Viele Menschen stehen in einer Schlange auf dem Fußgängerweg am Schwedenkai in Kiel. © NDR Foto: Sabine Alsleben

Corona-Schnelltests vor Weihnachten: Großer Andrang in Kiel

Stand: 21.12.2020 11:43 Uhr

Viele versprechen sich ein sorgenfreies Weihnachtsfest dank Corona-Schnelltests. Doch Wissenschaftler warnen vor einer trügerischen Sicherheit.

In Kiel und Bad Segeberg ist es seit Montag möglich, einen Antigen-Test zu machen - ohne einen Arzt zu besuchen. Das Interesse ist kurz vor Weihnachten offenbar groß: Ein Kieler Labor berichtet von Hunderten Anfragen in den vergangenen Tagen. Am Montagvormittag bildete sich vor dem Corona-Mobil am Schwedenkai in Kiel eine lange Warteschlange, die teilweise mehr als 100 Meter über den Gehweg verlief. Zwischen den Wartenden stand auch Marvin Spettel, der erklärte, warum ihm der Test so wichtig ist: "Einfach um seine Familienmitglieder für Weihnachten zu schützen." Doch man sollte sich nicht in Sicherheit wähnen, wissen Experten: Die Ergebnisse der Schnelltests könnten möglicherweise falsch sein - und seien nicht hundertprozentig verlässlich.

Mediziner warnt: Antigen-Tests nicht so sicher wie PCR-Tests

Der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Thomas Maurer blickt kritisch auf die Idee, sich mit einem negativen Antigen-Testergebnis unbekümmert mit der Familie zu treffen. Ein Antigen-Test in dieser Form erinnert der von der Handhabung an einen Schwangerschaftstest und liefert innerhalb kürzester Zeit ein Ergebnis. Er misst, wie hoch die Viruskonzentration im Sekret aus dem Nasenrachenraum ist. Laut Maurer ist er aber ungenauer als ein PCR-Test - ein sogenannter Polymerase-Test, dessen Probe aufwendiger in einem Labor untersucht wird.

Experte befürchtet Überlastung der Gesundheitsämter

Falsche Ergebnisse bei einem Antigen-Schnelltest seien wahrscheinlicher als bei einem PCR-Test, meint Maurer. "Bei Patienten, die keinerlei Symptome haben und höchstwahrscheinlich nicht krank sind, erwarten wir eher falsch-positive als falsch-negative Ergebnisse", erklärt der Mediziner, "das heißt, wir werden mit einem relativ hohen Prozentsatz positive Testergebnisse haben, die dann am Ende, wenn man sie überprüft, gar nicht positiv waren." Auch der Kieler Virologe Helmut Fickenscher zweifelt an der Zuverlässigkeit der Tests. Er befürchtet, dass falsch-positive Ergebnisse bei den Massentests die Gesundheitsämter zusätzlich belasten könnten.

Test lieber professionell machen lassen als in Eigenregie

Laut Robert Koch Institut können Antigen-Tests eine sinnvolle Ergänzung für PCR-Tests darstellen, wenn in der akuten Phase der Infektion schnell "vorsortiert" werden muss. Das heißt: Hat eine Person ein positives Antigen-Testergebnis, kann dies mit einem PCR-Test nachgeprüft werden. Dabei sei es aber wichtig, dass der Test professionell durchgeführt wird, am besten durch geschultes Personal. Das Abstrich-Stäbchen muss durch die Nase tief in in den Rachenraum hinein - für die meisten ein unangenehmes Gefühl, und wer nicht geübt ist oder es bei sich selbst durchführt, riskiert, die Probe nicht richtig genommen zu haben. Der Geschäftsführer des Kieler Labors Krause, Thomas Lorentz, unterstreicht dies: "Wir können hier wenigstens richtig abstreichen." Das würde den Unterschied in der Genauigkeit zwischen Antigen- und PCR-Tests zwar nicht aufheben - "aber es ist besser, als wenn die Leute das zu Hause machen." Daher raten die Experten davon ab, sich online Schnelltests zu besorgen und sie selbst anzuwenden.

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Antigen-Tests liefern Momentaufnahme

Die Experten raten aber vor allem dazu, weiterhin Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten - unabhängig von den Tests. "Einfach symptomlose Patienten reihenweise zu testen, bei denen gar kein konkreter Anlass besteht, ist nach wissenschaftlichem Stand wenig sinnvoll", sagt Maurer. Ein solcher Anlass könnte der Besuch eines Risikopatienten sein, zum Beispiel im Pflegeheim - das unterstreicht auch der Virologe Christian Drosten. "Der Test misst einfach, wie viel Virus da ist - egal, ob der Patient Symptome hat oder nicht", sagt Drosten. Doch es sei wichtig zu beachten, dass dies nur eine Momentaufnahme sei. "Solange man dieses Fenster kurzhält, ist das alles vollkommen in Ordnung. Da kann man dann schon bei einem negativen Ergebnis davon ausgehen, dass da einfach kein Virus ist", sagt der Virologe im Coronavirus-Update. Dass das auch noch am Folgetag der Fall ist, davon könne man aber keinesfalls ausgehen.

In Kiel werden die Tests in einer mobilen Teststation am Schwedenkai angeboten, in Bad Segeberg in der Sporthalle der Burgfeldschule. Am Mittwoch, 23. Dezember, bietet auch der Kreis Rendsburg-Eckernförde eine Testaktion für alle Bewohner im Alter von 10-30 Jahren an - von 12 bis 18 Uhr in der Sparkasse am Röhlingplatz in Rendsburg.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 21.12.2020 | 08:00 Uhr

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