Stand: 22.05.2019 13:39 Uhr

Warum Möbelpacker Dariusz nicht wählen geht

von Kai Küstner, NDR Info
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Dariusz Zaborowski sieht auf seinen Fahrten auch oft ein alles andere als "starkes Europa".

Kaum jemand kann mit so viel Recht behaupten, Europa im Wortsinn "erfahren" zu haben, wie Dariusz Zaborowski aus Kiel. Woche für Woche, Tag für Tag lenkt der Lkw-Fahrer seinen Möbelwagen kreuz und quer durch die EU - gestern nach Schweden, morgen nach Portugal, übermorgen nach Rumänien.

"Es gibt sehr viele arme Menschen. Wenn du zum Beispiel Richtung Bukarest fährst, da fährst du durch Dörfer, wo die Menschen noch in Holzhäusern wohnen und ihr Wasser noch aus dem Brunnen ziehen", berichtet Zaborowski von seinen Erfahrungen. "Ich bin immer ganz durcheinander, ganz perplex, dass alle immer herumposaunen 'starkes Europa'. Es gibt noch so viele arme Menschen, die ums Überleben kämpfen."

Zaborowski sieht ziemlich viel von Europa. Dass er dabei auch ziemlich viel sieht, was ihm nicht gefällt, daraus macht der 42-Jährige kein Geheimnis. Aber eins sagt  ihm zu, nicht nur weil er Kraftfahrer ist: "Ich finde es schön, dass die Grenzen offen sind. Dass man in andere Länder reisen kann, Urlaub machen kann. Dass wir die gleiche Währung haben."

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Am Anfang als "Scheißpolacke" gehänselt

Eine 08/15-Biografie kann man dem kräftig gebauten Lkw-Fahrer und Möbelpacker nun wirklich nicht nachsagen. Mit zwölf Jahren, kurz nachdem der Eiserne Vorhang fiel, kam der damals noch kleine, aber robuste Dariusz aus Polen nach Norddeutschland. Und dort bekam er es schon nach wenigen Tagen mit Neonazis zu tun: "Ich wurde von denen gehänselt, 'Scheißpolacke' und so. Ein Mädchen fing damals an, mich immer zu begrüßen. Tanja hieß die, sie war die Freundin vom Anführer von denen. Der hat das mitgekriegt. Als ich einmal von meinem Bruder zurückkam, standen sie da im Gang. Da habe ich eine ins Gesicht gekriegt und noch eine zweite. Die dritte habe ich abgewehrt und den Kollegen mit dem Kopf gegen die Wand gehauen. Da musste er ins Krankenhaus."

Er stamme eben aus einer Boxerfamilie, erklärt Zaborowski. Und dann passierte etwas Absurdes: Als ihr Anführer aus dem Krankenhaus kam, entschuldigten sich die rechten Schläger, was dazu führte, dass der junge Pole sich seinen Peinigern sogar eine Weile anschloss. Das bereue er auch nicht: "Weil ich innerhalb eines Jahres perfekt Deutsch konnte. Ich war gezwungen zu lernen, weil ich immer zwischen denen saß."

Enttäuscht von der Politik

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"Ausländerhasser helfen jungem Polen beim Deutschlernen" - was für eine Schlagzeile, hätte die Geschichte damals jemand aufgeschrieben. Auch Zaborowski findet es rückblickend etwas absurd, dass er den Rechten hinterherlief: "Wir sind jetzt eine weltoffene Gesellschaft. Da sollte man sich etwas wärmer begrüßen."

Da Zaborowski schon seit Langem Deutscher ist, könnte er bei der Europawahl an seinem Wohnort Kiel mitstimmen. Er könnte, wird es aber nicht tun, denn von der Politik ist der Möbelpacker enttäuscht - zum Beispiel, wenn es um das Thema Altersarmut geht: "Unsere Rentner. Ich sehe immer mehr Menschen, die Flaschen sammeln aus dem Mülleimer. Dass die Politiker da nichts tun. Die Menschen zahlen Steuern und alles - und am Ende wird man nicht belohnt. Das nervt mich."

Kantige Fassade, weiches Herz

Wer sich länger mit dem 42-Jährigen unterhält, dem fällt es leicht, hinter der kantigen Fassade mit der Boxernase ein weiches Herz auszumachen. Schwerer hingegen fällt es, Zaborowski politisch zu verorten. Er klagt über die sich breitmachende Altersarmut und einen Tariflohn von 11,40 Euro selbst für erfahrene Berufskraftfahrer wie ihn.

Was ihm aber auch nicht passt, sind angeblich anpassungsunwillige muslimische Zuwanderer: "Die kommen hier her, lernen die Sprache nicht, gehen nicht arbeiten. Ich arbeite für sie, zahle für sie Steuern, damit sie hier leben können. Das ist mein Konflikt, warum die sich nicht anpassen können wie ich."

EU hat auch in Polen Dinge zum Besseren verändert

Der einst Zugewanderte, der in den heute Zugewanderten Eindringlinge sieht - das ist ein durchaus verbreitetes Phänomen. In seine ehemalige Heimat Polen kehrt Zaborowski nicht oft zurück. Er muss aber zugeben, dass die EU dort durchaus etwas verändert hat: "Keine grauen Landschaften mehr, alles schön bunt, bessere Straßen, so weit alles okay. Aber Politik? Viel Korruption!"

Zaborowski bereist Europa wie nur wenige. Zur Europawahl gehen will er aber nicht. Zumindest diesmal nicht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 23.05.2019 | 06:00 Uhr

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