Bundestagswahl in SH: SPD mit 28,0 Prozent stärkste Kraft

Stand: 27.09.2021 12:34 Uhr

In Schleswig-Holstein ist die SPD als klare Siegerin aus der Bundestagswahl hervorgegangen. Die CDU verzeichnet zweistellige Verluste. Grüne und FDP halten sich alle Regierungsoptionen offen.

Im Bund zeichnete sich der Bundestagswahlsieg der SPD in der Nacht zu Montag vorsichtig ab - in Schleswig-Holstein war der Erfolg der Sozialdemokraten am Ende eindeutig. Nach dem vorläufigen Endergebnis des Landeswahlleiters ist die SPD im nördlichsten Bundesland mit 28,0 Prozent stärkste Kraft geworden, der Landeswahlleiter hate die Angaben am Morgen leicht um 0,1 Prozentpunkte nach unten korrigiert. Die CDU liegt demnach bei 22,0 Prozent. Für die SPD bedeutet dies im Vergleich zur Wahl 2017 ein Plus von 4,8 Prozentpunkten, für die Union hingegen ein Minus von 12 Punkten. Die SPD gewann auch acht der elf Direktmandate, nur zweimal lag die CDU vorne.

Die vorläufigen Endergebnisse der Bundestagswahl 2021 in Schleswig-Holstein. © Infratest dimap
Das vorläufige Ergebnis des Landeswahlleiters für die Bundestagswahl 2021 in Schleswig-Holstein.

Die Grünen kommen laut dem vorläufigen Endergebnis auf 18,3, die FDP auf 12,5. Das Ergebnis der AfD wurde von 6,7 auf 6,8 nach oben korrigiert. Der SSW, der aufgrund einer Sonderregel für nationale Minderheiten von der Fünf-Prozent-Hürde befreit ist, kommt demnach auf 3,2 Prozent - und darf nach über 60 Jahren wohl wieder einen Abgeordneten in den Bundestag entsenden. Die Linke erreicht in Schleswig-Holstein 3,6 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag mit 78,3 Prozent höher als vor vier Jahren (76,3 Prozent).

SPD oder Union - wer zieht ins Kanzleramt ein?

Der Kampf ums Kanzleramt blieb bei einem Blick auf die bundesweiten Zahlen spannend. Nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis des Bundeswahlleiters kommt die SPD auf 25,7 Prozent, CDU und CSU kommen zusammen auf 24,1 Prozent. Die Grünen liegen bei 14,8 Prozent. Die FDP erreicht 11,5, die AfD 10,3 Prozent. Die Linke muss mit vorraussichtlich 4,9 Prozent um den Einzug in den Bundestag bangen. Die anderen Parteien kommen auf 8,7 Prozent.

Politikwissenschaftler Knelangen: Lange Verhandlungen

Politikwissenschaftler Prof. Dr. Wilhelm Knelangen von der Universität Kiel sagte angesichts des engen Wahlergebnisses bereits kurz nach Bekanntwerden der ersten Prognose, dass die Bürgerinnen und Bürger an diesem Sonntag "sicher nicht erfahren werden, wie Deutschland in den kommenden vier Jahren regiert wird". Dazu seien zu viele Koalitionen möglich. Vor allem stehe die Frage im Raum, wer den Kopf der neuen Regierung stelle - ob Olaf Scholz (SPD), Armin Laschet (CDU) "oder vielleicht sogar jemand anderes aus der CDU - all das ist ja noch ein bisschen im Spiel", sagte Knelangen.

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Prof. Dr. Wilhelm Knelangen in einem Studiogespräch im Landesfunkhaus Schleswig-Holstein in Kiel. © NDR
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Politikwissenschaftler Knelangen: Lange Verhandlungen

Politikwissenschaftler Prof. Dr. Wilhelm Knelangen von der Universität Kiel analysiert im Interview die ersten Hochrechnungen zur Bundestagswahl. 5 Min

Schlüsselrollen dürften Grünen und FDP zufallen, um Mehrheiten zu bilden. "Sie sollten sich erst mal einigen, mit wem sie denn zusammen regieren wollen", sagte Politologe Knelangen. Sowohl die sogenannte Ampel (SPD, Grüne, FDP) als auch eine Jamaika-Koalition (CDU, Grüne, FDP), wie es sie derzeit in Schleswig-Holstein gibt, seien möglich.

Grüne und FDP halten sich alle Optionen offen

Die Landeschefs Steffen Regis (Grüne) und Heiner Garg (FDP) gratulierten sich gegenseitig - wollten sich die Koalitionsoptionen gegenüber NDR Schleswig-Holstein aber offenhalten. Regis betonte, in Berlin eine klimaschützende Regierung auf die Beine stellen zu wollen: "Wir werden sehen, mit welcher Partei wir das am besten hinkriegen können." Die Jamaika-Koalition in Schleswig-Holstein funktioniere gut, "weil wir verlässlich und vertrauensvoll miteinander regieren - aber auch versuchen, uns auf die Positionen der anderen einzulassen", sagte Regis.

