Stand: 18.08.2018 12:00 Uhr

Naturschützer in Sorge: Sahara in der Salzwiese

von Thomas Samboll

Eine Schafherde sucht auf dem Deich bei Husum nach Futter. Viel zu fressen finden die Tiere nicht mehr. Durch die sengende Sonne der vergangenen Wochen ist das frische Gras, das hier normalerweise wächst, völlig verdorrt. Eine achtlos weggeworfene Zigarettenkippe - und der Deich könnte in Flammen stehen. Nicht das Einzige, was Rainer Schulz vom Verein Schutzstation Wattenmeer Sorge bereitet. Denn auch im Deichvorland herrscht Dürre.

Wattenmeer: Krähenbeeren und Besenheide verdorrt

Wüste im Watt

In den Salzwiesen sehe es an manchen Stellen aus wie in der Sahara, sagt der Biologe: "Hochliegende Salzwiesengräben oder Salzwassertümpel sind komplett ausgetrocknet. Man hat teilweise 20 Zentimeter tiefe Trockenrisse, fünf Zentimeter breit. Das haben wir in diesem Ausmaß in den letzten 10, 20 Jahren auch noch nie gesehen. Das sieht schon sehr wüstenhaft aus." Normalerweise werden diese Gräben und Tümpel zweimal pro Tag überflutet. Der stetige Ostwind in diesem Sommer hat das Hochwasser jedoch immer wieder soweit zurückgedrängt, dass es die höher gelegenen Teile des Watts nicht mehr erreichen konnte.

Keine Chance für Muscheln und Würmer

Den Rest besorgte die gleißende Sonne: "Und da kann man sich vorstellen, dass dann in dem knochentrockenen Sediment natürlich kein Wurm, keine Muschel mehr überleben kann. Die sind dann einfach verdorrt", erklärt Schulz. Wattvögeln wie Austernfischern und Rotschenkeln sind damit einige Leckerbissen verloren gegangen. Für die Vögel sei das aber nicht bedrohlich, so der Biologe. Sie würden anderswo im Watt noch genug Nahrung finden.

Strandastern im "Dürre-Stress"

Der Pflanzenwelt setzt die Trockenheit dagegen sichtbar zu. "Halligflieder, Strandastern und viele weitere Pflanzen blühen früher als normal. Teilweise zwei, drei Wochen", sagt Schulz. Einige Pflanzen zeigen richtige Stress-Symptome. Der Biologe deutet dabei auf einige rotverfärbte Blätter. Normalerweise ist das erst im Herbst zu sehen. Und Schulz ist überzeugt: "Dieses Jahr werden sie wahrscheinlich deutlich früher als sonst absterben.“

Unabsehbare Folgen für Krähenbeeren

Auch sein Kollege Rainer Borcherding sieht die Entwicklung mit Sorgenfalten im Gesicht. Ein paar ganz besondere "Dürre-Opfer" sind die Krähenbeeren in den Dünen von Sylt und Amrum. "Sie riechen nicht nur besonders gut, sondern werden auch gern von Zugvögeln wie Staren und Regenbrachvögeln gefuttert", erklärt der Biologe. Doch weil es seit Wochen nicht richtig geregnet hat, macht das auch den Beeren zu schaffen: "Das hatten wir noch nie, dass die Krähenbeerensträucher wirklich komplett vertrocknen. Es sind so etwa fünf Prozent abgestorben. Und das macht uns ein bisschen Sorge. Weil wir eben nicht wissen, ob die, die diesen Sommer jetzt so eingetrocknet sind, wieder neu austreiben oder ob die wirklich tot sind."

Zugvögel könnten Bogen um die Inseln machen

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Laut einer Studie der Uni Oldenburg könnte es bis zum Jahr 2050 das Aus für die Beere bedeuten - sollte es im Norden weiter von Jahr zu Jahr wärmer werden. Wenn das duftende Kraut mit den schwarzen Früchten wirklich verschwindet, könnten auch die Zugvögel in den Sylter Dünen ausbleiben. Auch Naturschützer sind da machtlos. "Für die Krähenbeere können wir nichts tun, weil sie auf den Dünenkuppen wächst. Und da kann man jetzt nicht mit der Gießkanne drübergehen", berichtet Borcherding. In den Dünentälern hat der Kampf gegen die Folgen des Klimawandels dagegen begonnen.

Wassermangel auch durch Massentourismus

Weil der Grundwasserspiegel sinkt, sollen einige Dünentäler vertieft und an die sinkenden Pegel angepasst werden. Dadurch sollen feuchtigkeitsliebende Pflanzen und Tiere geschützt werden. Das allein wird jedoch kaum ausreichen, um die Wasserversorgung der Pflanzen und Tiere langfristig zu sichern. Rainer Borcherding verweist in diesem Zusammenhang auch auf die vielen Urlauber, die mit ihrem Wasserverbrauch zu den Problemen beitragen. Angesichts des Klimawandels müssten sich Ferieninseln wie Sylt und Amrum nun entscheiden, wie wichtig ihnen der Naturschutz ist, mahnt der Biologe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 17.08.2018 | 21:05 Uhr

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