Stand: 26.11.2019 05:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Wie Neumünster eine Hochschule aufbauen will

von Sebastian Parzanny

Eine Uhr, die längst stehen geblieben ist, daneben eine Tafel, auf der noch immer geschrieben steht, welcher Soldat hier als letzter Wache geschoben hat: So sieht es aus, vor einem der großen Gebäude auf dem Gelände der ehemaligen Hindenburg-Kaserne am Stadtwald Neumünster. Seit 2003 stehen die meisten der ehemaligen Bundeswehrgebäude leer. Wenn es nach Oberbürgermeister Olaf Tauras (CDU) und den beiden Unternehmern Peter Kessler und Jan-Peter Wingert geht, könnte hier schon bald der Campus Neumünster entstehen. Tauras hat die Ansiedlung einer Hochschule zur Chefsache gemacht.

Wie eine Kaserne zum Hochschulcampus werden könnte

Wie wird aus einer Stadt ein Hochschulstandort?

Doch wie bekommt man eine Hochschule in eine Stadt? Wie funktioniert das? "Wir führen viele Gespräche mit der Landesregierung", sagt Tauras. "Wir zählen die Argumente auf, die Neumünster zu einem attraktiven Hochschulstandort machen. Und natürlich braucht man die Infrastruktur. Die könnten wir zum Beispiel hier auf dem Gelände schaffen."

Kooperation mit anderen Hochschulen

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Oberbürgermeister Olaf Tauras will Neumünster zum Hochschulstandort machen.

Natürlich holt sich Neumünster außerdem Rat bei anderen Hochschulen, insbesondere bei den Fachhochschulen Westküste in Heide und Kiel. Ein gemeinsamer Kunstgriff könnte dafür sorgen, dass schon sehr bald junge Menschen in Neumünster studieren könnten: Offizieller Standort wäre dann Heide, zum Beispiel beim Studiengang Management und Technik mit der Fachrichtung Logistik, Neumünster wäre eine Außenstelle.

Die FH-Westküste erstellt gerade eine Bedarfsanalyse dazu, mit welchen Standorten eine Zusammenarbeit möglich wäre. Auch Neumünster wäre laut Pressestelle der Fachhochschule eine Option. Mit der FH Kiel könnte es ebenfalls eine solche Kooperation geben, zum Beispiel bei einem neuen Pflegestudiengang, der eingeführt werden soll.

Unternehmer stehen hinter der Idee

Peter Kessler ist einer der Unternehmer, die im Förderverein Hochschule Neumünster seit Langem die Werbetrommel für diese Ideen rühren. Der Verein hat mittlerweile Hunderte Mitglieder. Es sei einfach nötig, dass in Schleswig-Holstein noch mehr Studienplätze geschaffen werden, da immer mehr junge Menschen studieren wollten, sagt der Betreiber einer Agentur, die Fach- und Führungskräfte schult. "Kiel und Lübeck platzen aus allen Nähten, Neumünster hat eine optimale Lage. Außerdem gibt es immer mehr Unternehmen, die sich unserer Idee anschließen, weil sie Fachkräfte brauchen."

Der Logistiker Jan-Peter Wingert nickt zustimmend. Er ist Führungskraft in einer Spedition, die duale Studiengänge anbietet. Allerdings können die jungen Leute bisher nur den Praxisteil im Unternehmen bei ihm in der Firma absolvieren, weil die Hochschule vor Ort fehlt. Für die Theorie müssen sie nach Kiel. "Das würden wir gerne ändern, um Neumünster als Standort attraktiver zu machen", sagt er.

Junge Neumünsteraner sollen in der Stadt bleiben

Wingert kann sich gut in die jungen Leute hineinversetzen. Er zeigt in Richtung der Straße, die vor dem Kasernengelände verläuft: "Da bin ich als Kind immer mit dem Rad zur Schule lang gefahren. Ich komme direkt hier aus der Ecke von Neumünster. Gern hätte ich nach der Schule auch in meiner Heimatstadt studiert, dann wäre ich hier geblieben. Aber das ging ja leider nicht." Wingert studierte deshalb in Lübeck.

Viel Arbeit nötig für neuen Campus

Schließlich kommt ein Mann mit einem dicken Schlüsselbund die Treppe vor dem Kaserneneingang hoch: Henrik Büllner von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BimA) ist Hausmeister auf dem Areal. "Insgesamt stehen noch 22 der Gebäude leer. Einige sind wirklich gut erhalten, andere weniger. Aber Schimmel haben wir gar nicht - immerhin", lautet seine Einschätzung zur grundsätzlichen Tauglichkeit des Standorts als Hochschulgelände.

Karte: Standort der Hindenburg-Kaserne Neumünster

Büllner öffnet die Tür. Hinter ihm liegt ein langer, dunkler Gang. Links und Rechts davon gehen Räume ab. Einige machen einen sehr soliden Eindruck, in anderen fällt Putz von den Wänden oder ein Teil der Decke ist runtergekommen. Es ist das erste Mal, dass Peter Kessler und Jan-Peter Wingert die Räume betreten, auch der Oberbürgermeister war seit Jahren nicht hier. "Geeignet für einen Campus ist es von der Fläche her schon, aber es steht noch einiges an Arbeit an", lautet das Fazit von Wingert nach einem kurzen Rundgang.

Erste Studenten kommen wohl 2021

Trotzdem geht Wingert davon aus, dass die ersten Wirtschaftsingenieure schon 2021 in Neumünster studieren können - allerdings an anderer Stelle: "Unsere Gespräche mit der FH Westküste sind sehr konkret. Es werden zunächst vielleicht nur 30 bis 40 Studierende sein, aber das wäre schon ein Anfang. Bis das hier fertig ist, könnte unser Unternehmen Räume in einem Gewerbegebiet zur Verfügung stellen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 26.11.2019 | 08:00 Uhr

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