Auch Garg betonte, dass ein Bündnis nur funktioniere, wenn man auf Augenhöhe miteinander verhandele und dann auch regiere. Als Gesundheitsminister in einer funktionierenden Jamaika-Koalition präferiere er diese aber auch im Bund. "Unser Land braucht dringend einen Regierungswechsel, um die drängendsten Probleme endlich anzugehen", sagte Garg.

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Heiner Garg (FDP): "Eine Koalition funktioniert nur auf Augenhöhe"

Schon im Vorfeld der Wahl standen Grüne und FDP im Fokus, wenn es um mögliche Regierungsbündnisse in Berlin geht. 8 Min

Stegner sieht Regierungsauftrag, für Günther ist "Jamaika" möglich

Der langjährige SPD-Fraktionschef im Landtag, Ralf Stegner, sieht einen klaren Regierungsauftrag für seine Partei und Kanzlerkandidat Olaf Scholz. Der rote Balken sei nach oben gegangen, der schwarze Balken auf Rekordtief. Stegners Nachfolgerin im Landtag, Serpil Midyatli, sprach angesichts der Zahlen für die SPD vom "politischen Comeback des Jahres". Vor zwölf Monaten habe die Union noch 20 Prozentpunkte vor der SPD gelegen. Auch Midyatli formulierte einen Regierungsanspruch für die SPD. Olaf Scholz habe bewiesen, dass er Verantwortung übernehmen kann.

CDU-Landeschef und Ministerpräsident Daniel Günther sprach von "keinem guten Ergebnis für die Union", daran dürfe man an so einem Wahlabend nicht vorbeireden. Ein Wahlergebnis um die 25 Prozent wäre das historisch schlechteste für die Union. "Wir merken, was wir an Angela Merkel als Amtsinhaberin hatten, die mit einem Bonus in die vergangenen Wahlen gegangen ist", erklärte Günther.

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Moderatorin Julia Stein spricht im Interview mit SPD-Landesvorsitzenden Serpil Midyatli über die ersten Hochrechnungen zur Bundestagswahl. 3 Min

2017 hatten CDU und CSU noch 32,9 Prozent der Stimmen bekommen. Eine Mehrheit von SPD, Grünen und Linken sei 2021 jedoch verhindert worden, so Günther, "und jetzt ist auch Jamaika möglich, dafür habe ich immer geworben - auch auf Bundesebene". Zukunftsthemen wie der Klimawandel könnten von einer solchen Koalition gut aufgegriffen werden. "Grüne und FDP werden nun Verantwortung übernehmen müssen", forderte Günther.

Grüne: Amtsberg sieht "erstaunlichen Zuwachs"

Die Grünen empfänden den politischen Auftrag, sich politisch einzubringen in den kommenden vier Jahren, sagte die schleswig-holsteinische Spitzenkandidatin der Grünen, Luise Amtsberg. Man sei aber nicht dort gelandet, "wo wir gestartet sind", sagte sie mit Blick auf die deutlich besseren Umfrageergebnisse der Grünen im Frühjahr, aber der Zuwachs im Vergleich zu 2017 sei schon erstaunlich. Damals waren die Grünen bundesweit auf 8,9 Prozent gekommen. Es gehe in die richtige Richtung, so Amtsberg. Mit Annalena Baerbock eine Kanzlerkandidatin zu stellen, halte sie nach wie vor für die richtige Entscheidung. Dafür, dass es mit dem Einzug ins Kanzleramt nicht geklappt hat, werde es in der Nachlese sicherlich noch viele Begründungen geben, sagte die Grünen-Spitzenkandidatin.

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Daniel Günther im Studiogespräch mit Harriet Heise. © NDR
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Ministerpräsident Günther: "Ich werbe für Jamaika auf Bundesebene"

Moderatorin Harriet Heise spricht im Interview mit Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) über die ersten Hochrechnungen zur Bundestagswahl. 4 Min

Habeck holt erstes Direktmandat für die Grünen

Baerbock hatte sich innerparteilich als Kanzlerkandidatin gegen Robert Habeck durchgesetzt. Der 52-Jährige feierte am Wahlabend einen persönlichen Erfolg - und holte bei der Bundestagswahl erstmals ein Direktmandat für seine Partei. Laut vorläufigem Endergebnis gewann Habeck den Wahlkreis Flensburg-Schleswig mit 28,1 Prozent der Erststimmen vor Petra Nicolaisen (CDU, 23,4) und Franziska Brzezicha (SPD, 21,8). "Ich bin überwältigt von dem mir entgegengebrachten Vertrauen", erklärte Habeck. "Es ist ein Privileg den Wahlkreis 1, meine Heimat, als direkt gewählter Abgeordneter zu vertreten. Mit all meiner Kraft werde ich mich in Berlin für die Region einsetzen."

