Philip Rosenstiel, Direktor am Institut für klinische Molekularbiologie, ist auf einem Monitor im Plenarsaal des Kieler Landtags zugeschaltet. ©  dpa-Bildfunk Foto: Axel Heimken

Corona-Stufenplan: Wo Experten raten nachzuschärfen

Stand: 19.02.2021 19:02 Uhr

Mehr als fünf Stunden lang haben die Abgeordneten des Landtags sich am Freitag von elf Experten beraten lassen. Es ging vor allem um die Corona-Lage - und den von der Landesregierung vorgeschlagenen Corona-Perspektivplan.

Von Daniel Kummetz

Kurz nach Beginn der Sitzung war jedoch etwas Thema, wozu die Abgeordneten nicht um Beratung gebeten hatten: die Form der Veranstaltung. Nicht wenige Abgeordnete waren vor Ort, andere zugeschaltet - genauso wie die meisten Experten. Dass so viele Menschen zusammenkommen, fand Virologe Helmut Fickenscher von der Uni Kiel merkwürdig. Er erinnerte an die Vorbildfunktion. Schließlich seien persönliche Treffen ja zu reduzieren. Sein Urteil: "Der öffentliche Eindruck ist nicht überzeugend." Landtagspräsident Klaus Schlie verwies auf die besonderen Möglichkeiten des Parlaments, für eine sichere Sitzung zu sorgen.

Die Hoffnung: Akzeptanz für Corona-Maßnahmen hoch halten

Deutlich besser kam die Idee des Stufenplans bei den Experten weg. Er regelt unter welchen Bedingungen welche Corona-Einschränkung zurückgenommen wird. Das Papier ist ein Vorschlag. Dass es eine Perspektive für Lockerung geben muss, da waren sich alle Experten einig - die Fachleute zu den Bereichen Medizin, Gesellschaft, Recht, Jugend genauso wie die, die etwas zur Wirtschaft zu sagen hatten. Einige von ihnen hatten zuvor auch schon die Ausarbeitung des Plans begleitet.

Die Hoffnung: Mit einer Orientierung, unter welchen Bedingungen es Lockerungen gibt, bleibt die Akzeptanz für die Corona-Maßnahmen in der Bevölkerung hoch. Das sei für den Erfolg der Pandemie-Bekämpfung enorm wichtig, sagte Jan Rupp, Leiter der Klinik für Infektiologie des UKSH Lübeck. Wenn die Akzeptanz der Maßnahmen in der Bevölkerung abnehme, sei das genau so schlecht, als wenn eine Variante ansteckender sei, sagte er. In den mathematischen Modellen zur Pandemie-Bekämpfung habe das ähnliche Effekte.

Amtsärztin: Strenge Kontaktbeschränkungen bis in der Herbst nötig

Dr. Alexandra Barth sitzt hinter einer Glasscheibe an einem Tisch mit Mikrofon.  Foto: Axel Heimken
Amtsärztin Alexandra Barth ist für einen strikten Kurs bei den Kontaktbeschränkungen.

Sehr konkrete und für jeden einzelnen spürbare Veränderungen in dem Plan schlug Neumünsters Amtsärztin Alexandra Barth vor. Sie riet dazu, die Kontakte auch bei niedrigeren Inzidenzen auf fünf Personen aus zwei Haushalten zu beschränken - "bis in den Herbst". Denn die Infektionen würden vor allem im privaten Bereich übertragen. "Ich sage ihnen heute, durch die Lockerungen der Kontaktbeschränkungen läuten wir die dritte Welle ein. Und wir müssen sehr aufpassen, dass sie kein Tsunami wird." Diese Erkenntnis hat für sie auch umgedrehte Schlussfolgerungen. Barth sagt: Der Einzelhandel könnte jetzt schon geöffnet werden. Auch die Gastronomie sei nicht mit hohem Risiko verbunden.

Fickenscher: Selbsttests noch in der Entwicklung

Virologe Fickenscher warnte die Abgeordneten deutlich vor zu großen Hoffnung in Antigentests. "Die aktuellen verfügbaren Selbsttests sind nur mäßig gut", sagte er. Selbsttests seien noch in der Entwicklung. Dort müsse man sehr auf die Qualität achten. Er sieht die Gefahr, dass sonst die Gesundheitsämter mit falsch-positiven Tests überflutet werden. Auch der Chef der LungenClinic Großhansdorf mahnte, "bitte, bitte, bitte die Tests klug einzusetzen".

Amtsärztin Barth berichtete von zwölf falsch-positiven Tests in einem Pflegeheim in der vergangenen Woche. Bis zum Vorliegen der genaueren PCR-Tests, die den Verdacht in keinem Fall bestätigten, habe es viele Maßnahmen in dem Haus gegeben - was ihrer Behörde viel unnötige Arbeit gemacht habe. In so einem Fall könne man kein Risiko eingehen. Aber klar war: Mehr solcher Fehlalarme möchte sie nicht haben. Alle Mediziner verwiesen aber darauf, dass es zurzeit freie Kapazitäten für PCR-Tests in den Laboren gebe. Ihr Vorschlag: Die sollten genutzt werden.

