Stand: 17.03.2019 13:00 Uhr

Simulierte Extremsituation: Piratenangriff auf der Ostsee

von Katrin Bohlmann

Die Piraten von heute haben keine Augenklappe. Manchmal tragen sie tatsächlich noch ein Kopftuch. Aber an Brutalität haben sie nichts verloren. Erst in der vergangenen Woche, am 9. März, hatten Piraten vor Nigeria ein Schiff überfallen. Sie wollten die Besatzung als Geisel nehmen, um Lösegeld zu fordern, berichtet die Bundespolizei. Es kam zum Kampf. Die Folge: sieben Tote. Weltweit nahm die Zahl der Piratenangriffe im vergangenen Jahr deutlich zu. Das hat das Internationale Schifffahrtsbüro der Internationalen Handelskammer im Januar bekannt gegeben. Es zählte mehr als 200 Fälle, im Jahr zuvor waren es 180. Schwerpunkt dabei ist Westafrika. Die Bundespolizei schätzt die Zahl sogar um 30 Prozent höher.

Piratenabwehr: Taktiktraining in Neustadt

Deutsche Reedereien trainieren mit der Bundespolizei

NDR Schleswig-Holstein durfte bei einer sogenannten Piraten-Präventionsübung der Bundespolizei in Neustadt dabei sein. Mitarbeiter deutscher Reedereien aus Hamburg, Bremen, Leer und Rostock haben daran teilgenommen. Einmal im Jahr bietet die Bundespolizei so ein Training an. Dabei geht es erst einmal in der Theorie um Sicherheitsmaßnahmen, Abwehrtechniken und psychologische Aspekte. Aber es wird auch der Ernstfall geprobt: Ein Piratenangriff wird simuliert. Die Situation: An Bord der ehemaligen Marine-Fregatte "Köln" sitzen die 15 Reedereimitarbeiter. Hochkonzentriert verfolgen sie den Vortrag eines Psychologen. Noch ahnen sie nicht, was gleich passiert.

Schüsse, Schläge, Schreie an Bord: Die Crew muss sich schützen

Plötzlich wird es laut. Schüsse fallen. Einer schreit: "Piratenangriff, Kapitän. Alle in die Zitadelle." Die Zitadelle ist eine Schutzkammer, die jedes Schiff haben sollte. Sie ist so klein wie ein größerer Fahrstuhl, abschließbar und ihre Wände lassen keine Schüsse durch. Die Damen und Herren der Reederei - sie sind die Sicherheitsbeauftragten für ihre Schiffe - reagieren schnell. Sie stehen auf, gehen zügig die schmalen Gänge im Schiff entlang und klettern schließlich ruhig ins Schiffsinnere bis zur Zitadelle. Hier ist die Crew erst mal sicher.

Kursteilnehmer Holger Michel, von Beruf Kapitän, hat ein Funkgerät mitgenommen - auch hier in der Zitadelle hat er das Kommando. Er gibt einen SOS-Funkspruch ab. "Das ist die Köln. Die Besatzung ist in der Zitadelle. Wir sind von Piraten überfallen worden. Wie viele das sind, wissen wir nicht. Nach den Geräuschen zu urteilen, sind sie bewaffnet. Wir schätzen, es sind acht bis zehn."

In der Schutzkammer ist die Besatzung sicher vor den Piraten

Die Crew bleibt erstaunlich ruhig. Interessant: Alle bleiben eng zusammen, stehen mit dem Rücken an der Wand, fixieren die Tür. Da steht der Kapitän. Keiner registriert, dass noch weitere Räume und Türen von der Kammer abgehen. Das wird ihnen erst später in der Nachbesprechung mitgeteilt. Immer wieder fallen Schüsse in der nachgestellten Situation. Schläge sind zu hören. Das Licht geht aus, vermeintliches Gas, Trockennebel, strömt in die Kammer. "Das darf in einer Zitadelle nicht passieren", kritisiert Kapitän Michel.

In der Schutzkammer ist zu hören, wie sich die Piraten vor der Tür in einer fremden Sprache unterhalten. Dann wollen sie sich offenbar mit einer Säge Zutritt verschaffen. Die Geräusche und Stimmen kommen vom Band, Bundespolizisten spielen die Piraten. Sie haben Maschinengewehre mit Platzpatronen. Zu sehen sind sie nicht. Bilder dürfen von der Übung nicht gemacht werden. Von außen beobachtet ein Psychologe die Zitadellen-Insassen. Falls sich jemand auffällig verhält oder unwohl fühlt, wird die Übung abgebrochen.

Das Warten auf Rettung kann Wochen und Monate dauern

Immer wieder hat der Kapitän Funkkontakt zum Rettungsteam. "Ankunft der Einheit in zirka zwei Stunden", krächzt es aus dem Gerät. Die Reedereimitarbeiter fangen nun doch nervös an zu lachen. Nach knapp einer Stunde ist die Übung schließlich vorbei. Die Crew wird von einem Einsatzkommando befreit. Ein echter Piraten-Angriff mit anschließender Geiselnahme kann Wochen und Monate dauern. Das ist auch den Teilnehmern bewusst. Die meisten halten sich bedeckt, wollen nichts zu den Sicherheitsmaßnahmen auf ihren Schiffen erzählen. Sicherheitshalber. Kapitän Holger Michel fährt seit mehr als 40 Jahren zur See und hat bisher Glück gehabt. Er ist nicht von Piraten überfallen worden. Aber er weiß, dass die Gefahr groß ist, vor allem vor der Küste Nigerias. "Das ist eine Katastrophe, weil es da sehr gefährlich ist. Was ich so von meinen Kollegen gehört habe, ist die Brutalität da weitaus höher als die, die jemals in Somalia vorgeherrscht hat."

Die Zahl der Piratenangriffe hat deutlich zugenommen

Somalische Piraten hatten viele Jahre immer wieder Handelsschiffe überfallen, Geiseln genommen, um Lösegelder zu erpressen. "Mittlerweile haben sich die Piratenangriffe nach Westafrika verlagert", erklärt Bundespolizist Jan Labetzsch. Er leitet das Piraterie-Präventionszentrum in Neustadt. "Während es im Ostteil Afrikas - also bei Somalia - abgenommen hat, hat es auf der anderen Seite Afrikas - im Golf von Guinea - zugenommen. Insbesondere dort nehmen die Entführungen zu. Jetzt im Februar gab es schon über 14 Angriffe, es sind manchmal bewaffnete Angriffe, manchmal sind es nur Versuche." Es gebe aber auch Angriffe, die in einer Geiselnahme geendet haben.

Seit neun Jahren wird in Neustadt trainiert

Mehr als 200 deutsche Reedereien sind mit ihren Schiffen in internationalen Gewässern unterwegs. Seit neun Jahren bietet die Bundespolizei das Präventionsprogramm im Kreis Ostholstein an. "Anfangs wurde noch über die Schutzkammern an Bord diskutiert, da sie Geld kosten", berichtet Labetzsch. Heute hat fast jedes Schiff so eine Zitadelle. Denn: "Gibt es sie, sinken die Versicherungskosten", sagt der Bundespolizist. Und: "Reedereien halten Piratenüberfälle lieber geheim, da sie Angst vor einem schlechten Ruf haben." Aber bei einem Piratenangriff geht es einzig und allein ums Überleben.

Die Schiffe der Deutschen Marine

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 15.03.2019 | 10:30 Uhr

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