Sex und Vorurteil: Die besondere Geschichte einer Ausstellung

Stand: 02.04.2021 17:29 Uhr

Eine auf den ersten Blick provokante Ausstellung in Lübeck wurde von einem Transmann mitentworfen. Für ihn ist es eine Herzensangelegenheit.

von Linda Ebener

Tristan Bielfeld begleitet das Thema sexuelle Identität schon sein ganzes Leben. Er fühlte sich schon immer als Mann, das fing bereits im Kindergarten an. Aber er wurde mit einem weiblichen Körper geboren. In der Ausstellung "Sex und Vorurteil" mitwirken zu können, ist für den 30-Jährigen daher etwas ganz Besonderes. Seine Erfahrungen als Transmann sind in die Ausstellung mit eingeflossen. "Ich hab immer das Gefühl, dass, wenn über Transidentität gesprochen wird, dass es immer nur in ganz bestimmten Kontexten passiert, das ist immer mit einer Furcht verbunden oder mit einem voyeuristischen Interesse. Aber es geht immer weniger darum das zu normalisieren. Wir haben diesen Ansatz, dass wir eben nicht über Personen sprechen wollen, sondern mit den Personen." Mit der Ausstellung mischt sich die Lübecker Völkerkundesammlung im St. Annen-Museum in die aktuelle Genderdebatte ein. Mit Objekten aus Afrika, Asien und Europa zeigt sie in drei Räumen Objekte von Diversität, Sexualität und Gender.

Akzeptanz in der Gesellschaft

Ein Teil der Ausstellung zu sein, ist für Tristan Bielfeld ein Privileg. "Es ist mir insofern nahe gegangen, als dass ich immer wieder gemerkt hab, das ist ein unglaublich weiter Weg, den wir gegangen sind. Dass Transmenschen nicht Objekt der Ausstellung sind, sondern mitarbeiten und dass wir uns immer auf Augenhöhe begegnet sind. Das ist leider keine Selbstverständlichkeit." Schon im Kindergarten hat er immer wieder gesagt, dass er ein Junge sei, doch das hat zu dem Zeitpunkt noch niemand in Frage gestellt. Erst mit Mitte 20 hat er sich als Mann geoutet. Es war ein langer Weg, denn Tristan musste medizinische Eingriffe vornehmen und ein richterliches Gutachten beantragen, um der zu sein, der er immer schon war.

Mehr Aufmerksamkeit für sexuelle Identität

Tristan Bielfeld ist schon als Kind gerne ins Museum gegangen. Später hat er auch sein Hobby zum Beruf gemacht und im Buddenbrookhaus in Lübeck volontiert, wo er auch weiterhin arbeitet. Doch zum ersten Mal fühlt er sich bei einer Ausstellung dazugehörig. "Es ist schön ein Teil der Ausstellung zu sein und zu sehen, dass es im Museum etwas über meine sexuelle Identität gibt und sie nicht verschwiegen wird." Bei Ausstellungen findet er es generell wichtig, genau die Menschen zu fragen und mit einzubeziehen, die es auch betrifft. Neben der Tätigkeit im Museum engagiert sich der 30-Jährige vor allem in der Aufklärungsarbeit. Er spricht mit Jugendlichen in Schulen über Themen wie Transgender und erhofft sich durch die Ausstellung im St. Annen-Museum, dass das Thema sexuelle Identität mehr an Bedeutung gewinnt und es ein stückweit 'normaler' in der Gesellschaft angesehen wird.

Video über Erfahrungen mit Diskriminierung

Deshalb hat der Bielfeld für die Ausstellung "Sex und Vorurteil" acht Menschen aus Lübeck interviewt, die mit Vorurteilen und Diskriminierung konfrontiert sind. Sie sind zum Beispiel Asexuell, Transgender oder Queer und berichten über ihre Erfahrungen mit Ausgrenzungen im Alltag. Das muss aufhören, sagt Tristan Bielfeld. In anderen Kulturen und Ländern ist dieses Thema normal und findet gesellschaftliche Beachtung - in Europa ist das eher noch ein Tabutthema, das gebrochen werden muss, betont er.

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Mit Vorurteilen aufräumen

Die Ausstellung "Sex und Vorurteil" behandelt die Frage der sexuellen Identität und Orientierung rund um die Welt, sowohl bei Naturvölkern als auch bei alten Hochkulturen. Für Kurator Lars Frühsorge ist das der wesentliche Impuls der Ausstellung: "Sie soll zeigen, dass es zum Beispiel im Kamasutra in Indien vor 1.700 Jahren schon mehr als zwei Geschlechter als Mann und Frau gegeben hat. Auch in Afrika gibt es seit Jahrhunderten Begrifflichkeiten, für Dinge jenseits von Heterosexualität und am Ende ist das vielleicht die Kernaussage, dass Kulturen Sexualität gestalten. Vielleicht sind da andere Kulturen einfach ein Vorbild oder eine Inspiration für uns." Ein Beispiel dafür sind in Indien die sogenannten Hijras, Transgender oder intersexuelle Personen, die offiziell als drittes Geschlecht anerkannt werden.

Tristan Bielfeld hofft, dass die Ausstellung viele Menschen erreicht und damit auch offener über sexuelle Identität geredet wird. "Sex und Vorurteil" ist noch bis zum 29. August im St. Annen-Museum in Lübeck zu sehen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 31.03.2021 | 19:00 Uhr

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