Virologe Dr. Helmut Fickenscher sitzt in einem Labor bei einem Interview. © NDR

Corona: Fickenscher sieht gute Chancen für Eindämmung in SH

Stand: 30.12.2020 19:09 Uhr

Die Corona-Infektionszahlen sind beinahe überall im Land rückläufig. Sind das die ersten Anzeichen, dass der Lockdown Wirkung zeigt? Der Kieler Infektionsmediziner Professor Helmut Fickenscher beantwortet die wichtigsten Fragen dazu.

Wenn man den 7-Tage-Inzidenz-Wert in Schleswig-Holstein sieht, dann sinken die Zahlen aktuell. Sind das schon die Auswirkungen des Lockdowns, oder wie kann man das deuten?

Helmut Fickenscher: Insgesamt ist das momentan noch ein bisschen heterogen. Unter Normalbedingungen - ohne Weihnachten und Silvester - wird man davon ausgehen, dass der Effekt schon deutlich zu sehen ist. Aber natürlich ist es überlagert von der Situation, dass an Weihnachten nicht so viele Arztpraxen offen haben und sich viele Leute dann möglicherweise doch nicht aufmachen zum Arztbesuch und zur Diagnostik. Aber wenn man es im Zeitverlauf anguckt, sind regelmäßig auch wirklich Daten übermittelt worden. Es wird sich allerdings erst Ende nächster Woche beurteilen lassen, ob da noch Feiertagseffekte drin sind oder ob es sich um einen echten Rückgang handelt.

Heißt dass, wir können jetzt beruhigt Silvester feiern?

Fickenscher: Das heißt, wir brauchen dieselben Maßnahmen weiterhin. Wir brauchen die Kontaktminimierung. Und wir brauchen eben den Schutz durch eine Mund-Nasen-Bedeckung oder durch eine Mund-Nasen-Maske. Dann gibt es genug begründete Hoffnung, dass die Fallzahlen rückläufig sind. Bis wir aber bundesweit auf niedrigsten Niveaus angekommen sind, wird es noch längere Zeit dauern.

Sind denn die zuletzt steigenden Ausbruchszahlen in Alten- und Pflegeheimen die großen Probleme?

Fickenscher: Das ist derzeit die ganz wesentliche Gefährdung. Die Pandemie hat den Weg in die Altersheime zurückgefunden. Der Anteil der hochbetagten Personen ist ganz beachtlich geworden und das ist aktuell die ganz besondere Bedrohung, die uns auch alle zwingt, sehr diszipliniert zu sein.

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Ein bestimmter Anteil der Bevölkerung muss immun sein, damit sich der Covid-Erreger nicht weiter verbreiten kann. Die WHO und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn streben eine Impfquote von 60 Prozent an. Aber warum reichen bei Corona 60 Prozent, während bei Masern eine Durchimpfung von 95 Prozent erforderlich ist?

Fickenscher: Das Masern-Virus ist extrem ansteckend und im Vergleich ist das Sars-Cov-2 doch wesentlich milder. Aber wir sehen ja, die üblichen Maßnahmen reichen immer noch nicht aus, um das Virus in Schach zu halten. Also benötigen wir so schnell wie möglich eine so umfassende Impfquote wie nur irgendwie möglich. Dazu wird meiner Ansicht nach eine Impfpflicht überhaupt nicht helfen. Das würde nur zu Befremden führen. Da fühlt man sich bevormundet.

Aktuell sind manche Personen noch zurückhaltend, die Impfungen sind erst seit ein paar Tagen in Betrieb. Da ist eine Zurückhaltung auch ganz naheliegend. Aber die Personen, die besonders gefährdet sind, haben derzeit ein extrem hohes Interesse daran. Die möglichen Impftermine waren für Schleswig-Holstein binnen weniger Stunden schon ausgebucht. Es wird auch noch eine ganze Weile dauern, bis die besonders hochbetagten und die anderen, besonders gefährdeten Personen in der ersten Kategorie geimpft sein werden. Aber wenn wir es schaffen, bis Spätherbst kommenden Jahres eine Durchimpfungsrate von mindestens 60 Prozent und hoffentlich vielleicht 80 Prozent zu schaffen, dann könnte es sein, dass wir im nächsten Winter die derzeitigen Probleme nicht mehr haben.

Ist denn aktuell sicher, dass Geimpfte das Virus nicht weitertragen können?

Fickenscher: Man würde es vermuten oder erhoffen, aber tatsächliche Daten dazu gibt es noch nicht. Das kommt eben jetzt darauf an, wie sich die Situation zeigt, wenn viel mehr Leute - nicht nur europaweit, sondern weltweit - geimpft werden. Und darum werden wir in den nächsten Wochen und Monaten immer präzisere Angaben dazu kennenlernen.

Kann man eine dritte Welle verhindern?

Fickenscher: Man kann dritte Wellen oder viele Wellen erzeugen, indem man eben reingeht und rausgeht aus den Lockdown-Maßnahmen. Das Rausgehen im Mai, Juni war völlig gerechtfertigt, allerdings in manchen Aspekten möglicherweise eher zu mutig. Gerade durch den Tourismus gab es enorm viele Einträge und auch durch die Feierkultur. Da wird man sich für den kommenden Sommer doch noch ein paar neue Gedanken machen müssen.

Die dritte Welle kriegen wir eben vor allem dann, wenn wir zu stark lockern. Und wenn man eben, wie in manchen anderen Ländern aus ökonomischen Gründen, rausgeht, dann braucht man eben kurz darauf den nächsten Lockdown. Einen Zwischenweg zu finden ist sehr, sehr schwierig und hängt eben von vielen unbekannten Faktoren ab, die man nicht planen kann.

Was ist denn Ihre Hoffnung?

Fickenscher: In Schleswig-Holstein sehe ich die Chancen recht günstig, dass wir auch in einem übersichtlichen Zeitraum zu deutlich niedrigeren Fallzahlen kommen. Aber bis das bundesweit so ist, zum Beispiel auch in Sachsen, wird es noch längere Zeit dauern. Und wird man jetzt unterschiedlich stark in Deutschland Lockerungen durchführen, wird das sozusagen die Einladung an das Virus sein, in den Norden zu kommen. Das kann eben auch nicht unser Ziel sein. Und darum ist ein abgestimmtes Verfahren weiterhin notwendig. Natürlich sind regionale Unterschiede irgendwo wichtig, aber nicht für die Grundsatzentscheidung

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Schleswig-Holstein Magazin | 30.12.2020 | 19:30 Uhr

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