Schwierige Zeiten für Mannschaftssport: Kinder bleiben weg

Stand: 21.09.2021 05:00 Uhr

Endlich gehen die Punktrunden beim Handball und Fußball wieder los. Doch in vielen kleinen Vereinen bleiben Kinder und Jugendliche weg. Auch Trainer sind Mangelware. Einer der Gründe: die Corona-Pandemie.

von Andrea Schmidt

Handballtraining der männlichen B-Jugend in der Preetzer Blandfordhalle (Kreis Plön): Elf etwa 15-Jährige üben lautstark und top motiviert Spielzüge, werfen Siebenmeter, optimieren "Sperre/Absetzen". Julian ist einer von ihnen - und er kriegt sein breites Grinsen gar nicht aus dem Gesicht. "Alle haben Bock auf die neue Saison. Alle. Ich spiele, seit ich vier bin, Handball. Ohne Sport während der Corona-Zeit ging gar nicht!" Seine Mannschaft kann sich glücklich schätzen: Sie ist zustande gekommen und hat sogar Trainer im Doppelpack. Aber viele andere Teams konnten gar nicht melden: "Wir haben in diesem Jahr keine männliche E, auch keine weibliche E, die weibliche C ist nicht zustande gekommen und die wenigen A-Jugend-Spieler machen nun bei der Vierten Männer mit", sagt Handball-Spartenleiter Lennart Dräger. Einfach nur traurig sei das.

Absagen ohne Ende - Wechsel zu Individualsportarten

Was sind die Gründe? Wo sind die Kinder und warum kommen sie zum Teil nicht mehr in die Sporthallen? Beispiel weibliche C beim TSV Preetz: "Ich bin auch ratlos und enttäuscht", sagt Trainer Christian Wörmann. "Seit März haben sich nach und nach sieben Spielerinnen abgemeldet. So extrem hatten wir das noch nie." Die Sporthallen waren lange Zeit dicht, Teamsportarten vielen wegen Corona lange aus. Viele Mädchen hätten mit Reiten oder Rudern angefangen. Und die ein oder andere habe eben wohl auch gemerkt: Ohne Handball und Verpflichtungen lässt es sich auch ganz gut leben.

LSV: Situation der Ehrenamtlichen spitzt sich zu

Zwei junge Männer stehen mit Handbällen in der Hand in einer Sporthalle und blicken in die Kamera © NDR Foto: Andrea Schmidt
Zwei junge Männer, die sich in Preetz mit Herzblut um Kinder- und Jugendhandball kümmern: Christian Wörmann (l.) und Lennart Dräger.

Besonders heftig trifft es die ganz Kleinen - die E-Jugend. Sie hatten gerade erst in die Sportarten reingeschnuppert, als auch schon wieder alles vorbei war. In Preetz kam erschwerend hinzu, dass sich hier keine Trainer fanden. "Auch das ist ein Riesenproblem: Immer weniger Leute wollen Ehrenamt machen", sagt Lennart Dräger. "Durch Corona gibt es noch einmal mehr Arbeit: die ganzen Listen, die man ausfüllen muss, die Hygienekonzepte - das macht alles keinen Spaß." Auch der Landessportverband bestätigt: "Die Situation der Ehrenamtlichen beim Sport hat sich schon zugespitzt", so Thomas Niggemann, zuständig für den Breitensport. Die Vereinsverantwortlichen und die Eltern haben noch mehr Fragen und Zweifel als bisher, der Verwaltungsaufwand sei riesig - da hätten sicherlich einige die Lust auf's Ehrenamt verloren. In ganz Schleswig-Holstein fehlen in den Sportvereinen Trainer und Ehrenamtliche.

Wechsel zum weit entfernten Nachbarverein

Eine Frau steht mit einem Mädchen neben einem Auto und beide blicken in die Kamera © NDR Foto: Andrea Schmidt
Meike Albrecht fährt ihre Tochter Nieke nun zweimal wöchentlich zum Handballtraining von Preetz nach Mönkeberg.

Und was machen die kleinen willigen Handballspieler in Preetz? Sie hören entweder wieder auf mit dem Sport oder sie suchen sich einen anderen Verein. Die achtjährige Nieke zum Beispiel fährt nun mit ihrer Mutter Meike Albrecht zweimal die Woche nach Mönkeberg (Kreis Plön). 45 Minuten Autofahrt hin und zurück, und zwischendurch während des Trainings im Auto warten und den dreijährigen Sohn bei Laune halten. Mama Meike vermisst Preetz: "Das ist schon immer sehr familiär. Man trifft sich mit anderen Eltern in der Halle und Nieke spielte da mit ihren Klassenkameraden." Aber Hauptsache Handball spielen, findet auch die Achtjährige: "Hier ist alles anders, aber die erklären mir ganz viel. Und ich habe auch schon Freunde gefunden."

