Der Bestatter Daniel McKenzie steht auf einen Pinneberger Friedhof. © NDR Foto: Astrid Wulf

Wenn der Online-Manager Bestatter wird: Wege zum Traumjob

Stand: 26.09.2021 08:15 Uhr

Viele Menschen träumen regelmäßig von einem anderen Job. Doch nicht alle wagen den Neustart. Wer sich beruflich neu orientieren will, kann sich von Experten dabei helfen lassen.

von Astrid Wulf

Daniel McKenzie aus Uetersen (Kreis Pinneberg) schmeißt seine Karriere mit Mitte 40 hin - um zu tun, was er wirklich machen will. Jahrelang ist er erfolgreicher Online-Marketing-Manager, verdient rund 4.000 Euro netto im Monat, sagt er. Wohl fühlt er sich in dem Job schon lang nicht mehr, drehe sich doch alles nur noch um Klickzahlen und Kundendaten. Mitten im Trubel einer großen Online-Marketing-Messe zieht er für sich einen Schlussstrich: "Ich merkte, wie in mir Aggressionsfantasien hochkamen. Ich musste da einfach raus."

Umfrage unter Freunden: Was mache ich jetzt?

Mit einem Facebook-Aufruf bittet er Freunde um Ideen, was er künftig machen soll. Gleich mehrere antworten: Werde Trauerredner! Unter anderem auf Trauerfeiern hatten ihn Freunde bereits als freien Redner erlebt. Daniel McKenzie wundert sich, warum er nicht selbst auf die Idee kam, sein Hobby zum Beruf zu machen. Nur Trauerredner zu werden, reicht ihm allerdings nicht - er will Bestatter werden. Er kündigt, macht ein Praktikum in einem Bestattungsunternehmen, wird nach wenigen Monaten fest angestellt.

Berufliche Neuorientierung: Auch ohne große Ersparnisse möglich

Für Daniel McKenzie war dieser Neustart kein großes finanzielles Risiko. Er hatte etwas Geld auf der hohen Kante, bekommt zudem nach drei Monaten Arbeitslosengeld. Was aber, wenn ich von einem eigenen Café träume? Wenn ich für meinen Traumjob ganz klein anfangen muss, keine Ersparnisse habe, Kinder versorgen muss? Finanzieller Druck sei kein Grund, in einem Beruf zu bleiben, der krank macht, sagt Nicola Sieverling, die mit "Plan B" ein Buch über berufliche Neuorientierung geschrieben hat.

Jobwechsel in Ruhe und Schritt für Schritt angehen

Wer umsteigen möchte, müsse zum Beispiel nicht Knall auf Fall kündigen, um etwas Neues zu starten. Der Wechsel in den Traumjob könne auch Schritt für Schritt funktionieren. Um sich dafür etwas Luft zu verschaffen, könnte man zum Beispiel die Stunden etwas reduzieren, Kosten so weit wie möglich herunterfahren und die freigewordene Zeit in den Neustart stecken.

Nicola Sieverling, Beraterin für berufliche Neuorientierung aus Ovendorf bei Lübeck-Travemünde, schaut in die Kamera. © privat
Nicola Sieverling hat sich selbst beruflich umorientiert.

Dazu kann es gehören, eine nötige Weiterbildung zu machen, Netzwerke auszubauen, einen Businessplan zu schreiben und die Finanzierung auf die Füße zu stellen. Ein Erfolgsbeispiel in Nicola Sieverlings Buch "Plan B": Eine Personalberaterin mit dem lange verschütteten Wunsch, im medizinischen Bereich zu arbeiten, entdeckt für sich: Heilpraktikerin - das ist es! Nach Feierabend besucht sie die Abendschule, nach der Prüfung kündigt sie, macht sich mit ihrer eigenen Personal- und Organisationsberatung selbständig und eröffnet zeitgleich ihre Praxis.

Auch kleinere Veränderungen können glücklicher machen

Es muss nicht gleich der Sprung in die Selbständigkeit sein. Oft hilft es schon, den Aufgabenbereich oder die Branche zu wechseln. Nicola Sieverling erinnert sich an den Marketingleiter einer großen Versicherung. Er ist es leid, bis abends in Meetings zu sitzen - stattdessen will er tun, was ihm wirklich Freude macht. Der leidenschaftliche Wanderer kündigt, heute arbeitet er in einem großen Unternehmen, das unter anderem Outdoor-Mode herstellt. Nebenbei schreibt er ein Buch über seine schönsten Wanderungen.

Finanzen: Möglichkeiten ausloten

Eine andere Klientin kündigt ihre Lebensversicherung, setzt mit dem Geld ihren Traum von einem eigenen Woll-Laden in die Tat um. Jobwechsel-Expertin Nicola Sieverling rät auch dazu, Freunde zu fragen, ob sie Geld verleihen würden - vertraglich geregelt wohlgemerkt. Oft gebe es mehr Möglichkeiten, als man denkt - und sobald man sich auf den Weg macht, täten sich oft Türen auf, mit denen man nie gerechnet hätte.

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Klassische Stolpersteine: Existenzängste und negative Überzeugungen

Die größten Hindernisse auf dem Weg zum Traumjob seien neben finanziellen Ängsten Glaubenssätze und negative Überzeugungen wie: "Ich kann ja eh nichts anderes", "So besonders bin ich nun auch nicht" oder "Das schaffe ich nie". Expertin Nicola Sieverling empfiehlt, diesen Überzeugungen zunächst einmal auf die Spur zu kommen, was nicht einfach ist - oft seien sie tief eingegraben. Dann helfe es, ihnen etwas Positives entgegenzusetzen. "Alles Gute kommt zu mir" - dieser Satz half Nicola Sieverling, als sie kurz vorm Burnout ihrer Karriere als Zeitungsredakteurin ein Ende setzte. Heute hilft sie anderen, ihren "Plan B" zu finden - eine sehr befriedigende Aufgabe, findet sie.

Bestatter: Weniger Geld, mehr Erfüllung

Daniel McKenzie verdient weitaus weniger, als zu seinen Online-Marketing-Zeiten. Dafür ist der heute 48-Jährige um ein Vielfaches zufriedener, sagt er. Es macht ihn glücklich, den Trauernden etwas Last von den Schultern nehmen zu können. Eine Kollegin aus England habe ihm vor einiger Zeit ein Kompliment gemacht, das treffender nicht sein könnte: "Der Job bekommt dir gut, deine Seele hat mehr Gewicht."

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