Stand: 04.04.2019 22:04 Uhr

TÜV fordert Reform der Wartung von Windkraftanlagen

Am Donnerstag haben sich Gutachter mit Vertretern vom Betreiber, Hersteller und Beamten der Genehmigungsbehörde in der Nähe von Wilster (Kreis Steinburg) getroffen. Sie versuchten vor Ort herauszufinden, warum in der Nacht zu Mittwoch der Flügel einer Senvion-Windkraftanlage abgerissen ist. Es ist auch nicht der erste Fall dieser Art. Nur eine Koppel weiter verlor vor drei Wochen eine Amperax-Anlage einen Flügel. "Wir schauen, ob es Parallelen zwischen beiden Fällen gibt, ob es möglicherweise eine gleiche Ursache ist. Sobald noch weitere Gefahren an anderen Stellen von bauartgleichen Rotorblättern herrühren, würden wir natürlich aktiv werden", sagte Martin Schmidt vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR).

TÜV fordert einheitliches Überprüfungssystem

Prof. Torsten Faber schließt menschliches Versagen bei der Produktion nicht aus. Bevor er Leiter des Instituts für Windernergietechnik an der Hochschule Flensburg wurde, zertifizierte er Rotorblätter und kennt also die Fertigungsweisen. "Dadurch, dass Menschen daran beteiligt sind und die einzelnen Lagen laminiert werden müssen und dann die beiden Hälften zusammengeführt werden, ist die Fertigung ein ganz wesentlicher Aspekt. Und wenn sie nicht 100 Prozent akurat durchgeführt wird, dann kann es durchaus zu Fehlern kommen", erläutert Faber. Laut Hersteller Senvion wurde die Anlage alle sechs Monate von firmeneigenen Mechanikern gewartet und alle zwei Jahre von einer externen Firma überprüft. Dem TÜV Deutschland ist das nicht genug, er fordert eine bundesweit gültige Prüf-Norm - ähnlich wie die Hauptuntersuchung bei Pkw und Lkw. Werden dabei Mängel festgestellt, müssten diese behoben werden oder die Anlage müsse vom Netz genommen werden.

Bundesverband Windenergie sieht keinen Handlungsbedarf

Der Bundesverband Windenergie bezeichnet die aktuellen Prüfmechanismen als "super intensiv und absolut ausreichend" und wirft dem TÜV wirtschaftliche Interessen vor, da er die Kontrolle laut Verbandsangaben übernehmen möchte. Auch Martin Schmidt nennt das Überprüfungssystem "an sich ziemlich gut. Man wird sich natürlich, wie bei allen Vorfällen, Gedanken machen müssen, ist unser System ausreichend, müssen wir da nachbessern", sagte der Landes-Experte. Für solche Schlüsse sei es aber noch zu früh.

Zwei bis drei Meter tiefer Krater

In der Nacht zum Mittwoch hatten Anwohner im Nortorfer Ortsteil Poßfeld einen lauten Knall gehört und vorsorglich die Polizei alarmiert. Verletzt wurde laut Polizei niemand. Der abgestürzte Flügel hat einen etwa zwei bis drei Meter tiefen Krater in das darunter liegende Feld geschlagen. Am Fuße des Windrads lagen verbogene und zerfetzte, grün-weiße Plastikteile.

"Als wäre ein Flugzeug abgestürzt"

Als der etwa 55 Meter lange Flügel in der Nacht abriss, spürten die Nachbarn hunderte Meter entfernt eine Erschütterung im Boden. "Meine Frau ist wach geworden", erinnert sich Anwohner Holger Hein, "es war so laut, sie dachte, da wäre ein Flugzeug abgestürzt. Die Nacht war ja recht hell und da konnten wir schon von zu Hause sehen, dass da etwas nicht stimmte, dass da etwas fehlte."

Senvion- und Amperax-Anlagen fast gleich alt

Die Anlage vom Typ Senvion 3.2M114 steht seit etwa fünf Jahren dort. Woher die Flügel stammen, teilte der Hersteller auf Anfrage von NDR Schleswig-Holstein nicht mit. Die Amperax-Anlage ist mit Rotorblättern eines polnischen Zulieferers ausgestattet und steht ebenfalls seit 2014 auf der Koppel bei Wilster. Senvion hatte den Flügelhersteller 2016 gekauft.

Karte: Zwei Windräder verlieren Flügel
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 04.04.2019 | 19:00 Uhr

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