Stand: 20.11.2019 08:03 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Wenn Beleidigungen und Bisse zum Job gehören

von Anne Passow

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In der Notaufnahme müssen Patienten oft lange warten. Da können die Nerven schnell blank liegen.

22 Uhr. Der Patient mit Oberschenkelfraktur wartet darauf, dass er in den OP gefahren wird. Er hat schon fünf Stunden in der Notaufnahme gewartet. Als er gerade in den OP gefahren wird - kommt ein Notfallkaiserschnitt dazwischen. Das Team lässt alles stehen und liegen, rennt weg. Der Patient wird sauer.

Es wird laut

Gisa Andresen, Anästhesistin am Diakonissenkrankenhaus im Flensburg, beschreibt diese Situation in einem Workshop, den die Ärztekammer gerade in Bad Segeberg organisiert hat. "Das ist so ein Klassiker", sagt sie und spielt in der Gruppenarbeit mit Psychotraumatologin Nicola Hallauer aus Warder (Kreis Rendsburg-Eckernförde) die Szene noch einmal durch. Der Patient greift die Pflegerin an, beschimpft sie, stellt ihre Kompetenz infrage. Die Pflegerin kontert. Es wird laut.

Gewalt gegen Ärzte und Pfleger nimmt zu

Schleswig-Holstein Magazin -

Ärzte und Pfleger werden offenbar immer häufiger beschimpft, bedroht oder sogar angegriffen. Auch in der Notaufnahme des UKSH in Kiel sind Übergriffe längst keine Ausnahme mehr.

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Mindestens 75 Angriffe am Tag

Jeder der Workshopteilnehmer hat solche und weitaus schlimmere Situationen schon erlebt - und will hier lernen, wie er damit am besten umgeht. Verbale Aggressionen, aber auch körperliche Angriffe gehören für viele Ärzte und Pfleger zum Alltag. Das sagen unter anderem die Deutsche Krankenhausgesellschaft und die Kassenärtzliche Bundesvereinigung. Laut Henrik Hermann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein, ist die Bereitschaft der Patienten, gewalttätig zu werden, gestiegen.

Wie können Ärzte und Pfleger Gewalt begegnen?

"Da gibt es Erhebungen bei jungen Angestellten, Ärzten, Pflegern, die sagen, zu 95 Prozent sind es Beschimpfungen, mit denen sie konfrontiert werden. Zu 33 Prozent Bedrohungen. Außerdem wurden noch Kneifen und Kratzen mit 33 Prozent und Tritte mit 26 Prozent genannt." Zentral dokumentiert wird Gewalt gegen Ärzte und Pfleger nicht. Aber es gibt verschiedene Erhebungen zu dem Thema. So kommt es laut dem Ärztemonitor 2018 bundesweit statistisch betrachtet täglich zu mindestens 75 Fällen von körperlicher Gewalt gegen niedergelassene Mediziner und ihre Praxisteams.

"Forderungen nach Therapie, die es nicht gibt"

Meist bleibe es bei verbalen Aggressionen, berichten die Workshopteilnehmer. Aber auch das zehrt an den Nerven von den Praxis- und Krankenhausteams. Da wird die Pflegerin als "Schlampe" bezeichnet, da wird der leitenden Ärztin die Kompetenz abgesprochen wird, weil sie eine Frau ist. Da machen Patienten Rabatz, weil sie ein bestimmtes Medikament verlangen oder weil sie warten müssen. Da verlangen Angehörige, ein Leben zu verlängern. "Es sind in der Regel Forderungen nach Therapie, die es nicht gibt. Und nach ungeschehen machen des Traumas, was nun leider stattgefunden hat", fasst Gisa Andresen zusammen.

Drohungen mit Anwalt oder Großfamilie

"Und der Übergang zu körperlicher Gewalt ist fließend", sagt Workshopleiterin Marion Bökmann. "Da wird dann ein Pfleger oder ein Arzt aus dem Weg gedrückt - und dann schaukelt sich das hoch." Anästhesistin Andresen berichtet von einem HIV-positiven Patienten, der sie biss. "Leider in eine zwei Stunden vorher bei einem Notfall entstandene Wunde. Ich hatte dann im Ergebnis sechs Monate lang die Unsicherheit, ob ich nun HIV-infiziert bin oder nicht."

In der Notaufnahme gebe es immer wieder Situationen, meist mit Männern, die machomäßig auftreten, mit dem Anwalt drohen, oder damit, weitere Familienmitglieder zu holen. So stand auch schon mal eine Großfamilie von 30 Menschen in der Notaufnahme, berichtet Andresen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Und Psychotraumatologin Hallauer erinnert sich noch gut an den Patienten, der ihr eine Schere an die Kehle hielt, als sich das Gespräch nicht in die Richtung entwickelte, die er sich wünschte. "Seitdem achte ich darauf, dass keine spitzen Gegenstände auf meinem Schreibtisch liegen und bin sehr auf der Hut."

Situation rechtzeitig entschärfen

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Den Arbeitsplatz sicherer gestalten. Auch diesen Tipp gibt Seminarleiterin Bökmann den Workshopteilnehmern. Im Workshop analysieren die Teilnehmer nun die Situation, die Gisa Andresen und ihre Partnerin vorgespielt haben. Einhellige Meinung: Die Pflegerin hätte ruhiger reagieren können. Und Seminarleiterin Bökmann liefert den Teilnehmern die passende Theorie zu dieser Erkenntnis. Sie erklärt das sogenannte CALM-Modell. Das sind bestimmt Punkte, die die Pfleger und Ärzte befolgen können, wenn sie verbal angegriffen werden. Das Ziel dabei ist, die Situation zu entschärfen, bevor es zu körperlicher Gewalt kommt.

"Gesetze halten potenzielle Täter nicht ab"

Viele Krankenhäuser reagieren auf die zunehmende Gewaltbereitschaft, indem sie Selbstverteidigungskurse für die Mediziner anbieten, Videokameras aufhängen und Sicherheitspersonal anstellen. Und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat vor wenigen Wochen angekündigt, das Strafrecht bei Gewalt gegen Ärzte zu verschärfen. Medizinisches Personal soll künftig unter dem gleichen strafrechtlichen Schutz stehen, wie er inzwischen auch für Rettungskräfte gilt. Andresen findet das gut. Sie sagt aber auch, dass sich niemand von einer anderen Gesetzeslage davon abhalten lassen wird, gewalttätig zu werden. Gegen diese Situationen müsse sie sich selbst wappnen.

Humor als ein Weg

Ruhe, Freundlichkeit, Nachfragen, Verständnis zeigen, mit Humor reagieren - damit könne man eine angespannte Situation häufig entschärfen, sagt Seminarleiterin Bökmann. Gleichzeitig müssen Ärzte und Pfleger ihre eigenen Grenzen klar benennen und sagen, wenn die Patienten zu weit gegangen seien. Anästhesistin Andresen nimmt diese Tipps und Strategien mit in ihren Alltag. Sie weiß: Aggressive Patienten kann sie nicht ändern. Aber sie kann ihnen anders begegnen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 20.11.2019 | 08:00 Uhr

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