Stand: 24.01.2020 05:00 Uhr

Viele Kliniken, viele Probleme - und kein Plan?

Von Daniel Kummetz, Constantin Gill, Julia Schumacher und Sofia Tchernomordik

Es ist für Menschen jedes Mal ein Aufreger, wenn die Geburtsstation des Krankenhauses in ihrer Region schließt, über die Schließung eines ganzen Klinik-Standorts nachgedacht oder der sogar vollzogen wird. Schnell regt sich Widerstand - wie in der Vergangenheit auf Sylt, in Tönning oder in Niebüll. Doch auch wenn es politisch richtig unangenehm sein könnte: Fast alle, die sich mit dem Krankenhaus-System beschäftigen, wissen, dass sich die Krankenhauslandschaft verändern muss. Zurzeit gibt es in Schleswig-Holstein 92 Kliniken, die Krankenhausleistungen abrechnen dürfen, 28 davon sind allgemeine Krankenhäuser, die 24 Stunden am Tag aufnahmebereit sind - sogenannte Regel-, Schwerpunkt- oder Maximalversorger.

Es fehlt an Personal, um auf Dauer alle Standorte zu betreiben, sagen etwa die Sprecher des Verbands der Ersatzkassen (VDEK) und der Krankenhausgesellschaften. "Der Fachkräftemangel wird in den Krankenhäusern zukünftig eine Rolle spielen und man wird sich überlegen müssen, welche der Standorte, die wir im Moment haben, dauerhaft betrieben werden können", sagt Patrick Reimund von der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein. Außerdem ist das Geld begrenzt - viele Standorte auf dem Stand der Dinge zu halten, wird teuer. "Es wird in Richtung einer Konzentration der Leistungen gehen müssen", sagt Florian Unger vom VDEK.

Kritik: Klinik-Struktur aus den 1950ern

"Die Medizin entwickelt sich weiter und nimmt keine Rücksicht auf die existierenden Strukturen", sagt Thomas Mansky, Professor für Strukturentwicklung im Gesundheitswesen an der TU Berlin. "Sie können diese hochkomplexe, moderne Medizin nicht in den Strukturen anbieten, die in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts entwickelt worden sind." Er fordert einen radikalen Umbau - und erntet dafür bei Klinik-Chefs keinen Beifall.

Der Eindruck in der Branche: Die Botschaft ist auch bei der Politik angekommen - und der Hintergrund für zahlreiche Gesetze und Vorgaben. "Die Qualitätsanforderungen werden Stück für Stück nach oben geschraubt. Zur Erfüllung bekommen wir weder finanzielle noch andere Unterstützung", klagt etwas Roland Ventzke, Chef des Städtischen Krankenhauses Kiel und Sprecher des Verbundes kommunaler Krankenhäuser. Es werde wirtschaftlicher Druck ausgeübt. "Ich unterstelle der Politik: Man rechnet damit und es ist Kalkül, dass Krankenhäuser das nicht überleben und man damit eine Strukturbereinigung hinkriegt." Er nennt das "Marktbereinigung durch die kalte Küche." Die Befürchtung: Im Zweifel geht ein Haus dabei kaputt, das man zur Versorgung eigentlich noch bräuchte. Stattdessen wünscht Ventzke sich klare Strukturentscheidungen: "Wenn ich der Meinung bin, dass in einer Region ein kleines Krankenhaus geschlossen werden sollte, aus welchen Gründen auch immer, dann muss man das als Politik und als Krankenkasse den Bürgern sagen", fordert er.

Weitere Informationen
Professor Thomas Mansky steht am Pult und hält eine Rede. © vdek/Jörg Brekeller Foto: vdek/Jörg Brekeller

Experte: "Schleswig-Holstein hat zu viele Kliniken"

Der Gesundheitsökonom Thomas Mansky fordert eine Krankenhausstrukturreform. Dabei sind aus seiner Sicht drastische Einschnitte nötig: Statt kleiner Häuser bräuchte es große Infrastrukturen. mehr

Planung - oder Verwaltung des Status quo?

Doch der Haken: Die für die Krankenhausplanung verantwortlichen Behörden - in Zuständigkeit der Länder - haben bisher nicht so viele Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen. "Das ist eine Abbildung des Status quo", sagt Unger vom Ersatzkassenverband. "Bisher empfinden wir die Planung so, dass sie den Namen eigentlich nicht verdient." Er vermisst Antworten auf die Frage, wo man hin wolle. Ein Mittel allerdings hat auch die Landesregierung: Sie soll eigentlich die Investitionen in allen Krankenhäusern finanzieren. In Schleswig-Holstein geschieht das nicht vollständig.