Probleme vor allem auf Kreisebene

In Preetz ist die Situation also ziemlich heftig. Der Spielwart der Region Förde, Ralf Rathje, bestätigt, dass die Schusterstadt kein Einzelfall ist. "Das ganze Ostufer Kiels zum Beispiel - da ist es auch schwierig." Rathje ist auch zuständig für alle Jugendmannschaften von A- bis C-Jugend auf Kreisebene. "Es gibt schon einen signifikanten Rückzug", sagt der engagierte Spielwart. Im vergangenen Jahr waren hier 322 Mannschaften gemeldet, jetzt sind es seinen Angaben zufolge knapp 265 - ein Minus von 57 Mannschaften. Der Landessportverband merkt ebenfalls an, dass die Verluste eher auf Kreisebene ins Gewicht fielen - nicht aber in den höher spielenden Ligen. Und auch Thomas Niggemann hebt die Jüngsten hervor: "Da haben wir landesweit bei den Kleinen leider fast 20 Prozent Verluste." Es gibt aber auch viele Vereine ohne Nachwuchsprobleme - nicht überall läuft es schlecht.

Eine Gruppe von jungen Handballspielern stehen in einem Tor und blicken in die Kamera © NDR Foto: Andrea Schmidt
Die männliche B-Jugend von Preetz kommt zustande, etliche andere Jugendmannschaften in der Stadt nicht.
Blick zum Fußball: Ähnliche Lage

Ein kurzer Blick zum Mannschaftssport Fußball: auch hier ein ähnliches Bild. Waren 2019/20 noch insgesamt 3.504 Mannschaften gemeldet, sind es 2020/21 3.285. Die Zahl der Teams geht aber schon seit etlichen Jahren zurück - es liegt natürlich nicht nur an der Pandemie. "Auch wir haben das Problem, dass wir zu wenig Ehrenamtliche haben", sagt der Sprecher des schleswig-holsteinischen Fußballverbandes, Karsten Tolle. Deutlich sei der Rückgang beim Mädchen- und Frauenfußball. "Da wollen wir eine Weiterentwicklung und machen dazu beispielsweise einen Kongress im Herbst." Für den Fußball, so Tolle, war die Corona-Zeit eine "schmerzlich lange Pause", aber gegenüber dem Hallensport hatten die Fußballer den Vorteil, wieder früher draußen kicken zu dürfen.

Bock auf die Saison - und Sorgen um die Zukunft

Nun denn, es geht wieder los: Ob Fußball oder Handball, ob klein oder groß, Zehntausende Mannschaftssportler in Schleswig-Holstein freuen sich auf die kommende Spielsaison. So wie Julian und seine Teamkollegen in der männliche B-Jugend in Preetz haben alle Bock auf den Wettkampf, auf die Spannung, auf den Teamgeist und das Miteinander. Doch so ganz lässt sich bei den Trainern und Sportverantwortlichen die Sorge um die Zukunft nicht weglächeln. Bleibt Schleswig-Holstein weiterhin ein Land des Mannschaftssports mit vielen Teams in allen Dörfern und Städten?

Eine Gruppe Handballer*Innen liegt in einer Kreisform mit dem Kopf zu Mitte auf dem Hallenboden in der Mitte der Ball. Auf dem Post steht, "Endlich wieder im Verein: Teamgeist statt Geisterspiele." Der Post ist vom LSV-SH. © LSV-SH
Mit einer "Comeback-Kampagne" unterstützt das Land die Vereine bei der Rückgewinnung der Mannschaftssportler.

"Das geht wohl nur, wenn wir auch in den Schulen und Kindergärten noch mehr Werbung für die Sportarten machen", regt Spartenleiter Lennart Dräger an. Und auch der Landessportverband macht mit und unterstützt Vereine mit einer sogenannten "Comeback"-Kampagne. Vereine und Verbände bekommen kostenlos Plakate, Banner und Postkarten geliefert, um Werbung für den gemeinsamen Sport zu machen. Die Slogans lauten unter anderem: "Teamgeist statt Geisterspiele" und "Gemeinsam am Ball bleiben."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 21.09.2021 | 08:00 Uhr

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