Stand: 03.03.2017 11:33 Uhr

Unterwegs mit den Einbrecher-Jägern

von Jenni Gunia

Der Tatort ist ein Einfamilienhaus, reetgedeckt, Feldrandlage. Spurenexperte Oliver Schlenther von der Kriminalpolizei Ahrensburg sieht sofort: Die Terrassentür hat kaum Widerstand geleistet. "Einmal gehebelt, zack, waren sie drin. Das dauert keine zehn Sekunden", sagt er. Dafür reicht ein ganz normaler Schraubenzieher aus dem Baumarkt mit großem Klingenblatt.

"Das Schlimmste sind die fremden Menschen im Haus"

Drinnen für die Beamten das übliche Bild: aufgerissene Schubladen, durchwühlte Schränke, Chaos überall. "Aber zum Glück haben sie nichts kaputt gemacht", sagt Eberhard Frenzel mit noch leicht zitternder Stimme. Frenzel ist der "Geschädigte", so heißt es im Polizeijargon. Weg sind Schmuck und Bargeld. "Der Klassiker", sagt Polizeihauptmeister Stefan Reyers trocken. Tatsächlich werden Computer oder Fernseher kaum geklaut. "Zu groß, zu schwer zu Geld zu machen. Außerdem lassen sich manche Handys und Laptops orten", sagt Reyers. Für die Einbruchsopfer ist ohnehin etwas anderes viel schlimmer: "Das fremde Menschen im Haus waren und in den Sachen gewühlt haben, das ist furchtbar", sagt Hausbewohner Frenzel.

Einbruchshochburg Hamburger Umland

Der Tatort liegt im Landkreis Stormarn, im Hamburger Umland. Nirgendwo in Schleswig-Holstein wird so viel eingebrochen wie rund um Hamburg. Hier schlagen die Täter im Schnitt drei Mal täglich zu. Reyers und Schlenther gehören zu der Ermittlungsgruppe Wohnungseinbruch, die sich mit 14 Beamten ausschließlich um diese Delikte kümmert.

Die Einheit gibt es seit 2014, um den anhaltend hohen Einbruchszahlen Herr zu werden und die Trendwende einzuleiten. Der Druck auf die Ermittler ist groß. In ihrem Zuständigkeitsbereich im Kreis Stormarn und im Kreis Herzogtum Lauenburg wird weniger als jede zehnte Tat aufgeklärt. Die Täter haben es in ihrem Revier leicht. Ein Grund: die Nähe zur Autobahn und die guten U-Bahn-Anschlüsse nach Hamburg. Außerdem leben hier wohlhabende Menschen, die Täter vermuten reiche Beute.

Fingerabdrücke finden die Polizisten kaum noch

Für die Beamten beginnt die Spurensuche. Haben die Täter vielleicht Fingerspuren an der Terrassentür hinterlassen? Oliver Schlenther pinselt die Tür mit Rußpulver ab. "Hier ist etwas, das sieht aus wie ein Finger, aber ohne Papillarlinien." Das sind die Linien im Finger, die jeden Abdruck einmalig machen. "Handschuhe", urteilt der Beamte. Das ist die Regel, die Täter wissen inzwischen, wie sie Spuren vermeiden.

Kann die Schuhsohlen-Datenbank helfen?

Stefan Reyers kümmert sich um die Holztreppe im Haus. Mit der Taschenlampe leuchtet er jede Stufe ab. Und tatsächlich: Im Streiflicht der Lampe sieht er einen Schuhabdruck. Mit einer Gelfolie sichert er das Schuhprofil. Später wird er es ins Landeskriminalamt nach Kiel schicken. Die Experten können genau herausfinden, um was für einen Schuh es sich handelt. Außerdem gibt es dort eine Schuhsohlendatenbank. Taucht der Schuh an verschiedenen Tatorten auf, können die Polizisten mehrere Einbrüche demselben Täter zuordnen. Die Polizisten suchen auch nach Faserspuren, DNA und nehmen Abdrücke der Hebelmarken. So lässt sich vielleicht ein Hinweis auf das Werkzeug finden. "Unsere Arbeit ist wie ein 1.000-Teile-Puzzle", sagt Stefan Reyers. "Und wenn alle Puzzleteile passen, dann können wir einen Täter überführen."

Die meisten Einbrecher sind Serientäter

Oftmals begehen wenige Täter viele Einbrüche. "Es gibt hochprofessionelle Bandenstrukturen", sagt Schlenther, "oft tauchen sie in einer Gegend auf, verüben eine Reihe von Einbrüchen und verschwinden erst mal wieder. Zwei Wochen später sind sie dann vielleicht schon ganz woanders." Deshalb tauschen die Ermittler sich regelmäßig mit den umliegenden Landkreisen und auch Bundesländern aus. Reisende Täter machen an der Ländergrenze nicht halt. Der Vorteil: Schnappen sie einmal einen Täter, können sie meist gleich eine ganze Reihe von Einbrüchen aufklären. Vorausgesetzt, die Spurensicherung hat gut gearbeitet. Denn Spuren sind oft die einzige Möglichkeit Täter ausfindig zu machen; meist gibt es keine Zeugen und auch keine Beziehung zwischen Täter und Opfer.

Nachbarschaftshilfe ist der beste Einbruchschutz

Der nächste Einbruch, ein Ort weiter. Wieder ein Einfamilienhaus. Diesmal haben die Täter das Fenster im Badezimmer aufgehebelt. Auch kleine Öffnungen halten die Einbrecher nicht ab, im Gegenteil. "Die Täter suchen sich den Weg ins Haus, auf dem sie den wenigsten Widerstand erwarten", sagt Oliver Schlenther. Und oftmals sind das kleine Fenster in Keller, Bad oder Vorratskammer. 80 Prozent aller Einbrecher kommen ins Haus, indem sie ein Fenster oder eine Tür aufhebeln.

Über 1.300 Einbrüche gab es 2016 im Revier von Schlenther und Reyers. Immerhin: Das sind gut 600 weniger als im Jahr davor. Die beiden Beamten sind deshalb vorsichtig optimistisch. Nach der Spurensuche verteilen sie noch Flyer in der Straße, befragen die nächsten Nachbarn, versuchen zu sensibilisieren. "Aufmerksame Nachbarn sind der beste Einbruchschutz. Lieber einmal öfter 110 wählen", rät Stefan Reyers und wirft noch einen Flyer in einen Briefkasten. 

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 03.03.2017 | 19:30 Uhr

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