Eine Hand hält einen Corona-Impfstoff von AstraZeneca.

AstraZeneca: Garg will keine "Bauch-Entscheidungen"

Stand: 16.03.2021 19:05 Uhr

Nach dem Aussetzen der AstraZeneca-Impfungen gegen das Coronavirus hofft Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Garg auf eine schnelle Entscheidung der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA).

In Schleswig-Holstein werden in dieser Woche keine Impfungen mit AstraZeneca stattfinden. Laut Gesundheitsministerium wurden bis inklusive Freitag 11.520 Termine abgesagt. Er plane nicht, wie etwa in Hamburg, stattdessen kurzfristig Impfungen mit anderen Impfstoffen möglich zu machen, sagte Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) - auch wenn er die Enttäuschung über abgesagte Termine gut nachvollziehen könne. Einen kurzen Zeitraum könne zwar auch das nördlichste Bundesland mit anderen Impfstoffen überbrücken, so der Minister, "aber es nützt ja nichts, mit Zitronen zu handeln". Dauerhaft würde es kein Land schaffen, die derzeitige AstraZeneca-Lücke mit anderen Impfstoffen zu füllen, sagte Garg. Er sprach angesichts des vorläufigen Impfstopps von AstraZeneca von einem "Nackenschlag". Alle Bundesländer hätten ihre Impfkampagnen auf die drei zugelassenen Impfstoffe - neben AstraZeneca jene von Biontech und Moderna - ausgerichtet.

"Nicht irgendwelche politisch motivierten Bauchentscheidungen"

Er gehe davon aus, "dass die EMA sehr intensiv und ergebnisoffen prüfen wird, ob der Impfstoff wieder verimpft werden soll - oder beispielsweise nicht oder auch nur eingeschränkt", sagte Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister über das Präparat von AstraZeneca. Die Politik sei mehr denn je in dieser Pandemie darauf angewiesen, Entscheidungen auf Basis der fachlichen Empfehlung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu treffen - "und nicht irgendwelche politisch motivierten Bauch-Entscheidungen".

Zweitimpfungen: Bei schneller Freigabe soll es unkompliziert werden

Wer schon eine erste Impfung mit dem Impfstoff des schwedisch-britischen Pharmakonzerns erhalten hat, sollte laut Garg noch am Dienstag (16.3.) angeschrieben werden. Sollte die EMA den Impfstoff schnell wieder freigeben, werde man für die Betroffenen eine unkomplizierte Lösung finden, so der Gesundheitsminister. Aufgrund vieler AstraZeneca-Dosen hatte Schleswig-Holstein zuletzt die Impf-Terminvergabe für die Prioritätsgruppe 2 geöffnet. Wer im Zuge dieses Vergabe-Verfahrens einen Termin gebucht hat, soll laut Gesundheitsministerium per E-Mail über das weitere Vorgehen informiert werden, wenn klar ist, wie die EMA den AstraZeneca-Impfstoff bewertet.

Wie groß sind die Auswirkungen auf die Impfkampagne in Deutschland?

Sollte die EMA den Impfstoff aus dem Verkehr ziehen, würde sich das laut Garg auf die Impfkampagne auswirken. "Die Liefermengen von Biontech würden in den nächsten Wochen nicht im gleichen Maße hochgehen wie das, was von AstraZeneca ausfallen würde", sagte der Minister. Selbst wenn der AstraZeneca-Impfstoff über längere Zeit nicht verimpft werden dürfte, sei das Vorhaben der Bundesregierung, bis zum Ende des Sommers allen Willigen eine Impfung anzubieten, in Gefahr, sagte der FDP-Politiker. Ohne neue Zulassungen in den nächsten Wochen würde ein Stopp oder eine große Verzögerung des Impfens mit dem AstraZeneca-Präparat die Impfgeschwindigkeit herabsetzen, sagte Garg.

Garg: Vertrauen zurückzugewinnen wird ein hartes Stück Arbeit

Insgesamt befinde man sich in einer schwierigen Phase, erklärte Garg. Aber Sicherheit gehe vor. Jetzt gelte es, Vertrauen zurückzugewinnen. Das werde ein hartes Stück Arbeit, so der Gesundheitsminister. Denn die Skepsis gegenüber AstraZeneca sei schon vorher groß gewesen - ob nun berechtigt oder nicht. Nach Impfungen mit dem Impfstoff von AstraZeneca hatte es vergleichsweise viele Berichte über Nebenwirkungen gegeben. Zudem war der Impfstoff zunächst nur für unter 65-Jährige zugelassen worden. Später änderte die Ständige Impfkommission (Stiko) ihre Meinung diesbezüglich. "Da ist so ziemlich alles schief gelaufen, was man kommunikativ in den Sand hat setzen können", erklärte Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister.

Weitere Informationen
Mehrere Verpackungen des Impfstoffes von AstraZeneca. © picture alliance/dpa/PA Wire | Gareth Fuller Foto: Gareth Fuller

Schleswig-Holstein sagt Impftermine mit AstraZeneca-Impfstoff ab

Deutschland setzt AstraZeneca-Impfungen aus. Auch in Schleswig-Holstein wurden jetzt alle Erst- und Zweitimpfungen gestoppt. mehr

Meldungen über Blutgerinnsel: AstraZeneca-Termine vorerst gestoppt

Die Corona-Impfungen mit dem Impfstoff des Konzerns AstraZeneca waren am Montag für ganz Deutschland zunächst vorsorglich gestoppt werden. Die Bundesregierung folgte damit einer Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts. Das Bundesinstitut ist in Deutschland für Impfstoffe zuständig. Vorausgegangen waren neue Meldungen von Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung.

