Stand: 29.12.2018 06:00 Uhr

Schleswig-Holsteiner erzählen von Schneekatastrophe

von Stefanie Döscher

Viele Schleswig-Holsteiner haben noch Erinnerungen an den Winter 1978/79, der nun 40 Jahre her ist. Nur drei Sorten Brot beim Bäcker, Autos und Häuser begraben unter Schnee - aber es gab auch einen großen sozialen Zusammenhalt und ein Gemeinschaftsgefühl. Zahlreiche Menschen haben uns ihre Geschichten aus dem Schneewinter 1978/79 erzählt. NDR Schleswig-Holstein hat diese vielen kleinen Erinnerungen zusammengefasst.

Fehmarn: Nur drei Sorten Kuchen beim Bäcker

Die Ostsee-Insel Fehmarn erwischt es besonders heftig: Keiner kommt mehr rauf, keiner kommt mehr runter. Auch viele der Mitarbeiter von Gesine Hansen in ihrer Backstube "Mien Bäcker" in Burg können nicht zur Arbeit kommen. Die Rohstoffe Mehl, Hefe und Co. sind knapp. Daher entscheiden sich Hansen und ihre Kollegen, das Angebot zu verkleinern: Kopenhagener, Butterkuchen und Berliner, drei Sorten Brot, drei Sorten Brötchen. Das ist alles, was es in den kommenden Tagen gibt. Neue Zutaten kommen mit dem Bundeswehr-Hubschrauber und werden abgeworfen. "Wir haben gebacken, was das Zeug hält", erinnert sich Hansen.

Eingeschneite Autos, zugefrorene Häfen

Trotz Fahrverbot dürfen sie als sogenannter Versorger mit dem Bäckerei-eigenen VW-Bus über die Insel fahren, um die anderen Filialen der Kette zu beliefern. "Die Leute haben die Brote direkt aus den Körben gekauft", sagt Hansen. Sie erinnert sich besonders daran, dass während der Katastrophe alle etwas näher zusammenrückten: "Wenn man auf die Straße ging, traf man sich und schnackte, alle waren ja zu Fuß unterwegs. Und: Alle halfen einander. Wer hat noch was? Wer kann dem Nachbarn beim Schneeschieben helfen?" Sie ist damals 25 Jahre alt und Mutter eines kleinen Sohnes. Noch heute erinnert sie sich positiv an die Zeit der Katastrophe: "Das war irre. Für unsere kleine Insel war da echt viel los, das war interessant", erzählt sie NDR Schleswig-Holstein.

Enorme Hilfsbereitschaft

Thorsten Scherer ist während der Schneekatastrophe in Husum (Kreis Nordfriesland), auch er erinnert sich vor allem an die große Hilfsbereitschaft: "Wir haben Gänge durch die Schneewehen in der Matthias-Claudius-Straße gegraben. So gab es zumindest einen Weg, auf dem sich zwei Menschen begegnen konnten", berichtet er auf Facebook. "Wir jungen Erwachsenen halfen den älteren, kauften etwa für sie ein", berichtet er weiter. Ein Bauer habe spontan Leute aufgenommen, die wegen des Schnees auf der Bundesstraße liegen geblieben sind. "Eine solche Hilfsbereitschaft habe ich weder vorher noch nachher noch einmal erlebt."

Vater kommt sieben Tage nicht nach Hause - weil er hilft

Seinen Vater Hans-Joachim sieht Thorsten Scherer nach Anbruch der Schneekatastrophe sieben Tage nicht. Er ist damals verantwortlich für die Betreuung des Geländes vom Militärflugplatz in Schwesing. Hier gibt es auch Schneepflüge - eigentlich um den Flugplatz zu räumen. Zum Jahreswechsel 1978/79 räumen Hans-Joachim Scherer und seine Mitarbeiter allerdings die wichtigsten Wege nach Husum. "Mein Vater und seine Kollegen waren eine Woche nicht zu Hause. Sie blieben in der Kaserne", erinnert er sich. Einmal sei ein Räumfahrzeug vorbeigekommen, dessen Besatzung die Scherers gute Wünsche für den Vater mitgeben konnten. "Leider hat die Stadt Vaters Engagement niemals richtig gewürdigt", berichtet er.

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Zum Jahreswechsel 1978 ist Birgit Ignaszak 15 Jahre alt und im letzten Schuljahr. Alt genug, um zu helfen. Aber das macht sie gern. Eines Abends schickt ihre Mutter sie raus - noch schnell etwas zu Tante Lina bringen. Doch auf dem Rückweg passiert es: "Während ich bei der Nachbarin war, hatte der Wind gedreht. Es war eine neue Schneewehe entstanden. Genau dort, wo ich langlaufen musste, um nach Hause zu kommen. Da bin ich dann durch - und versackt. Ich habe es nicht geschafft, mich wieder zu befreien. Irgendwann dachte ich: Egal, dann erfrierst du halt", berichtet Birgit Ignaszak.

Doch der Vater des Mädchens macht sich mit mehreren Nachbarn auf die Suche. Gemeinsam ziehen sie die Tochter aus dem Schnee. "Sie haben mich dann in die heiße Badewanne gesteckt. Den Arzt konnten sie nicht rufen, der wäre ja nicht gekommen", erinnert sich die Frau. Neben dem Schockerlebnis denkt sie heute vor allem an die Hilfe und das Füreinander da sein. "Wir haben immer über unsere Eltern mit ihren prall gefüllten Speisekammern gelästert. Doch als der ganze Schnee kam, waren wir dankbar, dass wir sie hatten. So konnten wir auch den Nachbarn helfen, die keine Vorräte hatten."

Kerzen statt Lampen

Als über Tage der Strom ausfällt, weil unter den Schneemassen die Oberleitungen einbrechen, sorgen Kerzen für gemütliche Stimmung. Auch Wärme wird geteilt. Wer eine Öl-Heizung hat, die ausgefallen ist, wird mit Decken versorgt oder zu denen eingeladen, die mit Kohlen und Holz heizen. "Es wurde immer viel über die Burenslüüd gelästert, in dem Winter waren viele Leute froh, dass es uns gab. Auch wenn man den anderen eigentlich doof fand, waren wir füreinander da", sagt Birgit Ignaszak.

Für die Kleinsten: Ein Jahrhundertereignis

Stefanie R. ist neun Jahre alt, als Schleswig-Holstein im Schnee versinkt. Sie ist eines von Tausenden Kindern, für die die Schneekatastrophe vor allem eines ist: ein großer Spaß. Die Bauern im Dorf ziehen die Kinder auf Schlitten hinter dem Trecker her, sie springen vom Hausdach in mannshohe Schneewehen und auf dem zugefrorenen Teich spielt die Dorfjugend gemeinsam Eishockey. Zuletzt kommen Panzer der Bundeswehr in das Dorf, das vom Rest der Welt abgeschnitten ist. Das Militär bringt Trinkwasser, weil die Leitungen gefroren sind. "Das war großartig", erinnert sich Stefanie R.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 27.12.2018 | 06:00 Uhr

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