Gesundheitsminister Heiner Garg plant, die Förderkriterien für Klinik-Investitionen zu überarbeiten. Er will mit Kommunen und Krankenhausträgern darüber sprechen, welches Krankenhaus in Zukunft wie viel Geld vom Land bekommt. Für Garg ist die entscheidende Frage: "Wo wird welcher Eingriff in welchem Krankenhaus mit dem größten Erfolg für die Patientinnen und Patienten durchgeführt?"

Wissenschaftler Mansky ist sich sicher, dass es bei einem Umbau der Krankenhauslandschaft zu Konflikten kommt. Aber: "Wir bauen keine Krankenhäuser um der Krankenhäuser Willen. Wir bauen sie auch nicht für die Bürgermeister oder für sonst wen, sondern wir bauen Krankenhäuser, damit die Patienten optimal versorgt werden." Diese Strukturen müssten geschafft werden. Wie das geht? "Darüber müssen wir nachdenken." Für ihn ist Dänemark ein Positiv-Beispiel. Hier gibt es nach einer starken Zentralisierung nur noch wenige Kliniken.

Flensburg - für Garg ein Positivbeispiel

So weit geht Garg nicht. Ihm geht es darum, einerseits die Grundversorgung in der Fläche sicherzustellen, anderseits aber auch - etwa wenn es um hochkomplexe, spezialisierte Leistungen geht - über eine Konzentration zu sprechen. Als Positivbeispiel nennt Garg das in Flensburg geplante Zentralklinikum: "Dafür werden zwei Standorte in Flensburg aufgegeben, das heißt aber nicht, dass die Versorgung etwa schlecht würde, sondern die Versorgung wird sich in Flensburg und weit darum herum deutlich verbessern." In der kommenden Woche will er erste Ideen zur Reform der Krankenhausfinanzierung in Berlin vorstellen.

Fünfteilige Serie

NDR Schleswig-Holstein hat sich auf Spurensuche begeben: In einer fünfteiligen Serie geben wir Einblicke in das Städtische Krankenhaus Kiel: Wie funktioniert das System Krankenhaus - und warum ist es so fehleranfällig?

Serie: System Krankenhaus
Luftaufnahme des Städtischen Klinikums Kiel © NDR

Städtisches Krankenhaus Kiel: Erst Verluste, dann Fusion?

Knappe Finanzierung, harter Wettbewerb, fehlendes Personal: Kliniken stehen unter Druck, auch das Städtische Krankenhaus Kiel. Es macht hohe Verluste - und strebt nun eine Fusion an. mehr

Patient Roman Nadolny bei einer Herzkatheteruntersuchung. © NDR Foto: Julia Schumacher

System Krankenhaus: Der Patient als Ware

Krankenhäuser müssen mit Patienten Geld verdienen, abgerechnet über Fallpauschalen. Was für Effizienz sorgen soll, birgt allerdings Risiken - wie ein Fall aus dem Städtischen Krankenhaus Kiel zeigt. mehr

Pflegerin Maria Ahmed bringt einen Eimer weg. © NDR Foto: Sofia Tchernomordik

Pflege im Krankenhaus: "Die Lage ist sehr schlimm"

Im Städtischen Krankenhaus Kiel kümmern sich 650 Pflegekräfte um die Patienten - viel zu wenige. Die Mitarbeiter befinden sich deshalb in einer Notlage, sagt Pflegedirektorin Sabine Schmidt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 24.01.2020 | 08:00 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Daniel Günther sitzt einem großen Tisch und guckt auf zwei Bildschirme, auf dem die Pressekonferenz sowie er zu sehen sind. © NDR Foto: Julia Stein

Neue Corona-Regeln in SH: Günther erklärt verschärften Lockdown

Maskenpflicht und Homeoffice werden ausgeweitet, Schulen und Kitas bleiben geschlossen. Das und mehr gilt bis zum 14. Februar. mehr

Ein Mann pipettiert in einem Labor eine blaue Flüssigkeit. © picture alliance Foto: Sebastian Gollnow

Corona in SH: Gesundheitsämter melden 451 neue Fälle

Die Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen in Schleswig-Holstein liegt Stand Dienstagabend bei 89,3. mehr

Justitia. © imago Foto: Ralph Peters

Urteil gegen "Cannabis-Connection": Bis zu sechs Jahre Haft

Das Landgericht Flensburg hat neun der zehn Angeklagten schuldig gesprochen - und auch hohe Geldstrafen verhängt. mehr

Eine Schutzmaske liegt neben Euro-Scheinen und -Münzen. © COLOURBOX photocase Foto: steffi go

Neuer Ärger um Corona-Hilfen: Auszahlung läuft nur schleppend

Grund sind Probleme mit der Software des Bundes. Für viele Unternehmen werden die Sorgen dadurch größer. mehr

Videos