Die sieben Fälle von Hirnerkrankungen betrafen nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts von Dienstag Menschen zwischen etwa 20 und 50 Jahren. In sechs Fällen seien Frauen in jüngerem bis mittlerem Alter betroffen gewesen. Alle Fälle seien zwischen 4 und 16 Tagen nach der Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff aufgetreten, hieß es in einer Mitteilung des Instituts.

Paul-Ehrlich-Institut: Eine sehr seltene potenzielle Nebenwirkung

Alle zur Einschätzung herangezogenen Expertinnen und Experten seien einstimmig der Meinung gewesen, dass hier ein Muster zu erkennen und ein Zusammenhang der gemeldeten Erkrankungen mit der AstraZeneca-Impfung "nicht unplausibel" sei, so das Institut. Und weiter: "Etwa ein Fall wäre zu erwarten gewesen, sieben Fälle waren gemeldet worden." Klar müsse aber sein, dass es sich bei sieben Betroffenen unter insgesamt 1,6 Millionen Geimpften um eine sehr seltene potenzielle Nebenwirkung handelt. Auch von der Anti-Baby-Pille seien Thrombosen als sehr seltene Nebenwirkung bekannt.

Videos
Dr. Stephan Ott, Infektiologe.
1 Min

Corona-Lagezentrum hat "die Leute erst mal beruhigt"

Stephan Ott leitet das Zentrum im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Dort glühten nach dem AstraZeneca-Impfstopp die Telefonleitungen. 1 Min

Gesundheitsminister Garg betonte, ein mulmiges Gefühl nach einer Impfung mit AstraZeneca sei im Moment "nachvollziehbar". Nichtsdestotrotz müsse sich angesichts von sieben Vorfällen bei 1,7 Millionen verimpfter Dosen "nicht jede und jeder Sorgen machen".

Die sieben erfassten Betroffenen hatten sich nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) auch Tage nach der Impfung weiter unwohl gefühlt und gesteigerte Kopfschmerzen gehabt. Menschen, die sich mehr als vier Tage nach der AstraZeneca-Impfung zunehmend unwohl fühlen - mit starken und anhaltenden Kopfschmerzen oder punktförmigen Hautblutungen - sollten sich unverzüglich in ärztliche Behandlung begeben, rät das PEI.

EMA-Chefin Emer Cooke: Situation wie diese ist nicht unerwartet

Die EMA will am Donnerstag eine Einschätzung zu möglichen Risiken und zur weiteren Verwendung abgeben. Bis zum Abschluss der laufenden Untersuchungen halte man den Nutzen des Corona-Impfstoffs von AstraZeneca für größer als die Gefahren, sagte EMA-Chefin Emer Cooke am Dienstag. Sie betonte, dass eine Situation wie diese nicht unerwartet sei. Wenn man Millionen Menschen impfe, sei es unausweichlich, dass man seltene oder ernsthafte Vorkommnisse von Erkrankungen habe, die nach der Impfung auftreten.

Die EMA prüfe nun, ob dies tatsächlich eine Nebenwirkung sei oder Zufall, so Cooke. Es brauche dazu eine wissenschaftliche Bewertung. "Wir müssen die Fakten zuerst haben." Vorher könne man nicht zu einer Schlussfolgerung kommen.

Weitere Entscheidungen in Schleswig-Holstein "hoffentlich Freitag"

Abhängig vom Ergebnis der EMA sei "hoffentlich Freitag" mit weiteren Entscheidungen und Planungen auch auf Länderebene zu rechnen, teilte Schleswig-Holsteins Gesundheitsministerium mit. Im nördlichsten Bundesland wurden laut Robert Koch-Institut bisher gut 65.000 Impfdosen von AstraZeneca gespritzt, fast ausschließlich als Erstimpfung. Er gehe bislang davon aus, dass der Impfstoff seine Zulassung behalten wird, sagte Minister Garg. Doch die Entscheidung der EMA müsse abgewartet werden.

Weitere Informationen
Zwei Senioren gehen durch das Impfzentrum in den Messehallen zu ihrer Impfung. © picture alliance / dpa Foto: Christian Charisius

AstraZeneca-Impftermine: Hamburg will Ersatz anbieten

Wer schon einen Impftermin hatte, soll einen anderen Impfstoff bekommen. Neue Impftermine wird es erstmal nicht geben. mehr

Ein Virus schwebt vor einer Menschenmenge (Fotomontage) © panthermedia, fotolia Foto: Christian Müller

Coronavirus in SH: Videos, Infos, Hintergründe

Hier finden Sie Videos, Informationen und Hintergründe zum Coronavirus Sars-CoV-2 in Schleswig-Holstein. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 16.03.2021 | 17:00 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Zwei Mitarbeiter stehen in Schutzkleidung im Flur der Intensivstation des UKSH. © NDR Foto: Cassandra Arden

Wie ist die Situation auf der Covid-19-Intensivstation?

Das Impftempo nimmt zu, die Inzidenzen sinken. Wie wirkt sich das auf die Covid-19-Intensivstation am UKSH in Kiel aus? mehr

Videos