Auslandsreisen - Auslöser der zweiten Welle?

Prof. Dr. Helmut Fickenscher, Leiter Institut für Infektionsmedizin an der Uni Kiel blickt in die Kamera. © NDR Foto: Pavel Stoyan
Hält Auslandstourismus für problematisch: der Kieler Virologe Helmut Fickenscher.

Sowohl Fickenscher als auch Barth bewerteten vor allem den Auslandstourismus als Problem. Den Umgang mit den Reiserückkehrern zu regeln, habe man im letzten Jahr verschlafen zu regeln, sagte Amtsärztin Barth. Fickenscher nannte diese Form des Reisens "die echte Ursache für die zweite Welle". Barth verwies auch darauf, dass Ausnahmen angeschaut werden müssten: "Wer zurzeit weniger als 72 Stunden in einem ausländischen Risikogebiet ist, muss sich nicht in Quarantäne begeben. Das ist quatsch", sagte sie. "Das Virus braucht keine 72 Stunden."

Psychiaterin: Auflagen für Singles besonders hart

Kamila Jauch-Chara, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), verwies darauf, wie hart die aktuellen Kontaktbeschränkungen für die Menschen sind, welche psychischen Auffälligkeiten in Studien festgestellt worden sind. "Der Mensch wird nie glücklich und zufrieden sein, wenn er nur einen Ansprechpartner hat", sagt sie. Sie machte auf eine Gruppe aufmerksam, die solche Regeln besonders trifft - und über die selten gesprochen werde: die Singles. Immerhin 17,8 Millionen Menschen in Deutschland lebten allein, sagte Jauch-Chara. Auch für sie fordert sie, rasch die Kontaktbeschränkungen so zu verändern, dass das Treffen zweier Haushalte möglich ist. Um die Probleme von Kindern anzugehen, rät sie dazu, dass die Themen Corona, Einsamkeit und Ängste in der Schule angesprochen werden.

Ein Freizeitangebot pro Woche für Jugendliche gefordert

Emma-Louisa Döhler, Vorsitzende des Jungen Rats Kiel, Landeshauptstadt Kiel in einem Videostream. © LandtagSH Streaming
Fordert ein Freizeitangebot pro Woche für Jugendliche: Emma Döhler vom Jungen Rat Kiel.

Dass Kinder und Jugendlichen extrem viel zugemutet werde, betonten auch Emma-Louisa Döhler, die Vorsitzende des Jungen Rats der Stadt Kiel und Gunda Voigts, Professorin für Soziale Arbeit an der HAW Hamburg. Döhler beklagte, dass für Kinder und Jugendliche zurzeit "alles wegfällt". Hobbys seien wichtig für Psyche und Geist. Deshalb fordert sie, einmal wöchentlich ein Freizeitangebot für Kinder und Jugendliche zu ermöglichen. "Uns muss jetzt geholfen werden." Voigts wünschte sich generell eine stärkere Berücksichtigung von Kinder und Jugendlichen in dem Stufenplan, ihre Lebenswelt komme zu wenig vor. Dabei sei in Kinderrechtskonventionen klar geregelt, dass das Interesse von Kindern und Jugendlichen vorrangig zu berücksichtigen sei bei allen Entscheidungen. "Wir Erwachsenen können abwarten, das ist bei Jugendlichen und Kindern ganz anders", erklärte sie.

Felbermayr: Lasten wahnsinnig ungleich verteilt

Dass das aber ganz schön strapaziert wurde bei Unternehmen, die auf Corona-Hilfen vom Staat warten, war auch Thema bei der Befragung von Gabriel Felbermayr, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. "Wahnsinnig ungleich verteilt" seien die Lasten der Krisen bei Menschen und Unternehmen, sagte Felbermayr. Die Unterstützung der Unternehmen, die er lieber Kompensation nennen würde, hält er für schlecht designt: Dass man sich an Fixkosten und Umsatz orientiere, helfe nicht den Unternehmen, sondern den Banken, Leasing- und Immobiliengesellschaften.

Am Ende müssen die Abgeordneten also die Interessen wieder abwägen - keine einfache Aufgabe. Sowohl Mediziner Rabe als auch Sozialpädagogik-Professorin Voigts machten klar, dass sie das sehr schwer finden - und aus ihrer Sicht lieber beraten. "Ich möchte ihre Entscheidungen nicht treffen müssen", sagte Voigts in Richtung Politik.

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Philip Rosenstiel, Direktor am Institut für klinische Molekularbiologie, ist auf einem Monitor im Plenarsaal des Kieler Landtags zugeschaltet. ©  dpa-Bildfunk Foto: Axel Heimken

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 19.02.2021 | 20:00 Uhr

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