Wer sabotiert die Kläranlage Schlesen?

Stand: 23.06.2021 05:00 Uhr

Schlesens Bürgermeisterin Anja Funk ist sich sicher: Seit mehr als zwei Jahren wird die Kläranlage der Gemeinde sabotiert. Der oder die Täter sind unbekannt, das Motiv auch. Die Gemeinde, Polizei und Staatsanwaltschaft Kiel tappen im Dunkeln.

von Kai Peuckert

Das Prinzip der Kläranlage, die das Abwasser der etwa 1.200 Einwohner der Gemeinden Schlesen, Stoltenberg und Fahren (Kreis Plön) säubert, ist einfach: Fünf Teiche hintereinander, in jedem wird das Wasser gereinigt. Normalerweise sollte die Schadstoff-Belastung des Abwassers abnehmen, bevor es in die Salzau eingeleitet wird. Doch im Frühsommer 2019 fiel Klärwärterin Anja Wohlert etwas auf: "Da hatten wir das erste Mal Phosphat-Werte, die wirklich richtig drüber waren, über dem Einleitungswert", erklärt Wohlert.

Alle Teiche wurden durchgetestet

Die Gemeinde hat daraufhin die Anlage komplett überprüfen lassen, Pumpen wurden ausgetauscht und Leitungen gespült. Doch auch danach war der Phospat-Wert am Auslass der Kläranlage höher als am Einlass. "Bis wir dann die Teiche durchgetestet haben. Dabei ist aufgefallen, dass die Werte im vierten Teich höher waren als im dritten und im zweiten - und zwar deutlich höher", erinnert sich Wohlert. Dabei kann die Belastung des Wassers innerhalb des geschlossenen Systems eigentlich nicht wieder ansteigen. Wohlerts Schlussfolgerung: Es muss etwas eingeleitet worden sein. Ein Indiz für sie und Schlesens Bürgermeisterin Anja Funk (CDU): Im Gras wurden Abdrücke von Kanistern gefunden. Und es blieb nicht bei gestiegenen Phosphat-Werten. Mal nahm der Stickstoff-Gehalt, dann der pH-Wert zu. Für Bürgermeisterin Funk ist der Fall klar: Das ist Sabotage. Sie schaltete die Polizei ein.

Täter komme mehrmals pro Woche

Wohlert und Funk sagen, der Täter komme regelmäßig. "Alle zwei bis drei Tage wird hier eingeleitet. Wir sehen das an den Proben. Die sind hoch, dann geht es zwei Tage runter und spätestens am dritten Tag sind die Proben wieder schlecht", erzählt Funk. Außerdem wurden Überwachungskameras installiert: "Wir können auf den Kameras eindeutig Bewegungen an den Teichen sehen, in den Nächten. Die Werte steigen immer dann, wenn wir Bewegungen auf den Kameras sehen." Der Täter ist zwar zu sehen, aber nicht zu erkennen. Auf einem Foto einer Wildkamera sind aber markante Armtattoos zu erkennen. Die Polizei sicherte Spuren und fährt verstärkt Streife - bisher erfolglos. Oberstaatsanwalt Henning Hadeler bittet die Bevölkerung um Hinweise, wenn auffällige Fahrzeugbewegungen oder Personen auf der Anlage gesehen werden.

Klärteiche schwer zu überwachen

Die Kläranlage liegt im dünn besiedelten Bereich zwischen Schlesen und Stoltenberg und ist dort schwer zu überwachen. Wohlert und Funk haben dennoch Nachtwachen gehalten. Um nicht entdeckt zu werden, haben sie ihre Autos in einiger Entfernung abgestellt und sind im Dunkeln zur Anlage gelaufen. Der Täter oder die Täter kamen dann aber entweder gar nicht oder kurz nachdem die Frauen das Gelände verlassen hatten. Das belegen Videoaufzeichnungen und die schlechten Werte. "Das heißt: Wir sind definitiv beobachtet worden", schlussfolgert Funk.

Täter mit Fachkenntnissen

Die Bürgermeisterin ist überzeugt, dass da jemand vom Fach am Werk ist. Denn die Werte, die bei den Messungen herauskommen, sind zwar hoch, aber "sie sind immer noch im Rahmen, so dass man sagen kann, die Anlage läuft einfach nicht". Das hält Funk aber aufgrund der Proben aus den einzelnen Teichen für ausgeschlossen. Und noch etwas spricht für Funk dafür, dass da "Menschen mit Ahnung" handeln: "Es ist so, dass diese Werte in der Zeit manipuliert werden, in der auch die behördlichen Kontrollen stattfinden. Die sind alle zwei Monate, beginnen im März und gehen bis November. Danach wird nicht mehr eingeleitet."

Einbruch im Pumpenhaus

Die Sabotage-Aktionen beschränken sich nicht nur auf das Einleiten von Substanzen in die Teiche. Vor zwei Jahren ist jemand in ein Pumpenhaus eingestiegen und hat Malerfolie über zwei Kompressorpumpen gelegt - vermutlich mit dem Ziel, die Maschinen zu überhitzen. Da am nächsten Tag eine Wartung anstand, konnte die Folie noch rechtzeitig entfernt werden. Außerdem wurde vor kurzem in das Betriebsgebäude eingebrochen und die Steuerung für die Belüftungsanlage so umprogrammiert, dass sie zwar noch funktionierte, aber nicht mehr genug Sauerstoff lieferte. Zunächst ging man davon aus, dass ein Stromausfall Schuld sein könnte.

Wartungsfirma schließt technischen Fehler aus

Dies schließt Sven-Olaf Dröse, Inhaber der Wartungsfirma Bornschein und Sörensen, aber inzwischen aus. Denn in der Anlagensteuerung wurden nur die Parameter für die Belüftung geändert, alle anderen waren unverändert. "Ich gehe davon aus, dass hier händisch manipuliert worden ist. Diese Person muss auch fachlich versiert sein", meint Dröse. Denn einfach sei die Umprogrammierung nicht. Inzwischen wurde in das Gebäude ein Sicherheitsschloss eingebaut.

Einleiterlaubnis könnte entzogen werden

Die Bürgermeisterin hofft, dass der oder die Täter möglichst bald gefasst werden. Denn aktuell überschreitet das Wasser, das aus der Kläranlage in die Salzau eingeleitet wird, Grenzwerte und ist damit umweltgefährdend. Passiert das zu lange, könnte die Gemeinde Schlesen ihre Einleiterlaubnis verlieren. Dann müsste die Abwasserklärung an einen externen Anbieter übergeben werden. Laut Funk würde das für die rund 1.200 Einwohner der angeschlossenen Gemeinden Schlesen, Stoltenberg und Fahren etwa eine Verdopplung der Gebühren bedeuten.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 23.06.2021 | 19:30 Uhr

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