel Scheidig: "Der direkte, spontane Austausch, der fehlt schon sehr."

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