Stand: 23.12.2019 05:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Seenotretter müssen auch Weihnachten raus

von Sven Jachmann

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Die "Theodor Storm" fährt seit 2011 im Dienste der Seenotretter und ist in Büsum stationiert.

Wenn Heiligabend die Familie zusammenkommt und es sich zu Hause gemütlich macht, warten drei Männer im Hafen von Büsum auf ihren Einsatz. Die Seenotretter haben immer Dienst, rund um die Uhr - und damit auch an Weihnachten. Das Funkgerät ist in Reichweite, sie hören es immer ab. "In wenigen Minuten sind wir mit der 'Theodor Storm' draußen, das geht ganz schnell", sagt Fabian Burrmann, der seit elf Jahren bei den Seenotrettern ist. Die "Theodor Storm" ist ihr Rettungskreuzer und liegt rund 100 Meter vom Schleusenhaus der Retter entfernt im Hafenbecken.

Rettungseinsatz im Watt

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Jörg Reinhardt, Fabian und Olaf Burrmann (v.l.) sind an den Feiertagen auf dem Rettungskreuzer in der Nordsee unterwegs.

Neben Fabian sitzen sein Vater Olaf Burrmann und Jörg Reinhardt mit am Tisch in ihrer Wohnküche. Fabian Burrmann erinnert sich an einen Notruf vor drei Jahren. Ein Paar ist im Watt vor Büsum unterwegs und kommt nicht mehr zurück. "Man hört das schon am Funk. Je klarer das ist, umso näher ist der Notfall dran. Je verrauschter das ankommt, desto weiter weg."

Mit ihrem Rettungskreuzer sind die Männer schnell unterwegs. Doch sie müssen Schleifen im Priel fahren, um nicht auf Grund zu laufen. Und verlieren wertvolle Zeit. "Das war richtig knapp. Sie hatten einen Hund dabei, der ist schon Richtung Land geschwommen. Aber die Frau war bereits über 100 Meter weggetrieben." Die Retter kümmern sich als erstes um die Frau. "Ein Kitesurfer war schon bei ihr und hielt sie fest." Schließlich bringen sie das Paar und den Hund an Land zurück.

Oft maritimer Abschlepp-Dienst

Derartige Einsätze sind eher selten. Häufiger müssen sie mit ihrer "Theodor Storm" defekte Fischkutter in den Hafen zurückschleppen. "Oder auch mal Schiffbrüchige von einer Sandbank holen", erzählt Olaf Burrmann, der seit 30 Jahren bei der Seenotrettung ist. Erst am Tag zuvor gab es einen solchen Fall. "Dann bekommen wir eine Vermisstenmeldung von dem Angehörigen. Der sei gestern losgefahren, wollte heute ankommen, ja wo ist der jetzt?" Der war gestrandet, sein Boot lag auf der Sandbank.

Zwischen Einsatz und Esstisch

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Fabian Burrmann ist seit elf Jahren bei den Seenotrettern.

Heute aber ist alles ruhig. Das Einzige, was über Funk reinkommt, ist ein Wetterbericht. 20 bis 30 Einsätze fahren sie pro Jahr. So ein Helfer-Gen haben sie alle irgendwie, wie Olaf Burrmann die Crew beschreibt. "Ich hatte schon den Gedanken, wenn ich nicht rausfahre, um zu helfen, dann kommt da wahrscheinlich keiner." 

Die meiste Zeit sind sie in Bereitschaft. Dann sitzen sie auch mal zusammen am Esstisch in ihrer Wohnküche. So wie heute. In einer Pfanne hat Olaf Burrmann Sauerfleisch mit Bratkartoffeln vorbereitet. Weihnachtlich sieht es hier allerdings nicht aus - bis auf eine Kiste Orangen, die einer der zahlreichen Förderer vorbeigebracht hat. "Gegen Skorbut", scherzt Burrmann. Sein Sohn Fabian sitzt neben ihm. Gerade in diesen Tagen haben sie regelmäßig Besuch. "Da gibt es auch schon mal einen Präsentkorb", erzählt er.

