Ein historisches Bild der Passat-Crew, die Weihnachten auf dem Segelschiff feiert. © Verein "Rettet die Passat"

Weihnachten auf See: Wenn der Baum im Takt der Wellen schwankt

Stand: 25.12.2020 05:00 Uhr

Ulf Sack hat sein halbes Leben auf See verbracht - und damit auch viele Weihnachtstage. "Nicht immer war es schön, aber es war immer besonders", sagt er und erinnert sich an schwankende Festtage zurück.

von Kristin Recke

Wir treffen den Kapitän a.D. auf der "Passat" am Priwall in Travemünde. Sie ist so etwas wie sein zweites Zuhause geworden, seit es die See nicht mehr ist. Seit 1995 ist Ulf Sack auf der Viermastbark der Mann für das maritime Ja-Wort, besiegelt seit 1995 die Eheversprechen unzähliger Brautpaare. Und jedes Mal, wenn der begeisterte Seemann Besucher über das Schiff führt, macht er mit ihnen eine Reise in eine Zeit, als 4.100 Quadratmeter Segelfläche das mächtige Schiff über die Weltmeere trieben und jedes Mal ist es auch eine Reise in seine eigene Erinnerung.

Das Thermometer zeigt weit unter Null, aber darauf muss er nicht schauen. Er weiß auch so, dass es kälter ist als sonst, denn sie liegen fest. Vier Schiffe eingefroren vor Helsinki, unmöglich die offene See zu erreichen und damit Heiligabend zu Hause zu sein. Das war im Winter 1956.

Die See war eine harte Schule

Der Frachter "MS Wolf" war eigentlich nur auf kleiner Fahrt. Einmal Hamburg - Helsinki, Schnittholz laden und zurück. Für Ulf Sack fühlte sich die Tour an wie eine Weltreise. Der junge Kieler war gerade mal 15, als ihn sein Vater als Schiffsjunge anheuern ließ und über die Ostsee schickte. "Von da an hat der Kapitän meine Erziehung übernommen, das war damals eben so", sagt der rüstige Rentner auf dem Elbsegler heute mit festem Wort. Doch man hört den Unterton, als würde der Teenager von damals sprechen.

"Die See war eine harte Schule. Die ganze Mannschaft. Wir Decksjungen mussten alle Drecksarbeiten machen, wieder und wieder. Wir mussten auftakeln, abtakeln, das Deck schrubben, Streichen, eben all die Arbeiten, die die Matrosen leicht und zum Spaß an das Jungvolk delegieren konnten", erzählt Ulf Sack und streicht mit den steifen Händen über sein erstes Schifffahrtsbuch, nicht größer als ein Reisepass. Auf dem Foto ist eher ein Kind als ein junger Mann zu sehen. Die Schrift gleicht der eines Grundschülers. Mehr Lebenserfahrung hatte er auch noch nicht, als er zum ersten Mal in seinem Leben Schiffsboden betrat.

Wenn der Winter einen Strich durch die Rechnung macht

So fuhr der junge Ulf auf See Richtung Helsinki, fest davon überzeugt, in ein paar Tagen wieder zu Hause bei der Familie unter dem Weihnachtsbaum zu sitzen. Doch sie alle hatten die Rechnung ohne den finnischen Winter gemacht. Auf dem Weg aus dem Hafen zurück aufs Meer blieben sie stecken. Die Schären vor Helsinki waren in den eisigen Nächten wie eine Mauer gefroren, die ohne Eisbrecher damals unüberwindbar war. Wochenlang lagen sie festgefroren im Schärenmeer, froren auf einem unbeheizten Schiff und konnten nichts tun - außer warten. Den 15-jährigen Ulf Sack packte das Heimweh und das wurde schlimmer und schlimmer, je näher die Weihnachtstage rückten.

"Ich stand an der Reling, in mich gekehrt und traurig", erzählt er, "und dann sah ich Lichter am Horizont, ganz viele und die kamen immer näher." Es waren die Frauen der Lotsen, die sich ein Herz gefasst hatten und der Besatzung eine Freude machen wollten.