Kubicki: Grüne und FDP sollten als erstes miteinander reden

Wolfgang Kubicki, Spitzenkandidat der FDP in Schleswig-Holstein, zeigte sich in Feierlaune: "Es ist das erste Mal in der Geschichte unseres Landes, dass die FDP bei einer Bundestagswahl zwei Mal in Folge zweistellig wird. Jetzt wolle man das endgültige Ergebnis abwarten "und gucken, was geht". Dass es nun auf Grüne und FDP ankomme, "um eine Koalition des Fortschritts und der Zuversicht zu schmieden", mache ihn richtig froh, sagte Kubicki. Bei den Koalitionsverhandlungen in Schleswig-Holstein habe es sich 2017 bewährt, dass Grüne und FDP als erstes miteinander reden, "damit man uns nicht gegeneinander ausspielen kann".

Enttäuschung bei Linken und AfD in Schleswig-Holstein

Für die Linke, bislang mit zwei Abgeordneten aus Schleswig-Holstein im Bundestag vertreten, sprach Spitzenkandidat Lorenz Gösta Beutin angesichts von Hochrechnungswerten um die 5 Prozent von einer "Klatsche" für seine Partei. Man gucke dennoch, was möglich ist. Die Linke werde "als starke, soziale Kraft gebraucht werden".

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Bei der AfD in Schleswig-Holstein herrschte Enttäuschung. Spitzenkandidat Uwe Witt sagte, das Ergebnis spiegele nicht den Einsatz der AfD im Bundestag wider. Das Ergebnis habe sehr viel mit der überwiegend negativen Berichterstattung über die AfD zu tun. Außerdem, so Witt, müsse sich seine Partei auch selbst besser reflektieren und interne Streitigkeiten nicht mehr nach außen tragen.

SSW könnte erstmals seit rund 60 Jahren ein Mandat bekommen

Dass der SSW erstmals nach rund 60 Jahren wieder einen Abgeordneten im Bundestag stellt, galt in der Nacht zu Montag als sehr wahrscheinlich und ist nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis so gut wie sicher. Das sei sensationell, hatte Spitzenkandidat Stefan Seidler zuvor bei der Wahlparty in Flensburg gesagt. Dort war bei jeder Nennung des SSW in den Hochrechnungen Jubel aufgebrandet. Seidler kündigte bereits an, dass er mit allen demokratischen Parteien zusammenarbeiten würde. Er werde "aber auch die Stimme erheben und auf den Tisch hauen, wenn der Norden zu kurz kommt".

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SSW-Spitzenkandidat Seidler: "Sensationell für unsere Partei"

Stefan Seidler, Spitzenkandidat des SSW, äußert sich im NDR Interview zur wahrscheinlichen Rückkehr seiner Partei in den Bundestag nach mehreren Jahrzehnten. 4 Min

Wahlbeteiligung von 81,1 Prozent in SH

In Schleswig-Holstein waren so viele Menschen wie noch nie bei einer Bundestagswahl wahlberechtigt: 2,276 Millionen - 14.000 mehr als 2017. Die Wahlbeteiligung lag laut Landeswahlleiter mit 81,1 Prozent höher als vor vier Jahren mit damals 76,3 Prozent.

Hallig Langeneß: Stimmzettel-Urne wird verschifft

Die Urne mit den Stimmzetteln der Hallig Langeneß musste am Sonntagabend per Schiff zur Nachbarhallig Hooge zur gemeinsamen Auszählung mit den dortigen Stimmen gebracht werden. Dies teilte Hooges Bürgermeisterin Katja Just mit. Grund ist eine neue Bestimmung in der Wahlordnung: Demnach darf das Ergebnis nicht mehr im Wahllokal ausgezählt werden, wenn dort weniger als 50 Stimmzettel eingeworfen wurden. Das war auf Langeneß der Fall. Auf Hooge kamen hingegen ausreichend Stimmzettel zusammen. Die neue Regel soll das Wahlgeheimnis sichern.

CDU nach zehn Direktmandaten 2017 nun mit zwei

In Schleswig-Holstein standen 21 Parteien auf der Liste zur Wahl - neun mehr als 2017. 271 Kandidaten bewarben sich um ein Mandat in Berlin. In den elf Wahlkreisen standen insgesamt 119 Direktkandidaten zur Wahl - auch hier setzte sich die SPD klar durch. Vor vier Jahren hatte die CDU noch in zehn der elf Wahlkreise vorne gelegen - nun holte sie lediglich noch die Wahlkreise Nordfriesland/Dithmarschen Nord und Steinburg/Dithmarschen Süd.

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Olaf Scholz, Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat, geht nach der Berliner Runde des ZDF der Spitzenkandidaten und -kandidatinnen für die Bundestagswahl 2021 zu seinem Auto. © dpa-Bildfunk Foto: Wolfgang Kumm

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 27.09.2021 | 06:00 Uhr

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