Steak essen mit dem Landrat

Vergangenen Montag kam der Dithmarscher Landrat Stefan Mohrdieck zum Steakessen. Das hat kurz vor Weihnachten Tradition und wurde schon von seinem Vorgänger eingeführt. "Der wollte uns besuchen und hat gefragt, ob das nicht auch mittags ginge. Da haben wir angeboten, er könne ja zum Essen kommen. Seitdem gibt es immer Steak für den Landrat", erzählt Olaf Burrmann.

Geschenke von Freunden - rechtzeitig

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Macht seit 13 Jahren immer Dienst an Heiligabend: Jörg Reinhardt.

Jörg Reinhardt ist seit 13 Jahren bei den Seenotrettern - und hat seitdem immer Heiligabend seinen Dienst in Büsum angetreten. "Ich habe keine Kinder, da mache ich das gern. Ein anderer Kollege hat ein kleines Kind, der übernimmt dafür Silvester Bereitschaft." Seine Schicht beginnt am 23. Dezember und endet eine Woche später. "Viel passiert in der Zeit nicht. Einmal wurden wir alarmiert, 'Person im Watt'. Aber die fanden wir später nur ein paar Meter weiter in der Kneipe." Spannender ist da eher die Frage, was sich die Seenotretter in ihrer Küche zu Weihnachten brutzeln. "Das steht noch nicht fest. Wir hatten hier schon mal Rumpsteak gemacht, einmal hatten wir auch eine Ente."

Daneben gibt es reichlich Geschenke von den Freunden der Seenotretter. "14 Tage vor Weihnachten geht das los", lacht Reinhardt. Die Fischereigenossenschaft schaut immer kurz vor Weihnachten vorbei, um sich für die Zusammenarbeit zu bedanken. "Da haben wir auch mal Zeit, über das zurückliegende Jahr zu schnacken."

Ein besinnlicher Dienst

Weihnachten ist es ruhig in Büsum. "Es ist ein Dienst wie jeder andere auch, nur etwas besinnlicher, wenn auch ohne Weihnachtsbaum", sagt Reinhardt. Freunde rufen dann meistens an und jeder kann sich auf seine Kammer zurückziehen, mit der Familie chatten und auch mal für sich sein.

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Weihnachten ist "eine sehr melancholische Zeit"

Auf der Nordsee hingegen herrscht reger Schiffsverkehr. Die Handelsschifffahrt macht keine Pause. Fabian Burrmann kennt die Atmosphäre an Bord, die sich über Weihnachten breitmacht. Er hat Schiffsmechaniker gelernt, war auf großer Fahrt. "Einige kommen vom anderen Ende der Welt. Sind schon seit Monaten an Bord. Zur Weihnachtszeit werden die melancholisch und bekommen Heimweh. So mancher zieht sich zurück auf seine Koje, der wird dann ganz still."

Auch sein Vater Olaf weiß, dass Weihnachten immer "eine sehr melancholische Zeit ist". Er erzählt, dass es immer mal wieder vorkommt, dass an den Feiertagen ein Mensch über Bord geht. "Dann müssen wir raus, um die Person wiederzufinden", sagt sein Vater. Die Chance ist sehr gering, denjenigen im offenen Meer wieder zu finden. "Das sind die unangenehmsten Einsätze. Ich war schon des Öfteren los, aber gefunden haben wir denjenigen nie."

Kitesurfer gehen gern raus - auch an Feiertagen

"Wenn es dann auch noch diesig ist, muss Du dich ganz schön anstrengen, wenn Du was sehen willst", ergänzt Jörg Reinhardt. Und bei schwerer See wird es auch für die Retter gefährlich. "Stell dir vor, du sitzt in der Achterbahn, es wackelt fürchterlich und dann musst du jemandem helfen. Das Gefahrenpotenzial ist hoch."

Fabian Burrmann guckt aus dem Fenster. "Die Kitesurfer sind wieder in Gange." Die seien auch Weihnachten unterwegs, sagt er. So ist das in Büsum: Die einen gehen vor der Bescherung auf dem Deich spazieren und die anderen surfen noch kurz mit dem Kite raus. Nur die Seenotretter, die bleiben hoffentlich drin.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein von 10 bis 2 | 24.12.2019 | 10:20 Uhr

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