Weitere Informationen
Polarstern im Sonnenaufgang © Stefan Hendricks, Alfred-Wegener-Institut Foto: Stefan Hendricks, Alfred-Wegener-Institut

"Gruß an Bord"

Familien und Freunde wünschen ihren Lieben, die zu Weihnachten auf See sind, besinnliche Tage fern der Heimat. Die Sendung hat eine lange Tradition. mehr

Ein Schal und viele Tränen

Jeder an Bord bekam ein Geschenk. "Ich kriegte einen Schal und Handschuhe." Ulf Sack macht eine Geste, als sei es ein großer Schal gewesen und dabei laufen dem alten Mann Tränen übers Gesicht. Neben dem Weihnachtsbaum an Bord der "Passat" in Travemünde steht plötzlich wieder ein kleiner Junge, dessen Dankbarkeit für die Geste der Lotsenfrauen bis heute tief aus seinem Herzen spricht.

Die Zeit auf See härtet ab

Drei Jahre war Ulf Sack danach unterwegs auf Frachtschiffen, bevor er auf dem Priwall in Travemünde zur Seemannsschule geschickt wurde. Den praktischen Unterricht absolvierten die Leichtmatrosen damals auf der "Passat", die seit 1960 als Segelschulschiff am Kai an der Trave lag.

So lernte Ulf Sack die Viermastbark kennen und lieben. Die mächtige "Passat": 115 Meter lang, mit ihren riesigen Masten, die 53 Meter hoch in den Himmel ragen. Er verliebte sich in die schweren Taue, die keine Segel mehr halten und in die acht Meter tiefen Laderäume, die schon lange keine Säcke mehr gesehen haben.

Ulf Sack wurde Matrose, später Kapitän. Mehr als 30 Jahre steuerte er die unterschiedlichsten Schiffe über die Weltmeere, zum Schluss auch die Autofähre über die Trave. Dann hängte er die Seefahrt an den Nagel. Er wollte nicht mehr weg sein, vor allem nicht an Weihnachten.

"Bei Sturm gab's kein Weihnachten"

Für den Seemann gab es viele harte Momente auf dem Meer, aber auch viele emotionale. Weihnachten gehörte immer zu den Tagen, an denen auch an Bord eine besondere Stimmung herrschte. Eine große Fahrt konnte bis zu vier Monate dauern. Wenn Weihnachten dazwischen lag, war das eben so. Einen Baum musste sich die Besatzung basteln. Aus Tampen, Holz, jeder Menge Draht und Ketten entstanden auf den Schiffen die sogenannten Tampenbäume. Ähnlich Adventskränzen hingen runde Seile an einem Ständer, nach unten kegelförmig verflochten. Die Kerzen waren aus Holz geschnitzt mit Pflaumenkernen an der Spitze, die aussahen wie kleine Flammen. Feuer an Bord war strengstens verboten.

Der Tampenbaum war in der Mitte mit einer Kette so beschwert, dass er stabilen Halt hatte, "aber bei Sturm konnte man auch den nicht aufstellen", lacht Ulf Sack. "Da gab's eine kurze Rede vom Kapitän, mehr war da nicht. Bei Sturm gab's kein Weihnachten."

Am Ende ist Heiligabend zu Hause doch immer am schönsten

Heute ist Ulf Sack Vater und Großvater - ein Seefahrer in Rente. Die harte Schule auf See hat aus ihm einen emotionalen Mann gemacht. Weihnachten zu Hause möchte er nicht mehr missen - und jedes Jahr an Heiligabend denkt er voller Dankbarkeit zurück, an seine erste große Reise und an die Lotsenfrauen in Finnland.

Weitere Informationen
Die beleuchtete Passat bei Nacht © LTM Foto: Uwe Freitag

Legendärer Frachtsegler: Die "Passat"

Der 1911 gebaute Flying-P-Liner war einer der weltschnellsten Frachtsegler. Heute liegt die Viermastbark "Passat" in Travemünde. mehr

Dieses Thema im Programm:

Ostseereport | 15.12.2020 | 18:00 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Eine Krankenschwesten schiebt ein leeres Bett auf einem Krankenhausflur. © Colourbox Foto: Syda Productions

Arbeitsbedingungen: Viele Pflegekräfte können und wollen nicht mehr

Viele Pflegekräfte in Schleswig-Holstein sind unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen. Sie denken darüber nach, den Job zu wechseln. mehr

Videos